KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 1 (1.10.1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 Und das muß der junge Student wenigstens wissen! Er wird bald selber erkennen, was das Judentum n i ch t ist. daß das Pietütsjnden - tum durch seinen Mangel an Znkunstsidealen kraft- und saftlas erscheint, daß ein blvßes Troßjndentnm. der blaße Wunsch, die Rechtsgleichheit zn erkämpfen, hohl ist, eine Seifenblase, die vergeht, sobald der Judenhaß schwindet, daß sich als ebenso hohl das höher entwickelte und in ein System gebrachte Trvtzjndentnm, das n a t i o n a l e. darstellt, welches sich gewiß positive Ideale geschaffen hat. die aber einerseits nnjiidisch sind, anderseits ebenfalls bei einem Nachlassen des heutigen chauvinistischen Rassenwahns in nichts znsammensallen. Es muß in den jungen Studenten die Erkenntnis vorhanden sein, was das Judentum wirklich ist. er muß seine weltgeschichtliche Stellung und Aufgabe kennen, muß seine Lehre beherrschen, muß seine Auffassung von den einzelnen Lebensproblemen und WeltanschannngSfragen würdigen, muß genau ermessen können, welche Ueberlegenheit sich für die jüdische Religion bei einem Vergleich mit fremden Systemen ergibt, deinen „Religionsunterricht" soll die Verbindung erteilen, der Willen und Charakter bewußt zu beeinflussen sucht, sondern sie soll Wissen und Aufklärung vermitteln. Diese Belehrung aber könnte viel Segelt stiften. Sie würde dem jungen Akademiker die Augen für Werte öffnen, all denen er bisher achtlos vorübergegangen ist nnd ihm Perspektiven weisen, von denen er nichts geahnt. Da das bloße Trotzjlldentnm sich bei denkenden Menschen, denen religiöse Kenntnisse mangeln, unfehlbar zum Raiionaljndentnln anslvächst, würde sie eine feste nnd sichere Grundlage geben, die einerseits der Verbreitung der nationalen Auffassung Schranken seist, anderseits aber jene bedauerliche Unklarheit und Unsicherheit znm Schwinden bringen lvürde, die heute'suchend hernmtappt Mld jeden Augenblick das Wesen des Judentums in einer anderen seiner vielen Seiten sucht. Nicht unwichtig ist dabei auch die Frage des „wie", die kurz gestreift werden mnß. Denn voll der Art nnb Weise hängt natürlich der Erfolg ab. Zuerst mag man an Belehrung in Form voll Vortrügen denken, aber eine gewisse Skepsis in Bezug auf ben Wert von Vorträgen, die die Einleitung einer Kneipe bilden, dürfte nur allzu berechtigt sein. Man macht sehr bald die Erfahrung, daß sie bestenfalls für ben Augenblick begeistern und Interesse erregen, ohne nachhaltig zu wirken. Die Belehrung über die religiöse Bedeutung des Judeiltlttlls gehört in einen engeren Kreis, wo freie Allssprache und ein Meinungsaustausch erfolgen können. Der Vortragellde darf dabei nicht seine persönliche Autorität in die Wagschale werfen, sondern allein die in der Wahrheit der Sache ruhende. Mangel an Lehrern wird geiviß nicht vorhanden sein. Jeder deutsche Rabbiner würde sich herzlich freuen und gern seine ganze Kraft opfern, lvenn ihm die Möglichkeit gegeben wäre, in dem dereinst zur Leitung des jüdischen Lebens bernfeilen Teile der Jugend das Verständnis für religiöse Probleme, für die Bedeutung des positiven, des religiösen Indent ums zu erwecken. Richt Bekenntnis sondern Erkenntnis verlangt das Jndentnm! Es ist stark und ewig, es hat llicht nötig zll überreden, sondern-es will überzeugen? Nnd ancl, den jungen Akademiker will es nicht geistig bevornlllllden, sondern ihm die freie Wahl nnd Entscheidung lassen. Allerdings sei offen ausgesprochen, daß wir zn der überzeugenden Kraft des positiven religiösen Jndentttms unendliches Bert innen haben. Wir glauben, daß jeder, der das Zndentnm in seiner sittlichen Größe nnd Reinheit, der Klarheit und Schlichtheit seiner Lehren ersaßt hat. jeder, der die weltgeschichtliche Stellung nnb die Znknnfts bedeiitung des Judentums begriffen hat, in ihm einen Znknnftsfaktor anerkennen wird, ohne den die Welt nicht bestehen kann nnd darf, für den es sich zn kämpfen nnd zu leiben lohnt. Das Judentum will keinen im Rausche derBegeisternng genünnen, aber wir haben das Vertrauen, daff eine tiefere Einsicht in die Wege und Ziele unseres Glaubens überzeugen nnb eine positive, jüdische Grundlage geben muß. Aus solchem Boden kann ein berechtigter Stolz, der über seine eigenen Ursachen Auskunft zn geben weiß' erwachsen; er verleiht eine Begeisterung, die echt und nachhaltig ist. Nicht mehr mürbe man den Vorwurf machen können, den man t,e»te nicht mit Unrecht gegen den Stolz nnd die Begeisterung so nianches Inden erhebt, das; sie hohl nnd nichtig, ohne feste Grundlage, ohne Ziel seien. In den Statuten vieler jüdischer Körperschaften findet sich der Saß. daß die Erörtern n g religiöser Fragen an-sgeschloffen ist. Soweit diese Vereinigungen zn einem politischen Sonder zweck gegründet sind, mag dies berechtigt sein: keineswegs aber verhält es sich so mit einer studentischen Verbindung. Sie soll den ganzen Menschen harmonisch bilden, sie darf darum kein Gebiet einseitig vernachlässigen, und wenn sie auch eine. Stellung ua h me zur Religion weder erzwingen darf noch soll, die objektiven Grundlagen zn einer Stellungnahme muß sie gewähren. Sie wird sich dieser geiviß verantwortungsvollen Aufgabe auch nicht entziehen, sobald sie erkannt hat, daß sie dadurch nicht nur ihren eigenen positiven Boden festigt und stärkt, sondern auch damit dem Judentum, unter dessen Zeichen und Namen sie sich gegründet hat, dem sie dienen will, unschützbare Dienste erweisen kann.