KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1912-1913
- Issue
- Heft 1 (1.10.1912)
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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„Wir Juden Minnen »ns, daß unsre Gegner unfern Wert, unsere Leistunneu uuterschndeu, hüten wir nus. brtfi wir sie überschähcn. Und das tut Gvldstein. Schau der Titel seiner Ansführnngcn klingt, wenn er nicht iranisch gemeint ist, nach Ucberhebnng, ist grundfalsch, ist ein Widersinn, ein Unding, ES gidt keinen dcirtsch-jüdischen Parnast, ebensowenig wie es einen dentsch-pvlnischen oder einen deutsch wendischen gidt. Was in deutscher Sprache an dichterischen Werken geschrieben ist, gehärt zur deutschen Literatur vder nicht. Es mag eine verhältnismässig nnstergenwhnlich graste Anzahl indischer Dichter und Schriftsteller geben; aber stehen sie in erster Reihe? Wer van rhnen, um nur von der Literatur zu reden, stellt sich unter den Lunkern der (Gegenwart neben Liliencron? Wer unter den Dramatikern neben Hanptmann? Wer unter den Epikern neben Spitteler? Ich wünschte van Herzen, ich könnte Raulen nennen, aber es geht nicht, lind darum nnb aus vielen andern Gründen stellt Goldsterns Jvrmulierung des Problems nicht eine ungeheuerliche Tatsache dar, sondern lediglich eine ungeheuerliche B ehanp - tnng dar. Reiu, u>iv verwalten nicht den geistigen Besch des deutscheil Bottes; wir helfen, ihn mitverwalten, und dast ein graster Teil des deutschen Kalkes unö dazu ' die Berechtigung und Fähigkeit abspricht, ist freilich nach tranrig genug. Wir arbeiten mit an der deutschen Knltnr. und das sollte man uns gerecht und neidlas anerkennen." Ebenso UmTd)t l)iit (holdstem, wenn er an der Ueberwindnug des Llntisetttitisnttts verzweifeln zu müssen glaubt. Ec zeigt hier die Ungeduld, die — wie Lissauer richtig betuerkt — das unhistorische und unorganische Denken Goldsteins erkennen läßt. Er sieht nicht die historischen Zusammenhänge. Die Entwickelung, welche seit dem Humanismus und der Reformation die Vorherrschaft der Kirche im Staat gebrochen hat, welche dann mit eiserner Konsequenz, insbesondere während der Aufklärung irnd den folgeitden Revvlittionen mit der Durchführung der Emanzipation des Bürgerstandes die Vorherrschaft einzeltter .(lasten und Stände beseitigte, welche int vergangenen Jahrhundert endlich die Emanzipation der Inden herbeifiihrte imb seht die Emanzipation des viertelt Standes angebahnt hat, kann nicht in tvenigen Jahrzehnten durch die reaktionäre Herrschaft in ihr Gegenteil verkehrt werdett. Der Antisemitismus ist ebeltsoweitig unüberwittdlich als die reaktiortäre Welle, die ihn emporgetragett hat. Der Rückschlag, der vor eiitem Mensthenalker eingetreten ist, tvird mit dem Sturz der Reaktion verschnnnden, genau so, wie wir es in Frankreich nach derDrepsnsz-Affaire erlebt haben. Das betveist das Beispiel aller lvestenropäischeit Lärtder. Einen Antisemitismus, wie wir ihn kemteit, gibt es dort nicht. Das rührt tücht etwa daher, daß dort weniger Jtlden oder eine attdere Rasse von Nichtjnden wohitten. Das sehen wir an Holland, das verhältnismäßig doppelt so viel Inden zählt wie Deutschland. Wenn dort ttttb in den sämtlichen Weststaatett Europas die Judettetnattzipation vollständig zur Durchführmtg gelangen konttte, so liegt das daran, daß die historische Entwicklung dort eilten raschereit Gang gettomtnett und daher früher mit dent traurigen Erbteil des Mittelalters anfgeräuntt hat. Deml der Arttisemitisirnts ist auch heute noch, tttld das vermögen alle modern-tvissenschaftlichen Älätttelchett nicht ztt vcrdeckctt. ein Rest des Mittelalters. Durch die Etitauzipatiottsgesetzgebttttg ließett sich die rechtlichett Beschrüttkungen rasch beseitigen. Dantit verfchrvanden aber tticht die altert Vorurteile, die sich im Laufe der Jahrhunderte festgesetzt habett, urtd die erst eine Erziehung von (Generationen wieder beseitigen kann. Lissauer hat Recht, weint er Goldstein entgegetihält: „Es rvnren eben viele Ijimbcrt gahre ^udenhast, Judeuverbildung vvrnirfgegangen. und da gilt es ge sch i ch t l i ch e r f e n ne nbe ('»ebuIb: 'Jiu t n o n I a I) i* I) mt b c r t c n k ü n n e n I a b t e I) n t c eben nidjt schlichten." Der Antisemitismus ist artch heute noch stark. Aber die Ideen und Verhältnisse, die ihn in früheren Jahrhttttdertert hervorgebracht haben, sind heute ntcistens sortgefallerr. Heute ist er daher eilte nrtnatürliche Erscheinung, künstlich getragen und anfgepäppelt votr .wreiften, deren Alach t mehr nnb rnehr zurüetgeht. Wir brauchen daher rticht an der Bekämpsnng des Antifemitismtts zu ucrztveifelrt. Ja, es soll hier ruhig ansgesprochert werden: mir märett sicherlich erheblich weiter, wertrt der Kampf nicht stets voll rtativnaljüdischer Seite erschwert würde, wo man derr Arttisentitett nur Wasser ans ihre Mühlen gibt*! ttnd sogar obcrtdreirt noch Svatt und Hohn für dert Kampf hat. Der Kampf gegen den Antisemitismus ist eilt Kampf des Rechts gegen das Unrecht, ein Kampf der Vernilnft gegen die Unverrrrrnft. Hier kann uns der Sieg nicht fehlen. Den. Kernpnrtkt der Frage hat aber erst Avertarirts in die Debatte geworfen. Er stimmt zwar irrt Endziel mit Goldstein übereilt, geht in der Berrrteilurrg der Stellung der Iudert zum Deutschtum aber viel weiter. Goldstein zweifelt rticht daran, daß die Inden Volidentsche sittd; wertrt ihre Leistnrtgert trotzdem als rmdetttsch entpfundert mürben, so entspringe dies den vorhandenen Vorttrteileri. rvelche eine gerechte Würdigrtng unmöglich machten. Ganz artders Avcnarius! Für ihn steht fest, das; auf altert (Gebieten der geistigen Kultur, im *> Ein interessantes Beispiel bietet gerade die Kunst» wartdebatte. Sofort haben die „Deutsche Tageszeitung" und Staufs, der bekannte Herausgeber des ..Semigotha", die Ausführungen Gvldsteins zu den unsinnigsten Verleumdnngen uub Verhehnngeit verwertet nnb - Avenarms druckt sie willig ab, vbschvn nach der Ankündigung nur Inden zu Wort komirren sollten. Arrfsabe, wie der von Goldstern. fördern nicht die Verständigung mit den Nicht» jnden, sondern erschweren sie, indem sie Verwirrung schaffen.