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KC-Blätter · 1912-07-01 · Heft 10-11 (1.7.1912) · p. Seite 197

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 10-11 (1.7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 197 (sequence 13)
Language
German
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107 der Sonnenaufgang ist nur eilt ununterbrochener Niedergang; das All ist nur die sichtbare Verwirklichung dieser Harmonie des sich Entgegengesetzten, welche durch alles Seiende hindurch greift und es regiert: dieser oersöhnte Wider sprnch, das daseiende ^cichtsein ist derKern mit» die ganze Tiefe seiner Philosophie; inan kann vorläufig sagen, das; diese in dein einzigen Sähe besteht: das ^cichtsein ist. In; übrigeil sei nur noch erwähnt, das; Lassalle diirch die geistig verwandten Züge Heraklits sich angezogen fühlte: Herallit war ein geistiger Aristokrat. der die Pflicht zur Hingabe an die Allgemeinheit für das Höchste hielt, zugleich aber wegroerfend über seine Vcitmenschen sprach, den unvergänglichen Nnhiii jedoch ivieder über alles setzte. Auch Lassalle ist ans Instinkt und kraft seiner Wnmb» prillzipien ein Vergötterer der Intelligenz mtb ein Verächter der öffentlichen Meinung, ans Neberzengnng und kraft seiner politisch-praktischen Prinzipiell ein allsgeprägter Demokrat: in der Welt der Prillzipien also derselbe Kontrast, der rein äußerlich zil Tage trat, wenn Lassalle mit seiner allsgesncht eleganten Kleidllng, feiner Wäsche und Lackschllheil zu einem Kreise voll Fabrikarbeitern mit rußiger Kleidung und schwieligen Händen sprach. Wad) dieser ivisseilschaftlichell Leistling erschien Lnssalle, der zwischenzeitlich das Niederlassnngsrecht in Berli'.l erhielt, plötzlich auf einem ganz aildereil Gebiete, indem er iur Frühjahr i«S50 ein hiftorifclies Trauerspiel „Franz von Sickingen" verösseiltlichle. Lassalle war gewiß kein geborener Dichter, ihm fehlte die Belneisternng der dramatischen Technik: aber da er, wie ans einem Briefe an Karl Marr hervorgeht, naef) 1H4S/40, nachdem schon soviel Blut geflossen, das Theoretisieren als Schmach empfand und feine glühende Natur zlir Tat drängte, so wollte er, wie er im Vorwort zu seinem Drama schreibt, „dell geistigeil Konflikt der Neformalionszeit, diesen kulturhistorischen Prozeß noch einmal in bewußter Erkenntnis , lnld leidenschaftlicher Erregung durch die Adern alles Volks jagen; die Macht, einen solchen Zweck zll erreicheil, ist aber nur der Poesie gegeben, llild darmn entschloß ich mich zu diesem Drama." Lassalle wollte ein historisches Drama bringen, indem er die großen kulturhistorischen Prozesse des eigenen Volkes selbst, im Gegensätze zll Schillers Art, zum eigentlichen Subjekt der Tragödie machte. Der Sickingen sollte die Tragödie der formalen, revolutionären Idee sein, d. h. Revolutionen scheitern daran, daß die Begeisterung, ans welcher sie beruhen, sich ans das Endliche einlassen muß. wobei sie aber, weit entfernt sich «nszvsiihren. vielmehr ihr Prinzip ansgeben lmd nunmehr unterliegen müssen; denn revolutionäre Zwecke können niemals dlirch diplomatische Mittel erreicht werden, vielmehr kann man Revolntionen nur mit den Massen und ihrer leidenschaftlichen Hingabe machen, weil sie nicht für Vermittelung, sondern nur für das Ertreine Sinn haben; wer diplo- «latisiert, listet mit der Idee und unterliegt. In diesem Listen mit der Idee liegt auch die tragische Schuld Sickiugens. Das Stück übt auf den Leser einen tiefen Eiildruck ans; in der Zeichnung der Eharaktere ist die Größe nick)t zu verkennen: am schwächsten sind in denn Stück die Liebesszenen, bcnou jeder lyrisch duftende Hauch fehlt, auf die sich Lassalle ja auch im Leben nicht verstanden hat. Es sei hier pur an die Liebesepisode erinnert, die Lassalle im Sommer lMO mit einer jungen Russin hatte, welche er durch einen über vierzig große Lurart- , seiten langen Brief erobern wollte! Von der Poesie machte ^assalle einen Sprung in die Politik, indem er im Jahre 1K59 eine Broschüre: „Der italienisch? Krieg und die Aufgabe Preußens, eine Stimme ans der Demokratie" erscheinen ließ, die sich nüe ein Trompetenstoß für die kommende Bismarck'sche Politik darstellt. Lassalle, der zwischenzeiiluh sich immer mehr von dem doktrinären Sozialrevolutionär Marr entfernte, sodaß die politische Aktion der nächsten Jahre allein in seine Hände fallen sollte, ließ alsdann noch zwei litterarhistorische Arbeiten erscheinen, nämlich „Fichtepolitisches Testament" nnb „Lessing vom kulturhistorischen Standpunkt". Diese geistigen Tiraillenrgesechte leiteten nur einen neuen wissenschaftlichen Hauptkampf ein, welchen Lassalle in einem größeren Werke, in seinem 1«sfH erschienenen .. L ystem der erworbenen Uiechtc" ausfocht, von dessen umfangreichen zwei Teilen der erste die Theorie der erworbenen Rechte und die Kollision der Gesetze, der zweite das Wesen des römischen und gerrnanischen Erbrechts enthält. Es ist dies Lassalles bedeutendste wissenschaftliche Leistung, ohne deren Kenntnis sein späteres ^agitatorisches Auftreten nicht in seinen innersten' Motiven zu erfassen ist. Es sollen deshalb einige eingehendere Worte hierüber gesagt werden. (Fortsetzung folgt.)

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