KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 200 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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200 nicht sehr objektiv und wissenschaftlich vorgegangen, aber immerhin zu verstehen, wenn man bedenkt, welche Wicfcmirüfie der eiserne Kanzler in der Phantasie des Auslandes hatte, sodaß hier jede Bewegung, von der man uvifjte oder annahm, daß Bismarck ihr Förderer war, als von ihm ausgehend betrachtet wurde. Er mnßte die cau8a wovon8 für alle Erscheinungen des öffentlichen Gebens in Deutschland sein. Sind au der „Geschichtsfälschung" nun so sehr viele beteiligt, so umr es wirklich nicht angebracht, Lombrofo wegen seiner beiläufigen Bemerkung einfach ans der tfiftc nicht nur der wissenschaftlich bedeutenden, sondern einfach der ehrlichen Menschen mit leidenschaftlicher Geste 31t streichen. Was soll inan sagen, wenn Dr de Ionge behauptet, das; „den Gipfel auf diesem kühn in's Blaue hinausslrebenden Schlvindellvege der berühmte Professor Eesare Loinbroso erreicht" habe? Oder »venu er von Loinbroso spricht als von „Diesen; Eharlatan (!), der im Zeitalter der Sensation und der Phrase eine neue, Jahrtausende alte Erfahrungen und Sittengesehe umstürzende Kriminalistenschule gründen konnte"! Oder Lvmbrosos „dreiste" Behauptung, Bisnmrck .nsw. sei „eine Verleumdung von kolossaler Frivolität"! ES geht doch wirklich zu weit, einen Mann von der universellen Bedeutung Lombrosos ivegen einer berveislos gebliebenen Behauptung, die in etwas anderer Form schon Unzählige ausgestellt haben, und woran jedenfalls Unzählige glauben, einfach als Eharlatan, als dreisten, frivolen Verleumder hinzustellen. lieber die Bedeutung Lombrosos kann selbstverständlich an dieser Stelle nicht gestritten werden. Daran ist aber nicht zu zweifeln, das; er ein Wahrheitssucher von ungeheurer Arbeitskraft gewesen ist, der der Strafrechtspflege ganz neue Wege gewiesen, der als erster an Hand der Schopeubauerschen Lehre von der Unfreiheit des Willens hinabgelenehtet hat in die unergründlichen Tiefen der menschlichen Seele, und vor allen Dingen den bedeutendsten Einflus; darauf anSgeiibt hat, das; der Strafrichter immer mehr nicht nur die Tat. sondern auch den Täter zu ergründen sucht. Wie iveit Lombroso dies gelungen ist, darüber mag Herr Dr. de Ionge anderer Ansicht sein als andere. Jedenfalls geht es nicht an, ihn, wie dies geschehen, in den K. C.-Blättern einfach mit einigen Worten abzuschlachten. Wenn ich sage: in den Si. E.-Blättern, so tue ich dies mit guten! Grtlnde.' loinbroso war bekanntlich Jude und zwar ein aufrechter, selbstbewußter Jude, der inuner und bei allen Gelegenheiten zur Fahne gestanden und, überhäuft von Ehrungen der gesamten wissenschaftlichen Welt, nicht' den Weg gegangen ist, bcu wir leider so viele unserer (Drosten gehen sehen, den Weg iu's andere Lager. Lombroso hat bewußt, wo er konnte, den jüdischen Alainen zu Ehren gebracht und hat seinen großen Einguß stets in die Wagschale geworfen, wenn es galt, irgendwo in der Welt seinen bedrückten jüdischen Briidern beizustehen. Eine akademische Zeitschrift, welche die Tendenzen des K. E. vertritt, darf das Andenken dieses Mannes nimmermehr schinähen lassen. Zum Schlüsse bitte ich den Herrn Dr. de Ionge, ntich nicht inistznverstehen. Sein Angriff gegen Lombroso bildet nur eine kleine Episode in seinem in; klebrigen äußerst anregenden Artikel, den ich mit dem größten Interesse gelesen habe. Meine Apologie gilt lediglich dem Namen eines von mir verehrten Mannes und soll sich in keiner Weise gegen die Person des Herrn Verfassers richten. Außerdem glaubte ich auch, im Interesse der K. C.-Blütter meine Ausführungen nmchen zu müssen. Replik. 1. Herr Dr. Löwenstein gibt wiederholt zu, das; sich ein Beweis für Bismarcks aktiven Antisemitismus „nicht führen läßt", daß sich Bismarcks antisemitische Stellung zur Judenfrage „nicht beiveisen läßt". — Aus dem altröinischen Nechtsgrundsah: „quisque vir pracsurnitur Drnus“ hat sich der Nechtssat; des modernen Strafprozeßrechts entwickelt, das; jedern Angeklagten seine Schuld bewiesen werden muß. Soll Bismarck im politischhistorischen „Prozeßrecht" eine schlechtere ^Rechtsstellung haben als jeder gemeine Verbrecher? Und müssen nicht grade wir Juden, die wir mit Neckst den zahlreichen „nnbewieseneu", aber gleichwohl in weitell Kreisen als „communis opinio“ geltenden Vorwürfen gegen uns und unsere Vorfahren ^Vaterlandslosigkeit, Mammonismus, Feigheit u. a.) in entschlossener Kampfstellung gegenübertreten und sie als „Geschichtssälschuug" Nachweisen, doppelt gewissenhaft bencüht sein, einen Mann wie Bismarck mit demselben gerechten Maße zu uiesseu, mit dem auch wir gemessen zu werden verlangen?! 2. Lombroso hat n i ch t „das als feststehende Tatsache hingenommen, was im Vaterlande des Kanzlers so weitverbreitete Meinung" ist. nämlich, daß Bismarck „den Autisemitisucus gefördert, zunt uiindesten geduldet habe". Er hat ihn vielmehr (was niemals in Deutschland ernstlich behauptet tvurde) als den Zlrljeber des Antisemitismus und zwar des vulgären He'.;-Antisemitismus hingestellt! „. . . Scaten<> gli istinti popolari latenti contro gli Ebrei, onde vincere la loro tenacia ....... er entfesselte die