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KC-Blätter · 1912-07-01 · Heft 10-11 (1.7.1912) · p. Seite 199

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 10-11 (1.7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 199 (sequence 15)
Language
German
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100 Eine Apologie. Von vr. Julius Löwen stein, Aachen (Badenine. Nheuv-Lilesiae). Herr Dr. jur. Moritz de Jonge zitiert in seiner Studie über „Bismarck und die Judenemanzipation" (vergl. dir. 8 dieser Zeitschrift v. 1. Mai 1012) die Schrift Lombrosos „L’Antisemitisnno e le seienze moderne“, in welcher Bismarck als der Anstifter des modernen deutschen' Antisemitismus bezeichnet wird, und polemisiert deshalb gegen den Berfasser in einer Form, die im Interesse unseres Berbandsorganes meines Erachtens nicht nngerügt bleiben darf. Ohne Weiteres mag Herrn Dr. de Jonge zunächst zugegeben werden, daß sich ein positiver Beweis für' einen aktiven Antisemitismus des großen Staatsmannes während der Zeit seiner Kanzlerschaft nicht führen laßt. Bismarck war weder ein Rassenfanatiker noch ein Mensch, dessen religiöse Anschauungen bcu Haß gegen eine andere Religionsgemeinschaft als die seinige hätten begründen können. Auch war er viel zn intelligent und zn weitblickend, um die außerordentliche Bedeutung des jüdischen Sauerteigs int Leben der deutschen Station nicht zu erkennen. Aber er war auch ein harter Realpolitiker, dessen Entschlußfähigkeit durch keinerlei Gefnhlshemmnngen beeinflußt war. wenn es galt, seine Ziele 31t erreichen. So hat er sich fast jeder politischen Partei bedient, um sie gegen eine andre, ihm gerade unbequem gewordene, in die Wagschale zu werfen. Ja, selbst die Sozialdemokratie nmßte herhalten, (ich erinnere an das berühmte Teleramm: „Fürst wünscht Sabor"), um dem veraßten Liberalismus eins anszuwischen. So ist denn auch, ob mit Recht oder Unrecht mag völlig dahingestellt bleiben, in deutschen politischen, insbesondere aber auch in jüdischen Kreisen allgeniein die Ansicht verbreitet, Bismarck habe den Antisemitismus gefördert, zum Minbesten aber ihn geduldet, weil er damit glaubte, die Massen einsangen utib von der ihrer Entstehung und ihrem Programme nach notwendig judenfrenndlichen Sozialdeinokratie abziehen zu können. Ja, so allgemein ist diese Ansicht verbreitet, daß ich mich nicht entsinne, trotz meiner Bekanntschaft mit der einschlägigen Litteratur vor dem Artikel des Herrn Dr. de Jonge etwas Gegenteiliges gelesen oder auch nur gehört 31t haben. Ich gebe gerne zu, daß diese vom Verfasser als „Geschichtsfülschuug" bezeichnete Meinung über Bismarcks Stellung ' zur Judenfrage sich nicht beweisen läßt. Mir liegt nur daran, die eommunn omnium opinio festgestellt zu haben, um im Anschluß daran die Ungerechtigkeit des heftigen Angriffs gegen Lombroso darzntun. Einen Kronzeugen hierfür möchte ich den Lesern der K. C.-Vlütter in der Person des K. C.ers Dr. Erich Marx (Rheno-Silesiae) anführen. Ec schreibt (K. C.-Blätter Rr. 5 vom 1. Febr. 1012, S. 82 u. 88) in seiner interessanten Studie über Stoecker von Bismarcks Dvppelnatur, die z. B. der staunenden Menschheit das Titanengcschenk der deutschen Sozialversicherung gegeben, aber weit ab von seiner Liberalen Zeit in eine konservative Epoche lenkte „mit der Duldung Puttkammerscher Berwaltungspraxis (Judenausschließung) und zeitweiser Förderung des Antisemitism u s." Und ml anderer Stelle: „Erschreckt von den Wirkungen der lvirtschastlichen Revolution über das Bvrdringeil des aus dem Schoße der neilen Gesellschaft allfsteigenden Sozialismus rvandten sich Kaiser uiib Kanzler mit heftiger Wendung den Parteieil der Rechten zu. Wer warell die Begründer des Sozialismus? Die Inden Marx und Lassalle. Und wer stellte sich der neuen staatssozialistischen Politik der Regierung so schroff entgegen? Bor allen! die liberalen jüdischen Politiker und die liberale „jüdische Presse". Marx ninunt also auch eine Förderung des Antisemitismus durch Bismarck an, ohne hierfür Beweise beiznbriugen, die jeden Zweifel ausschließen könnten. Alan nimmt es eben allgemein an. Interessant ist auch in dieser Beziehung ein anscheinend in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstandener Holzschnitt voll C. Holoch, betitelt „Moderne Schädelstudie". (Vervielfältigt in Manrenbrecher „Die Hohenzotterll-Legende". S. 757, Berlin; Buchhandlung Vorwärts). An den einzelnen Stellen des Bislnarckschen Hauptes sind die einzelnen Uebel angebracht, die das deutsche Volk nach Ansicht des Karikaturisten Bismarck zu verdanken hat. Da besteht denn das litlke Ohr aus einem den Mund weit aufreißenden Alünnchen und in den Ohrläppchen steht: „Hepp, Hepp". Und wenn auch Ehamberlain (die Grundlagen des 10. Jahrh. 1. S. 405) tausendmal Unrecht hat, wenn er schreibt:.„daß fast alle hervorragenden und freien Männer von Tiberius an bis Bismarck die Gegenwart des Juden in unserer Mitte als eine politisch-soziale Gefahr betrachtet haben", so zeigt auch diese beweislos gebliebene Behauptung in Verbindung mit dem oben ''Angeführten, wie allgelnein verbreitet die Allnahlne von der antisenlitischen Gesinnung und Betätigung Bislnarcks gewesen ist. Um so entschuldbarer dürste daher Lombroso sein, wenn er als Italiener das als feststehende Tatsache hiuninuut, was int Vaterlande des Kanzlers so weitverbreitete Meinung ist. Daß er schließlich als Italiener Bismarck zum Entfeßter der antisenlitischen Hetze nracht, ist vielleicht

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