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KC-Blätter · 1912-09-01 · Heft 12 (1.9.1912) · p. Seite 219

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 12 (1.9.1912)
Date
1912-09-01
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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Abkehr von der Religion oder znm mindesten von der Strerrggläubigkeit eintrat, vermochten die sozialen Faktoren ans einmal ihre Wirkung zu tuu. Und die Abkehr von der Religion, der Nationalismus, hat so wie ein sterbender Simson - so habe ich dies auch schon an anderer Stelle ausgedrückt das Judentrrur der Entvölkerungsgefahr auSgesetzt. Diese Tatsachen, die für jeden Inden — aber ailch für jeden ^kichtjnden — sehr bedenklich sind, hört man in den .Streifen des liberalen Judentums doppelt unfern. Muß man sich doch sagen: An die Stelle eines strenggläubigen Judentums haben wir allerdings ein modernes freigeistrgeS zn sehen gewußt, die Form ist nnü heute nichts mehr, der Inhalt alles. Allein wir haben mit der Form doch auch ein Stück vom Inhalt mit hinweggerissen: den (Glauben an die gottgewollte Fruchtbarkeit. Genommen haben wir sie, wiedergeben können nur sie unserrrr Volk nicht mehr. Und weiter. Unter den heutigen Umständen ist an eine Erhaltung des westeuropäischen Judentums verbunden mit einer vollständigen Assimilation nicht mehr zn denken. Ohne Einwanderung stirbt das deutsche Judentum aus. Soweit hat Theilhaber recht. Mit Einwanderung wird es sich niemals vollständig assimilieren. Daran denkt wohl auch Segall, wenn er in seiner Publikation die für ein offizielles Zahlenwerk recht subjektive Bemerkung macht, daß er das BevölkerungSproblem untersuchen wolle, „weil eS erforderlich ist, den Vorwurf zn entkräften, daß die deutschen Juden gewissermaßen absichtlich an Un*em Niedergang schuld sind, und weil nun: nur so die Mittel und Wege erfahren kann, roelchc zu einer Heilung führen tüimci:". II. Man muß alles daS fefthalteu, waS wir ausgeführt haben, wenn inan an eine Betrachtung der sozialen 1111wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Juden in der Gegenwart, die durch die Veröffentlichung der deutschen Bernfsstatistikvon 1907 erleichtert worden ist, herarrtreten will. ES ist selbstverständlich, daß sich infolge der geringen Geburtenzunahme der deutscher: Inden mich die Zahl der beruflich tätigen Juden umin geringerem Maße vermehren konnte als bei der übrigen Bevölkern ng. Ist die Fmnilie klein, brauchen und können überhaupt nicht so zahlreiche Angehörige wirtschaftlich tätig sein als in einer größerer: Familie, Aber es ist unzrrtreffend, wie dies Naumann in der „Hilfe" getan hat, dies darauf allein zurückzuführen, daß das jüdische Element im ganzen zurückgeht. Es ist ein Verdienst Segall'S, den wahren Kausalzusaurmerrhang klar und scharf herarrSgearbeitet zu haben.- Weitaus der größte Teil der nicht jüdischen Bevölkerung ist bekanntlich landwirtschaftlich und industriell tätig (28,65-1-42,75°/o)1), während die Inder: hauptsächlich irr: HandelSstarrd vertreten sind' (60,56%)^), erst irr den letzter: Jahrzehnte:! sich der Industrie zuwenden (21,87%) *) und außerdem noch die freier: Berufe bevorzuge:: (6,5 r*/oi *). Nun ist folgendes zu beachten: Landwirtschaft und Industrie sirrd zrvei Berufszweige, ir: denen Per sonerr in: jugendlichen Alter und weiblichen Geschlechts, welche ja das Hnrwtkontingent zur Gruppe der „Augehörigen" steiler:, ir: größerem llnrsauge beschäftigt rverden liauren. NameuNich die Industrie mit ihren starkerr Arbeitermassen nirnrnt irnrrrer rnehr die rveibliclien Arbeitskräfte auf. Dagegen setzer: Handel sowohl wie freie Berufe zrrr berrrflichen Betätigung eii: höheres Alter voraus urrd sirrd dcnr weiblichen Geschlecht nicht in so hohen: Maße zirgiinglich wie Larrdrvirtschaft und Industrie. Bei der: Inder: hat sich nun seit der letzen Berufszählung rrur eine Verschiebung vorn Handel zur Industrie vollzogen und dies auch nrrr in den Schichten der Selbständigen und Angestellten. — Eir: Arbeiterstand hat sich nicht entwickelt. — Die Beteiligung au den freien Berufen ist gestiegen. VtUein jetzt tritt auch schon bei ihnen das weibliche Element in den Wirtschaftskarrrpf ein. Das rveibliche Elernent in: Wirtschaftskampf? Genuß, 1885 waren von den weiblicher: deutschen Inden nur 21,07° 0 erwerbstätig, 1007 sind eS bereits!IO%. Wie reirrrt sich das aber mit der so oft geschilderten, zuletzt auch von Sombart betonten größeren Wohlhabenheit der Inder: zusammen'? Da ist denrr zu sagen: Es ist richtig, daß an: jüdischer Seite irrrVerhältniSzurBevölkernngSanzahlgrößereVern:öger:sallsarr:rnlungen auzutressen sind, als den: Anteil der Juden an der Gesarntbevölkerung entspricht. Alleir: einer nicht unbeträchtlichen Anzahl reicher und wohlhabende: Personen steht heute auch ein hart nur seirre Eristenz rümpfender Mittelstand rrnd selbst ein Proletariat gegeuül»er. Die Ausfirhrrrngerr, die Segall hierüber ruael-l, sind zutreffend. ill. Sorrrbart hat bereits dararrf hiugewiefen, daß sich in treuerer Zeit eine Veränderung der Stellring der Jrrden im bentfdjen Wirtschaftsleben vollzieht. Er hat gesagt, daß, wenn nicht alte Anzeichen trügerr, sich allem Anschein nach der Einfluß der deutschen Juden zu verringern beginne. Ein Symptom sieht er insbesondere darin, daß ir: den wichtigen Stellrrngerr, z. B. in der: Direktorialposten oder in den Aussichtsratsstellen der großer: Banker: die jüdischen Nameu imrrrer seltener werden. Und er hat folgende Grürrde hierfür anzrrgeben gewußt: Einerseits hätte:: sich die Nichtjuden den Airforderungen des kapitalistischer: Wirtschaftssystems n:ehr angepaßt; sie Haber: „gelerrrt". Tie Juden hingcger: hätter: durch die Veründerrn:gen, die ihr äußeres Schicksal erfahren hat, (Besserung ihrer 1) sc. aller Erwerbstätigen. 2) sc. aller jüdischen Erwerbstätigen.

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