KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 196 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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196 im Sinne der Marxschen Partei an der Revolution, indem er hier ain schein die Sistierung der Abgaben und den bewaffneten Widerstand leitete. Durch seine Anwesenheit am Rhein war nämlich Lassalle in ein Milieu gelangt, das seiner späteren Entwicklung vorgearbeitet hat. Da die Restauration nach dem Befreiungskriege weder die individuelle staatsbürgerliche Freiheit noch den Anteil des Einzelnen am Staatsleben gewährt, weder der Nationalstaat errichtet war, noch die wiederhergestellten Staatssormen mit der sozialen Verschiebung, die sich im Süden und Westen Deutschlands durch Ausbildung der besitzenden Fabrikantenklasse und eines industriellen Arbeiterstandes ansgebildet hatte, Schritt gehalten hatten, mutzte das Streben nach einer einheitlichen und freiheitlichen Verfassung, wie. immer auch die Staatsform gedacht sein mochte, die Quelle der Bewegung des Jahres 1848 sein. Dabei war eine politische Trennitng der Klassen noch kamn vorhanden, in den Revolutionskamps zog man gemeinschaftlich, und erst im Laufe der Bewegung begann die Trennung, naturgemäß dort äiterft, wo der vierte Stand, die Arbeiterklasse, als besonderer Faktor sichtbar ward und nach rein demokratisch gestalteten mit sozialistischen Ideen verflochtenen Zielen strebte. Die Revolutionsansicht der diesen vierten Stand leitenwollendeit Männer, zu denen hier am Rhein Friedrich Engels, Ferdinand Freiligrath, Droilke und besonders der Herausgeber der Weiten Rheinischen Zeitung, Karl Marx, gehörten, stand unter dem Gesichtspunkte des Satzes des von Marx und Engels 1847 verfaßten Kommunistenmanifestes, daß die heutige Geschichte die Geschichte des Kampfes zwischen Bourgeoisie und Proletariat sei. Die Ideen dieses Kreises nahm der junge Lassalle ganz in sich auf. sprach in verschiedenen Volksversammlungen in Köln, Worringen, Düsseldorf und Neuß, wo er, sich noch an die Arbeiten und bürgerlichen Demokraten wendend, zur Rüstung gegen die Regierung aufforderte, welche durch die Kassierung des ganzen öffentlicher Rechtsznstandes den"Rechtsstandpunkt verlassen habe. Lassalle wurde hierauf sofort am 22. November 1848 verhaftet und wegen seiner Neußer Rede unter Anklage gestellt, ein Umstand, der ihn bis Juli 1849 wieder in Untersuchungshaft warf, ihn damit aber auch, wie die Geschichtsschreibung mit Recht betont, von Staatswegen an der Vernichtung seiner eigenen Person hinderte. Lassalles Verteidigung war die berühmte Assisenrede, die er zur Beeinflussung der Geschworenen vorher hatte drucken lassen, mit Rücksicht aber auf den Ausschluß der Oeffentlichkeit durch den Gerichtshof niemals gehalten hat: weder Ursache noch Zusammenhänge der Revolution erörtert Lassalle, sondern die Kassierung des öffentlichen ^kechtszustandes während des letzten Jahres durch die Regierung, die das Recht nur noch aus Kanonenmündungen schöpfe, kritisierend sucht er den Rechtstitel der Partei, zu der er sich geschlagen, zu erweisen: die Krone habe den Rechtsboden verlassen, ihm gehöre er jetzt an; der bewaffnete Widerstand sei nicht illegal gewesen, da die Nationalversammlung die Nevo-- lution legalisiert habe, und die nachträgliche Legalisierung der oktroyierten Verfassung durch die Kammer" sei ohne Wert, weil eben diese Kammer auf Grund eines anderen Wahlgesetzes gewühlt sei. Und in einem Appel! an die Geschworenen überstürzt sich Lassalle bis zu den Worten: „Laßt die Rechnung der Tyrannen anwachsen, bis ein Tag die allgemeine und die besondere Schuld auf einmal zahlt." Das Resultat war die Freisprechung Lassalles, der jedoch alsdann vor dem.Korrektionstribunal zu einer sechsmonatlichen Gefängnisstrafe verurteilt ward. Als Lassalle dann im Juli 1849 aus der Untersuchungshaft in die Freiheit zurückkehrte, fand er eine veränderte Welt wieder, d.n die Revolution zwischenzeitlich an allen Orten blutig unterdrj'lckt ivar. Die Reaktionszeit der 50er Jahre, die nun folgt, bedeutet ebenso wie für den großen weltgeschichtlichen Zusammenhang, so auch für Lassalles Leben nicht mehr als ein Intermezzo: Nachdem Lassalle die Hatzfeldprozesse 1854 durch einen glücklichen Vergleich, der seine K lientin und ihn sicher stellte, zum Abschluß gebracht hatte, faßte er den Entschluß, zur wissenschaftlichen Tätigkeit zurückznkehren, den Heraklit zu vollenden und nach Berlin überzusiedeln. Nachdem ihm nach langen vergeblichen Bemühungen 1857 der Aufenthalt in Berlin gestattet ward, ließ er sein Werk „Die Philosophie Herakleitos des Dunklen von Ephesus", nach einer Sammlung seiner Bruchstücke und nach Zeugnissen der Alten dargestellt, erscheinen, ein Werk, welches ihm die Anerkennung der Berliner Gelehrtenkreise, eines Vöckh, eines Alexander von Hnmbold verschaffte. Die Philosophie Herakleitos des Dunklen ist eine Studie in Hegel'schem Geiste, eine Studie zur Geschichte der Philosophie. In der Auffassung von heraklits Metaphysik spürt man den schnlgerechten Hegelianer: der Begriff des Werdens, die Identität des großen Gegensatzes von Sein und Nichtsein ist das göttliche Gesetz; die Natur selbst ist nur die verkörperte Verkündigung dieses ihre innere Seele bildenden Gesetzes von der Identität des Gegensatzes; der Tag ist nur diese Bewegung, sich zur Nacht zu machen, die Nacht nur die. zum Tag zu werden,