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KC-Blätter · 1912-11-01 · Heft 2 (1.11.1912) · p. Seite 38

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 2 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 38 (sequence 10)
Language
German
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38 Lin Wort au - unsere Äl'anlx'nsgenol'sen. Aufruf.zur Gründung der freien Verbindung Vindrinn nnö dem Slnumersemester t.^6.*) Der Antisemitisntus scheint in seinen lebten Zügen zu lieqen. Diese Vewegiing, die fast ein Dezennium hindurch die Leidenschaften der Menge in nnerisärter Weise aufgeregt und ein neues Ferment des Hasses, Reides mtd der Unzufriedenheit unter die Beoöikerung gestreut hat, ist anscheinend imnn'r schwächer geworden und scheint endlich dem Erlöschen nahe. Die Zeit der hochgehenden Wagen, in der kein Zeitungsblatt erschien, ahne angnsss- oder verteidignngsweise die Frage zu berühren, ist vorüber. Die großen Hetzen haben anfgehärt. Jener Apostel der Intoleranz hat es aufgegeben, in „Volksversammlungen" unter dem Beifall des Pöbels den Rassenhaß zu predigen, es wird nicht mehr der schamlose Versuch gemacht, die uns verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte auf dein Wege der Geseßgebung anfznheben. Die Leiter dieser Bewegung sind ucvftiimmt; einer nach dem andern haben sie sich vorn Kampfplaß ltuö vom öffentlichen Leben zurückgezogen, mib fast ausnahmslos mit Unehre zurückgezogen. Wenn Verivorfenheit und sittlicher Defekt der Urheber ein Beiveis für die Schlechtigkeit der Sache ist, so sollte der Antisemitismus gerichtet sein, und nur noch der Geschichte der menschlichen Verirrungen angehören. lind bei oberflächlicher Betrachtung scheint es in der Tat, als ob die Zeit 'einer solchen Auffassung nicht mehr fern wäre. ''Aber es scheint aud) nur so. Jene Hetzer konnten in der Tat gehen, denn sie hatten ihre Schuldigkeit nur zu gut getan. Der Same, den sie ausgestrent hatten, ging auf und schling Wurzel im deu>scheu Volke — es bedurfte keiner weiteren Pflege mehr. So erklärt sich einfach der Gegensatz zwischen der Beruhigung der Oberfläche und der Gährung irr der Tiefe: der geräuschvolle Apparat konnte weg fallen, denn er hatte seinen Zweck erfüllt. Daß aber wirklich durch jene fanatischen Lehren das ganze Volksleben vergiftet ist. daß Haß *) Aus Anreguua vvv verschiedeueil Leiten bringen wir den Ausruf der alten Viadriua. der unederhalt in den K. -Blättern «zulelit im Oktuberlieft S. -st> zitiert worden ist. zum Abdrnik. um Um, de» ersten Niederschlag des SX. (L.-GedantenS. einer iveiteren Oestentlichkeit zngäng lick zu machen. Der Aufruf zeugt von dem weitlNukenden Verständnis der Gründer' der Viadriua, die bereits vor einem Vtenschenalter ein Programm ausgestellt haben, das nicht nur für den Af. (5, heute noch die Richtschnur seines Handelns bildet, sondern dessen Gedanken auch von dem weitaus größten Teil der deutschen Juden gebilligt und beherzigt werden. Die Redaktion. Nild Neid unsere Schritte verfolgen, daß wir Inden in lveiten Kreisen der Bevölkerung ver achtet, gehaßt, mindestens aber als Fremde und nicht als ebenbürtige Mitbiirger betrachtet werben, darüber können wir uns keinem Zweifel hin geben: mit Schmerz aber sehen wir diese Ge fühle gerade bei ben gebildeten Ständen sich kllndgeben. Und hier wiederum ist es vor allem die akade mische Jugend, die berufene Hüterin der Ideale, die jene Lehren mit Beaa'ist.'inng in sich anfge nommen hat uub eifrig bestrebt ist. sie in Entert Nlttzilsehen. Es dürfte fmua nötig fein, hierfür Belege beiznbringen. In tilfou Erinnerung lebt das auch in weiteren Kreisen bekannt gelvordene Vorgehelt >rnd die Tenden.; der erei ne deu tscher Studenten. Wir, die mir noch inmitten des akademischen Lebens stehen, sühlen täglich, stündlich, welche Kstnst uns von denen trcm«t, die wir unsere Kommilitonen nennen. Tiefe Tatsache ist für uns persönlich bedrückend, beschämend. > aber sie erscheint bedenklich und bedrohlich aml) für roeitere Kreise, wenn w-r die Konsegirenze»! dieser Verhältnisse ins Z'inge fassen. Die akadettn'sche Jugend ivird als die Hoffnung und der Hort, als die künftige Bliite der Nation betrachtet, ist ns ihr ergänzen sich diejenigen Stünde, die auf dos gesamte geistige Leben des Volkes den verbreitetsten und nachbalrigsten Einfluß nusüben. Die akademischen Burger sind es besonders, in deren Hände einst die Erziehung der Fugend gelegt sein wird; und wer zweifelt daran, daß die tGegner ihren überwiegenden Einfluß in ihrem Sinne geltend machen werdend Ist dem aber so. daun ist ein Ende dieser Bewegung gar nicht abznseheu. Vermöge der kontinuierlichen Wechselbeziehungen zwischen der Jugend und ihren Erziehern wird der Rassenhaß traditionell uu ibcu und in polen zierter Form von einer Gelie-otion auf die andere übergehen. Es tvird so in nicht zu langer Zeit eine Summe oou Spannung angehäuft werden, die sich eiust mit elementarer Gewalt auf unsere Häupter entladen könnte. Diese Betrachtung laßt aber auch klar ben Punkt erkennen, wo eingeseht werden muß, mu jenen verhängnisvollen Knislauf wirksam zu llnterbrechen. Huben die Anschauungen des Studenten eine so große Bedeutung für die Gestaltung des spätereil LeBus. so wird gerade eine in Studentenkreisen si>ch erhebende Reaktion gegen die antisemitische Belvegullg von tiefgehender und weittragerider Bedelltuug sein. Daß eilte solche Reaktiolt nicht gerade hier schon längst eingetreten, ist rnerkwürdig; daß sie j — schon nn eigenen Interesse des jüdischen j Studenten — eine Notwendigkeit ist. ergibt sich

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