KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 3 (1.12.1912)
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 64 (sequence 12)
- Language
- German
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Zugehörigkeit zur jüdischen (Gemeinschaft z»l. erklären und a» rechtfertigen. Tie Tatsache, daß er als Jude gebaren war, genügte im allgemeinen, nin ibn zn einem gläubigen und begeisterten Anhänger de-? Judentums zn niachen, und er ivar van feinem Gmtesglanben sa durchdrungen, daß er — safer« die Frage überhaupt je an ihn gerichtet wurde — sofort eine klare und tin,zweideutige Antwort fand: Er war Jude, weil e r a n d e n e i n i g -- e inzi g e n El a t t g l a u b t e. d e r s i ch sein e n B ä t e r n a m S i n a i aff e n - hart hatte und nach dessen lehren und Gebaten er lebte! Er tvar Inbc seiner ))l eligia n n a ch! Teufetben Eindruck hatte auch die anszenstehende Welt. Für sie war der Jude ebenfalls mit seilien Brüdern fest zusammengekettet durch daS Band des gemeinsamen Klaubens, und dieser Anschanung gemäß wurde stets verfahren, ab man bem Juden freundlich entgegenkam oder ab man ihn mit Haß und Wut verfolgte. Man rühmte das Volk der Bibel, ans dem religiöse Genies wie MaseS und die anderen Propheten hervargegartgen tvareu, man bestanltte es lvegen feines starrett FesthaltettS an einen! Glauben. der nur Drangsal und .Kummer einbrachte, aber man verabscheute es anf der anderen Seite, weil es und) dem ständig wiederkehrenden Vorwürfe Christus gekreuzigt hatte. Tie Iudenfeindschaft des christlichen Büttelalters ist vornehmlich ans dem einet, Gesichtswinkel zu verstehen: Durch fein bloßes Bestehen wirkte das ^iibcutnut als lebendiger Zeuge für die Tatsache, daß das Christenttun nicht, wie es behauptete, die einzige, alleinseligmachende Religion sei; es störte die christliche GlnubenSeinheit des Westens in ganz empfindlicher Weise. Wie ai'.ch immer «ui« das Prablent zu erfasset! versucht, ab vatn subjektivem Standpunkt der Inden selber, ab vanl objektiven des kühl beobachtenden Richtjnden, innner war das Judentum in seinen! charakteristischen Merkinale unbestrittenerntaßen Religion. Erst unserer Zeit war es Vorbehalten, in diesen Anschauungen einen Wandel eintreten zu lassen. In allen Fragen jüdischer Entwicklung war und ist eS naturgemäß die allgemeine Kultnrlage, welche»auf daS Judentn'm beftinnnend einwirkt, und so spiegelt sich in der Auffassung von Wesen unserer Gemeinschaft ebenfalls ein gutes Stück der Geistesgeschichte des letzten Jahrhunderts wieder. Das deutlichste Unterscheidungsnierktnal mm zwischen den heilte wirksamen Knltnrfaktoren und denen verflossener Tage offenbart sich in der Stellung der Menschheit zur Religion, zur christlichen sowohl wie zur jüdischen. Bis weit in die Neuzeit hinein war sie der Mittelpunkt alles Kulturlebens, das Herz, von dem alle anderen Teile abhängig waren, van den: sie Leitung, Atlregung, ja ihre ganze Lebenskraft empfingen. Man streiche aus der Kunst und der Wissenschaft des Mittelalters wie ans den anderen (Gebieten die religiösen Impulse und deren Wirkung, und man wird erstaunt sein, wie unendlich wenig, ja fast nichts übrig bleibt? Bon welcher Seite, inan auch sich in das Kulturleben versenkt, immer gelangt ntan zn devt einen Mittelpunkt, der 'die Ströme warnten Lebens aussendet, zur Religion! Diesen Faktor hat nun unsere Zeit vom Throne der Herrlichkeit herabgczogen; die früher von ihr abhängigen Gebiete haben sich emanzipiert und sind selbständig geworden, Kunst und Wissenschaft jeder Wrt fühlen sich in ihrer Voraussetzungslosigkeit als gleichberechtigte Mächte neben der Religion. Und gleich als tvalllen sie sich für die lange Zeit der Abhängigkeit rächen, treten sie-in einen scharfen Gegensatz zu ihrer Mutter, die sie in inildercn Füllen belächeln, in schlimmeren schmähen. Keinesfalls wollen sie mit ihr in irgend einem nachweisbaren Zusannnenhange stehen, weil sie einen solchen als lomprvmittiercnd empfinden würden. Und ans nieselt Gedankengüngen heraus ist es zu erklären. daß die Juden, die ja anf allen Gebieten dieser inodernen von derReligion enwnzipierten Kultur so zahlreiche brauchbare Streiter stellen, vielfach in Zweifel gerieten und sich bei der affen baren Gegensätzlichkeit zwischen Religion und den anderen (Gebieten fragten, ob sie noch bei ihrer Gemeinschaft bleiben könnten. Ta nun im allgemeinen teils instinktiv, teils ans Gründen der Pietät und der Ehrenhaftigkeit der Zusammenhang gewahrt blieb, wurde das Gefühl der Unbefriedignng der Boden, aus welchem wie die Bilze Versuche in die Höhe schossen, des Judentums Wesen in etwas anderein und Neuem, in etwas Modernen!, llicht so Rückständigem und Kompromittierendem zn suchen. Manche waren ehrlich genug zuzngeben, daß sie nur aus T r o i; und ans anständiger (Besinnung tvegen der vielen Verfolgungen mtd Zurücksetzungen Inden blieben, andere konstruierten sich ein soziales Iudeittnm, indem sie diese hervorragende Seile des Glaubens herausgriffen und zur Hauptsache machten, wieder andere ließen sich von der Welle des nationalen C h a u v i n i s in u s, der unsere Zeit vergiftet, tragen tind suchten im 'Rationalismus das Wesen des Jndentuins, und nur wenige waren und sind es. die trotz der ungünstigen Zeitverhältnisse innerhalb und außerhalb unserer Gemeinschaft sich den klaren Blick und den höheren Standpunkt bewahr! haben, die nach wie vor im Judentum suchen und finden, was es war, was es ist, was es sein wird: Religion! Wenn nun diese Ansiihrnrtgen erweisen wollen, daß der religiöse Grundcharakter des JudentuniS