KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 1 (1.10.1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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0 iniifiten. Wenn aber die straffe Korporationsdisziplin daun trotzdem den Sieg davontrüge und die äußere Einheit ansrechterhielte, würde eine widerliche Heuchelei und ein unjüdisches Muckertum großgezogdn werden. Soll daher van dem Eirrfinß der Religion und der Beschäftigung mit Glanbenssragen Nützliches erwartet werden, sa kann es sich "nicht um die Religion als d ogmn 11 f d)e s Gebilde nüt praktischen Forderungen handeln, sondern es muß auf die alte jüdische Nnschaullng jplrückgegriffen werden, die das Lernen, das Wissen und die Erkenntnis vor das Glauben stellt! Die Nolle der Religion in dein studentischen Kreise soll nur darin bestehen, daß ihre Probleme auf das geistige Leben des einzelnen einen größeren Einfluß gewinnen, gleichgültig zu iucld)cm Endergebnis und welcher Stellungnahme er schließlich kommt. Die Religion soll nicht als d o g m a t i s ch e r W e g w e i s e r, sondern als geistiger Bildungsfaktvr anftreten, und daß ihr und) dieser Richtung hin eine Einwirkungsmöglid)keit eröffnet wird, wäre aus Gründen der allgemeinen Bildung unseres akademischen Nachwuchses wie and) aus besonderen jüdischen Interessen dringend erwünscht. Was die religiösen Probleme vor jedem anderen Bildungsstosse auszeichnet, ist die Anregung. die sie auf die Denkfähigkeit ausüben, sonne die Förderung, die so der geistigen Selbständigkeit zu teil wird, und das macht sie besonders geeignet, die Mängel auszugleichen, die im allgemeinen Bildungsstreben unserer jüngeren Akademikergeneratwn deutlich zu Tage treten. Ans den verschiedensten Ursachen drängt in dieser Beziehung die bestehende Tendenz immer mehr imd) der Seite der Berschlechterung. Zunächst bringt es die Eramenswirtschaft mit sich, daß der von den Schülern während der Gyinnasialzeit zu verarbeitende, positive Stoff immer größer wird und daß ihnen so für Dinge, welche außerhalb der engen Schulaufgaben liegen, überhaupt keine Zeil mehr bleibt. Zum zweiten ist zu beachten, daß die Forderungen der Sd)ule fiel) znm mindesten gleich geblieben sind, wohingegen die Durchschuittsbefähigung der jüdischen Schüler entsdiieden im Niedergange begriffen ist, so daß die Arbeitsbelastung wächst, und die Möglichkeit, allgemeinbildenden Gebieten mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, immer geringer wird. Am schlimmsten aber wirkt die Richtung des geistigen Lebens von heute. Das Streben nach Allgemeinbildung wird nur bei dem vorhanden sein, der sich n n fertig fühlt. Unser geistiges Leben wird nun hauptsächlich von den Naturwissenschaften, ihren Problemen und Ergebnissen beherrscht. Wenn nun and) ganz gewiß eine ernstlich und tief betriebene uaturwiffouschaftliche Bildung dasselbe llnterfertigkeitsbewußtseiu und damit denselben Drang 51t weiterem Denken und Forschen Hervorrufen wird, erzielt die übliche, oberflächliche Erkenntnis auf diesen Gciüeten etwas ganz anderes. Mit ihrer Scheinlösung aller Probleme, auch der religiösen, erzeugt sie jene sattsam bekannte frühreife, blasierte Fertigkeit in allen Weltanschanungssragen; und der Abiturient, der seine feststehende,, abgeschlossene Meinung über Dinge gebildet hat, die er weder beurteilen soll noch and) kann, ist leider keine Witzblattfigur, souderu traurige, alltägliche Wirklichkeit. Besonders bei uns Juden tritt ja diese Frühreife im Urteil besonders stark hervor. Teilweise liegt das daran, daß an den jungen Juden durch den Antisemitismus der Ernst des Lebens und die Pflicht zu einer selbständigen Stellungnähme viel früher herantritt als an jeden anderen. Weit mehr aber dürfte die Vergötterung Schuld sein, die in jüdischen Häusern mit dem „Genie" und der kostbaren „Individualität" der Kinder getrieben wird. Zur Hebung dieses unbestreitbar vorhandenen Mangels an Streben nach harmonischer Allgemeinbildung tut mm die Universität nichts. Mit der Steigerung des Selbstbewusstseins. die sich unbedingt in dem vonr Zwänge der Schule befreiten jungen Stlldenten vollzieht, wächst auch die Selbstüberhebung. Die Keime der bisherigen Geiftesrichtung wachsen fiel) zum Materialismus und zur Geringschätzung geistiger Werte aus. ja sogar zu Feindseligkeit, sobald diese im Autoritätsgewande der Religion auftreten. Die letzten SHejte des vorhandenen Bildnngsstrebens führen eine ganze Anzahl der jungen Menschen auf die Bahnen eines seid)teu und eingebildeten Aesthetentums, aus welchem sich der studentische Fonds von unverstandenen Künstlern und unverständlichen Litteraten ergänzt. Für die große Menge aber, besonders derer, denen schon auf der Schule das Fortkommen nicht leicht wurde, ist es vorläusig mit allgemeiner, geistiger Bildung überhaupt zu Ende. Das Gespenst des Fachstudiums erhebt sich drohend, und die meisten sind froh, wenn sie dem schrveren Anforderungen der Staatsprüfungen gerecht zu werden vermögen. Die Richtung, in der sich in solchen Fällen das Erholnngsbedürfnis bewegt, hat mit geistiger Fortbildung keine erheblichen Berührungspunkte. Die jüdische Studentenverbindung, in der man die einzige geeignete Erziehungsstätte für uitfecctt akademischen Nachwuchs erblicken muß, hat ja bereits nach vielen Nid)tungen hin sehr bemerkenswerte Resultate erzielt; besonders ihre straffe Disziplin hat einen großen Teil der jüdischen Jugend den Wert der Unterordnung erkennen lassen, und damit ist schon eine gewisse Bescheidenheit erreicht und der Grund zu dem Unfertigkeitsbewuhtsein gelegt rvorden, auf dem