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KC-Blätter · 1912-10-01 · Heft 1 (1.10.1912) · p. Seite 7

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Journal
KC-Blätter
Volume
1912-1913
Issue
Heft 1 (1.10.1912)
Date
1912-10-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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nenhebräischen Literatur der osteuropäischenJrcden erfreuen, wird sie uns je das sein können, was uns die deutsche ift? Auch liier liegen grobe Mißverständnisse im nationaljüdischen Denken vor; man verwechselt das Stammesbenmßtsein, das sich auf die Vererbung jener Sander-Eigenschaften gründet, mit dem Nationalbewusstsein. Der geistvolle Nationalökonom Franz Oppenheimer, der sich selbst als Zionist nnd ^kationaldeutscher bezeichnet, l>at das mit Vecht seinen Gesinnungsfreunden vor einigen Jahren in einem sehr lesenswerten Aufsah in der „Welt" vorgehalten. Er sagt von den Zionisten: „Dt oM e i st eu bo u u it», b ieAUc vin c t sten, n e u n e u s i ch '.U n t i o u a t j u b e n a u f W v lt u b c iires 'JLU i si v e r st ä 11 b it i s jc ». Weil bn» Wort ,,'Uatiou", ber etDiuolunifdjeu Wurzel mich, bie \Hbftamuumrt bezeichuete, neunen sie ihrStnmmesbewnsjtsein — 'Ji ati o iirttbcum fit fein ober Bvlksbewnsrtsein." Man stellt das Neuhebräische dem, was jüdisch in uns ist, gleich nnd glaubt gar das Judentum zu fördern, wenn man jnngjüdische Kunst nnd Literatur betreibt. Der Zwiespalt nnd der Widerspruch äirßert sich denn auch in dem unharmonischen, gekünstelten Wesen, das den meisten unserer Nationaljnden eigen ist. Mail lese ihre Literatur, ihre Zeitschriften: Wo sehen wir da wahre, echte, nrlvüchsige Kraft, von der allerdings dort sehr viel gesprochen wird? lleberall das Widerspruchsvolle, das man durch Phrasen zu übertüncheli sucht, weltfremdes Nachjagen nach Utopien und dabei chauvinistische Selbstüberbebnng, Perhöhnen aller Andersdenkenden und lächerliche Selbstzufriedenheit bei kleinen Erfolgen. Nirgends das Ausgeglichene, die selbstsichere Ruhe, die dem Menschen eigen ist. der in einer gefestigten Tradition seinen Halt findet. Aber wenn wir auch Nationaljuden, Neuhebräer sein ivollten und sein könnten, würde das den Antisemitismus beseitigen? Goldstein nnd Avenarins glauben, durch die Trennung der Knltnrkreise die Streitpunkte ans der Welt zu schaffen. Sie urteilen nur aus ihren! Fachgebiet heraus, sehen nur den Antisemitismus in den Literatur- und Kunstkreisen. Was würde aber dadurch an dem wirtschaftlichen Antisemitismus geändert? Und glaubt mau, die Verwaltungsbehörden würden Inden lieber anstellen, wenn sie nicht einmal Nationaldentsche sind? Werfen uns dann die Antisemiten vor, daß nur zu deutsch seien? Doch immer nur, daß nur Fremdlinge wären. Der Erfolg wäre also nur der, daß wir ihren Angriffen den Schein des Rechts gäben. Avenarins meintzwar, daß auch dem Nationaljuden, wenn er staatlich ein Deutscher sei, von niemandem verwehrt werden könne, in staatlichen Angelegenheiten mitzuraten und mitzutaten. Auch das mag vielleicht theoretisch richtig fein, in der Praxis ist es aber anders, schon weil sich die staatlichen Angelegenheiten meist nicht von den kulturellen trennen lassen. Jedenfalls wird der größte Teil aller Deutschen sich eher der Ansicht Treitschkes anschließen, die klar zeigt, wohin die von Avenarins gewiesenen Wege führen. Treischke sagte: „llnser Staat hat in bei, Silben nie etwa» andere» gesellen nt» eine l^lanbensgemeinschaft. und er kann von diesem allein haltbaren Aechtsbegriffe unter keinen Umständen abgelien. Unsere Kultur ist reich und bnldsam genug, um viele starte Wider* spräche zu ertragen: wie bie Bekenner jener Kirche, die sich für bie allein seliginuäienbe hält, friedlich mit den Kehern zuscunmnilel" n. so können wir es auch gleichmütig hinnehmen. im ein Teil unserer Mitbürger sich in ber Stille >nr da» anserwälilte Volk ansieht. Tritt aber biej.'r Aassenbnnkel aus den Markt hinaus, lieaiispruiio da» Jnbentnur gar Anerkennung seinerAativnalitnt. sv bricht berRecht»- bvben zusammen, auf dem die ^mauzipativn ruht. ,gnr Erfüllung solcher Wünsche gibt es nur ein Mittel: Auswanberung. Begründung eines jüdischen Staate» irgendwo imA»»lanbe. ber bann Zusehen mag. ob er bie Anerkennnng anderer Nationen erwirbt." Man mag diesen Worten zustimmen oder nicht; jedenfalls zeigen sie, daß die Trennung der Knltnrkreise unsere Stellung nicht verbessern, sondern im Gegenteil außerordentlich verschlechtern rvürde. Anderseits können wir aber auch das Ziel unserer Entwicklung nicht dort sehen, wo Lissaner es sucht. Kissaner sieht das Heil bei denen, „die im unaufhaltsamen Zersetzungs- und Assimilationsprozeß die Vordersten sind". Er glaubt, durch rasches Verwischen der Unterschiede alle Reibungsflächen beseitigen und damit dem Antisemitismus die Angriffspunkte nehmen zu können. Der Weg ist schon deshalb ungangbar, weil der Wille fast der gesamten deutschen Judenheit ihm entgegensteht, Gewiß. was Schlechtes an uns ist. das wollen wir — in gesunder Assimilation — gerne abslrenen. Aber was unsere Eigenart im guten Sinne oarstellt, brauchen nur nicht erst abznlegen. nm deutsch zu sein, mir könnten dadurch nicht gewinnen, sondern nur verliere'.l. Die Sympathien sind nicht bei dem, der ängstlich seine Abkunft zu vertuschen sucht; Achtung kann der nicht fordern, der sein Selbst nicht achtet; das Sichanschmiegen und Verschleiern wird als charakternnd würdelos empfunden. Die blasierte, abstrakte, nivellierende Ueberknltur widert uns an, während wir gerade in der unverwüstlichen Kraft ursprünglicher Bodenständigkeit die festesten Winzeln unserer Kultur sehen. Diese Kraft zeigt aber nur der, der fest in seiner Tradition wurzelt, der sich unverzagt mit beiden Füßen auf den Boden der Wirklichkeit stellt, der ohne Scheu sein wahres Wesen bekennt. Unsere Tradition, unser wahres Wesen vereinigt aber Deutschtum n nd Judentirm. Unwahr und unecht ist also nicht nur der, der

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