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KC-Blätter · 1912-09-01 · Heft 12 (1.9.1912) · p. Seite 226

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 12 (1.9.1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 226 (sequence 10)
Language
German
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226 ein solches Recht sür zulässig erkläre, es gelle demnach nur unter der stillschweigenden clausula legibus sic stantibus. Wenn der öffentliche Geist in seiner Fortentwicklung dazu gelangt ist, den Fortbestand eines früheren Rechts, z. B. Leibeigenschaft, Hörigkeit etc. von jetzt ab ansznschlieszen, so könne in diesen Fällen von eitler Rückwirkung nicht die Rede sein, da das Gesetz nur der Ausdruck für das Rechtsbewnßtsein des ganzen Voltes sei, fodas; jede neue aus diesem Geist fließende Bestimmung unverzüglich das Individuum mit demselben Rechte ergreife, mit welchem es von der früheren erfaßt wurde. Ebensowenig könne dort, wo das öffentliche. Bewußtseilt ein bestehendes Recht für ungültig erkläre, von eitler Entschädigung die Rede fein; denn ßier Entschädigung verlangen, hieße vermöge der Kraft der Logik gar nichts geringeres, als Massen oder Individuen das Recht znsprechen, denr öffeiltlichen Geiste einen Tribut für seine Fortentwicklung allfzutegell. Der zweite Teil voll Lassalles großem Werke beschäftigt sich ausschließlich mit dem Erbrecht, speziell mit dem römischen Erbrecht, dessen Wesen in der Fortsetzung der sllbjektiven Persönlichkeit des Willens des Erblassers beruhe, lvährelld das germanische Erbrecht sich als wahres Vermögensrecht darstelle. D e ll ll e b e r g a n g 511 feinen späteren Schriften ill der Arbeiterfrage lllld zltr sozialistischell Agitatioll filldeil mir nu jener Stelle in Lassalles Werk, in ivelcher er voll devl historischell Gang der Rechtsgeschichte behauptet, er gehe darauf ans, die Eigentumssphäre des Pnvatilldividullins immer mehr zu beschränken, immer mehr Objekte außerhalb des Privateigeiltullls zll setzen; lllld heilte stehe die Welt in sozialer Beziehung vor der Frage, ob es lloch eilt Eigelltllm mlf die mittelbare Benutzbarkeit eitles anderen Menschen geben, ob dem Unternehmer als solchem, als dem Besitzer des Kapitals, eilt Eigelltnnl an frentbem Arbeitswert znstehen solle? An diese Frage knüpfte Lassalle später unmittelbar ill feiner gegell SchulHe-Delitzsch gerichteten Broschüre all. Rach di'eselll Werke ivagte Lassalle lloch einen Abstecher in das literarhistorische Gebiet mit seiner polemischen Schrift: „Herr Julian Schmitt, der Literarhistoriker mit Setzerscholien herausgegeben", eine Arbeit, in der er im Grunde nur die deutschen Geister des letzten Jahrhunderts vor eineln ullansstehlichen Journalismus verteidigen wollte. Wir stehen im Jahr? vor Bismarcks Uebernahme des auswärtigen Amtes. Die auswärtige Politik lag brach. Unbenutzte Kdigkeidt» schlummerten m Laüalle, er fühlte si ch *3um Tribun eil gefch assen und harte jetzt langer als ein Jahrzehnt nicht geredet. Da kalll jetzt die prellßische Konsliktszeit, und der Streit über die Militärreorganisotion stellte Regierung und Kammer feindlich gegenüber. Ter Liberalismus wollte die Verfassung in konftitutiouellenl Sinne vcrivirklichen. Hier setzte Lassalle ein, um eine sozialdemokratische Bewegung vom VUiicfeu der Liberaleil losznreißen. Rachdevl im März 1NC>2 bn* illbgeordnetenhans aufgelöst worden und die Neuwahlen angesetzt waren, trat nälnlich Lastalle mit zwei Vorträgen hervor. Er hielt einen Vortrag über „Verfassnngswesell" uub einen zweiten über den besollderen ^itfammeuhann der gegertwärtigen Geschichtsprriode mit der Idee des Arbeiterstandes, „das sogenannte Arbeiterprogramm", in Berlili. Seine unterirdische Absicht im ersten Vortrage war, deil Kleinbürgern ein demokratisches Programnl beiznbringen, mit dem sie siegeil kömltell. Und in seinem ziveiten Vortrage ergeht sein Kampfruf all den Arbeiterstand, bem er zum Bewußtsein brillgen tvill, daß er wirk schaftlich eille selbständige Interessengruppe sei, mit den Liberaleil nichts gemeiri habe und daß er die Macht der Zukunft moralisch, intellektuell llnd politisch verkörpere. - Die Bedeutung des „Arbeiterprogramms" liegt darin, daß Lassalle iil dein Momente, da die Kralle utto die Liberalen ill beu Konflikt hineiilgerieten. die Allsprüche voll noch uilorgallisierten Mächten der Gesellschaft zllr historischen Tabelle annleldete. Lassalle gibt in diesenl Arbeiterprogramln, welches er ebenso wie seinen ersten Vortrag später vor beu Berliner Gerichteil auf Anklage hin hat verteidigell müssell, eille wisserlschafUiche Darlegung des Ganzen der kulturgeschichtlicl-eu Entwicklung. Ter Kerngedanke ist hier der: Glicht mehr an den Grundbesitz wie inr Alittelalter, sondern, wie das Dreiklassenwahlstistem ergebe, an den Kapitalbesitz sei in Preußen das Wahlrecht, der Anteil des Einzelnen an der Herrschaft im Staate, geknüpft, ruld wie im Mittelalter der adelige Grundbesitz ftcuerfrei gewesen, so sei angesichts der Geringfügigkeit der Eilinahllirn des Staates alls deil direkten Steuern die indirekte Steuer das Institut geworden, dllrch welches die Bourgeoisie ill Preußen die Kosten des Staatswesens den äriileren Klassen der Gesellschaft aufbürde. Mit bem Jahre 48 habe, wie Lassalle betont, eine ileue Geschichtsperiode begonnen, der vierte Stand wolle jetzt sein Prinzip zum herrschenden der Gesellschaft erheben, und das Mittel hierzu sei das aUgenleille ulld direkte Wahlrecht. Das Arbeiterprogramm enthält danl! eine dithyrambische Verherrlichung des Arbeiterstandes, und auf das neutestamentliche Bibelwort Christi an Petrus biuweisend, ruft Lassalle zum Schlüsse den Arbeitern zu: „Sie sind der Fels, aus welchen die Kirche der Gegenwart geballt werden soll."

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