KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 12 (1.9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2268830-2268846-2268858--0524-2269740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
218 Die Juden und das deutsche Wirtschaftsleben der Gegenwart. Bo u RechtSanwal t Dr. iH. W afser ui a u n (Niirnberg-Berl in). - (Nachdruck veiboten.) Unter bcm Titel „Das Judentum und die (Genesis des modernen Kapitalismus" hat im Januarheft der Preußischen Jahrbücher (56. Jahrgang 1012) der Kieler Historiker Nachfahl sich im Anschluß ail Sombarts bekanntes Buch eingehend mit der Bedeutung des jüdischen Elements für das Wirtschaftsleben der deutschen Vergangenheit beschäftigt. Am Schtllsse seiner bedeutsamen Ausführungen ist Nachfahl auch auf die Otegemvart eillgegangen. Die Probleme, die er nur angedentet hat, sollen iili Folgenden weiter ansgesührt werden. l. In einem Aussah, dell ich im Jahre 1008 geschrieben habe, lmd der im Jahre 100!) in der damals non Wolfs redigierten Zeitschrift für Sozialwissenschaft erschieneil ist, habe ich folgende, non Nachsahl zitierte Ansicht geäußert: „Die Jndenfrage lalltet für Deutschland nicht, wie die Antisemiten behaupten: wann wird Juda Deutschland unterjocht haben?, sondern sie lalltet: wanll wird das deutsche Judentum sich so verringert haben, das; es für die deutsche Kultur belanglos gewordeil sein wird?" Felix THeilhaber hat diese Idee übernommen uub daralts sein sensationelles Schlaglvort vonl „Untergang der deutschen Juden" geprägt. Eine Schrift von ihm, die unter dem gleichen Titel erschielien ist (Atünchen, Ernst Neillhard 1011) hat viel Aussehen erregt. Allster vielen Anhängern, die — mochtell sie die einzelnen Ausführungen der Theilhaberschen Schrift auch noch so kritisch betrachten — im Prinzip seine Idee für richtig hielten, sind ihr leidenschaftliche Gegner erivachsell, die mit weit besseren Waffen als THeilhaber ihre, vielleicht llicht innner ebenso gute Sache ,;u verteidigen wußten. Wie sieht die Wirklichkeit ails? Im Dnrchschllitt der Jahre 1S7G 80 trafen auf 1000 preußische Inden noch 82,4 Geblirten, allf 1000 hessische 88.3 nub auf 1000 bayerische 31,0. Jnl Durchschnitt der Jahre 1000/00 ül den entsprechenden Staaten 17, 2!), 16, 27 Nlld 10, 07. Das sagt genug! Wir haben es also innerhalb 3 Jahrzehnten überall mit einem Rückgang von 33 * s l'iv;u . ui tun. Was nnd 'nrn Vs? Urschen dieser Erscheinung? H'.rr'nr .asten ück e.ne Neide von Momenten als Grunde angeden. Sega 11 dal in seiner wertvollen Schrift „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Juden in Deutschland"*) — teilweise *'t 9 der '3cröncn1lidnmiu'n des Bureaus für Sranuik der Juden. Berlin I91-. Diesem Buch sind im froltlenden, wenn nicht ein anderes ausdrücklich gesagt ist. die Zahlenangaben entnommen. Auch sind seine Ausführungen mehrfach wörtlich benutzt. llatürlich nach dem Borgang»anderer — auf eine große Anzahl von Erscheinungen, die hier mitspielen, hingewiesen. Wir nennen tlur die fbedeutendsten: den Berlnst ans Wanderungen, aus Taufen und Atischehen. Allein alle diese Verluste spielen keiiw ausschlaggebende Nolle. Was die Geburten ans Mischehen betrifft, so habe ich nachgewiesen, daß durch sie honte jährlich etwa 8—4°/o der Geburten von jüdischen Ehegatten dem Judentum verloren gehen. Auch der Verlilst infolge der Wanderungeit kann nicht als überwiegende Ursache angesehen werden. Schon vor den Oller Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben zahlreiche Inden Delltschland dell Nücken gekehrt nub doch war - eine interessante Erscheinung — im Jahre 1800 die Geburtenziffer der Judcit in Deutschland noch gerade so groß wie die der sie umgebenden Bevölkerung, lind wenn allch die 80er Jahre und der Anfang der 00er Jahre eine erhöht-? Jndenanswanderunb gebracht haben, so steht dem gegenüber, dafi seit 1805 allein in Preußen ca. 20000 Inden bis zu nt Jahre 1010 mehr eingewandert als ansgewandert sind, nitd doch ist der Geburtenrückgang nicht aufzllhalten gewesen. Ausschlaggebend istvielmehr ein andererGrnnd: Die Abnahme des Zengnngswillens und des Willens zu gebären. Woher konnnt nun diese Erscheinung? Es ist ganz zweifellos, daß sich die Abnahme des Zengnngswillens in allen sozial besser gestellten Schichten eines Volkes zeigt, daß diese Erscheinung, weil sich die sozial bessergestellten Schichten in erster iiiuic in den Städten finden, in überwicgendent Maße Ctadterscheiilung ist, und ebenso zweifellos ist es, daß die Juden sowohl zu delt wohlhabeltderen Schichten als auch zu der Stadtbevölkerung ein Kontingent stellen, das größer ist, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Allein ihre soziale Lage mtd ihr Anteil an der Stadtbevölkernng, die wieder mir die Abnahme des Zengnngswillens erklären, die man aber nicht als selbständige Ursachen neben diese stellen darf, wenn anders man nicht, wie Inspektor Brüsig, die Armut mit der Panvertä erklären will, Hütten nie vermocht, ein orthodoxes Judentum in die Bahn des NeonnMhnsianisinus zu zwingen. Die Inden befanden sich vor dem Jabre 1800 durchschnittlich schon in den gleichen günstigen Verhältnissen, wenn \\: auch nicht in so dodem Grade Stadtbewohner waren wie heute. Allein solange ihnen ein starkes Festhalten an der hergebrachten Satzung es unmöglich machte, sich über das „Seid fruchtbar und mehret Euch" ohne Gewissensbisse hinwegzusehen, hatte ihre günstige soziale Lage nicht das Sinken der Fruchtbarkeit im Gefolge, das ihr sonst auf dem Fuße zu folgen pflegt. Erst als in den Mer Jahren ans einer Neihe von Gründen eine immer stärkere