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KC-Blätter · 1912-09-01 · Heft 12 (1.9.1912) · p. Seite 227

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 12 (1.9.1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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227 Vaffallc hielt baitit noch ctitctt dritten, ergänzenden Vortrag: „Was nun"? mit dem Vorschläge, die Kanuner solle ihre Sitzungen aussetzen, bis die Negierung den Nachweis antrete, daß die verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt würden. Durch diesen Vorschlag absoluter parlamentarischer Obstruktion wollte Lassalle die Situation für seinen Radikalismus verschärfen und gleichzeitig die Liberalen vor ihren Wählern diskreditieren, indem er einen Weg wies, den jene nicht zu gehen wagten. Man sieht, wie Lassalle, der die politisch praktische Agitation ohne geistige Verbindung mit Karl Marx begonnen hatte) sie selbst auch weiter führte. lind nun, zu Anfang des Jahres 1M2, als Vaffallc gerade in Berlin wegen des Arbeiterprogramms zn einer viermonatlichen (Gefängnisstrafe verurteilt worden, kam von Leipzig Herder erste uumittcltmrc Anstoß, seine Theorien in politisches Handeln nmzusetzen. In Leipzig hatte sich nämlich ein Zentralkomitee zur Berufung eines allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses gebildet, welches beschlossen hatte, sich an Lassalle mit der Bitte zu wenden, seine Ansichten über die Arbeiterbewegung und über beit Wert der Schultze-Delitzschen Genossenschaften für die ganz unbemittelten Volksklassen auszusprechen. Lassalle schickte dem Komitee das sog. „offene A n two r t s ch r e i b e n", in welchem er mit größter Schärfe sein entgegengesetztes Programm auseinandersetzte. Dies offene ^lntivortschreiben ist das praktische Losungswort, die Tat Lassalles gewesen, welche der Ausgangspunkt der heutigen deutschen Arbeiterbewegung geworden ist. Es würde nun zu unleidlichen Wiederholungen führen, nwllte man Lassalles volkswirtschastliche Grundgedanken an Hand der historischen Ereignisse in der chronologischen Ordnung, in welcher er sie, sei es im Gerichtssaal, sei es in einer Agitationsversammlnng, sei es in seiner Schrijt „Herr Bastiat Schultze von Delitzsch, der ökonomische Julian oder Kapital und Arbeit" vorgebracht hat, darlegen. Es sei vielmehr nur um des systematischen Verständnisses willen eine zusammengedrängte Skizze seiner Grundgedanken gegeben, um an diesen Rundgang durch die Lassalleschen Gedaukengünge einige Worte noch über den Zweck, Charakter und den äußeren Verlauf seiner zweijährigen Agitationstätigkeit anzuknüpfen. Lassalle geht davon aus, daß alle geschichtliche Entwicklung von einer Gemeinschaft ausgegangen sei, ohne die keine Kultur hätte entstehen' können. Die menschliche Solidarität oder Gemeinsamkeit, welche das Altertum und das Mittelalter in der Gebundenheit und der Unterwerfung des Einzelnen gesucht habe, werde von der Neuzeit in der Freiheit gesucht Die menschliche Solidarität lasse sich nicht aufheben und spiele, sofern die Gesellschaftseinrichtungen sie nicht regelten, mit dem auf sich selbst angewiesenen Einzelnen Ball. Die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Konjunkturen machten den einen dann zum Krösus, während sie den andern trotz seitles Fleißes in Arumt stürzten. Das Hauptuuglück sei dabei, daß die ungünstigen Konjunkturen gerade mit doppelt zermalmender Wucht auf die Unbemittelten zurücksielen. Bon eineul der Führer der Fortschrittspartei, von Schultze-Delitzsch, war nun erstlich der gegenseitig e A u s t a it s ch der Erzeugnisse als das ganze Geheüunis der Volkswirtschaft hingestettt ivorden. Hiergegen machte Lassalle geltend, daß die Menschen hellte nicht mehr nebeneinander hinlebten und nur ihre individuellen Arbeitsprodukte umtauschten, sondern daß die Produktion heutee ine gemeinschaftlich kooperative sei, während die Distribution, dir Verteilung der Produkte, nicht gemeinschaftlich, sondern iudividtrell sei, d. h. daß das Produkt auch als Wert dazu übergehe, das individuelle Eigentum des Unternehmers zn sein, daß der Unternehmer sich die Arbeit persönlich einträglich mache, indem er sämtliche Arbeiter, die im Verein das Produkt zustande gebracht hätten, nach dem Lohngesetze abfiude. Dies eherne Loljngefetz Lassalles, wel ches in seiner Agitation die entscheidende Rolle spielt, fußt auf der Regel Ricardos, daß der Lohn durchschnittlich aus den Betrag beschränkt sein werde, welcher nach den Lebensgewohnheiten des betreffenden Volkes zur Fristnng der Existenz des Einzelnen ltitb zur Fortpflanzung des Geschlechts absolut notwendig sei. Um diesen Punkt werde der wirkliche Tagelohn in Peildelschwingnngen gravitieren. Also: Die durchgehende Gemeinsamkeit in der Produktion inVerbittdungmit dem äußersten Jndividttalismus in der Verteilung bildet nach Lassalle den tiefsten Widerspruch in unserer heutigen Gesellschaft. Dieselbe zuvor genannte Richtung der patriarchalischen Tauschökonomie hatte zweitens die sogenannte Ersparungstheorie, d. h. die Lehre in Umlauf gesetzt, daß das Nichtverzehren, das Zurücklegen, das Sparen die Quelle volkswirtschaftlicher Kapitalbildung sei. Dem gegenüber fragt Lassalle, ob jene Arbeitsprodukte, in welchen heute der hauptsächliche Kapitalreichtum beruhe, z. B. die Dampfmaschinen, die Bodenmeliorationen sich etiva verzehren und also nicht sparen ließen, und ob es vernünftig sei, die Kapitalisten so eifrig für das Verdienst zu bekränzen, daß sie alle diese Dampfmaschinen nicht ausgefressen hätten? Rein, Lassalle untersucht, wie sich historisch die Kapitalbildung vollzogen habe und er weist nach, daß unter dem

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