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KC-Blätter · 1912-07-01 · Heft 10-11 (1.7.1912) · p. Seite 194

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 10-11 (1.7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 194 (sequence 10)
Language
German
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194 berechtigte zu markieren, empfing Bismarck Lei der Antritts-Audienz stehend, mit der Zigarre im Munde, ohne ihm einen Stuhl, geschweige denn, wie es die Höflichkeit gegen Gleichstehende erfordert, ebenfalls eine Zigarre anzubieten. Bisnmrck erfasste die Situation sofort, und mit seinem vorbildlichen „Emanzipationsstolz" zieht er rasch seine Zigarrentasche hervor, steckt eine Zigarre in bcn Mund, tritt nahe an den österreichischen Gesandten heran mit den Worten: „Erzellenz. darf ich mit Feuer bitten?" (was dieser ihm nun selbstredend grün und bleich vor Aerger gab), setzte sich unaufgefordert auf einen Stuhl, worauf der Oesterreicher sich ebenfalls notgedrungen setzen musste, und führte dann in leichtem Planderton das Antrittsgespräch fort. Aber diese komisch-ernste politische Szene erlebte einige Monate später eine wesentlich verstärkte zweite Auflage bzw. Wiederholung. Bismarck erzählte sie selbst später folgendermaßen: „Bei den Sitzungen der Militärkommission (d. h. des Bundestages) hatte, als Nochow (sein Vorgänger als Gesandter) Preußen beim Bundestage vertrat, Oesterreich allein geraucht. Rochow hätte es gewiß auch gerne getan, getraute sich aber nicht! Als ich nun hinzukam uub nicht einsah, warum nicht, ließ ich mir von der Präsidialmacht Feuer geben, was von ihr und den anderen Herren mit grösstem Erstaunen mtb Mißvergnügen bemerkt zu werden schien! Es war offenbar für sie ein Ereignis! Für dieses Mal rauchten mm aber Oesterreich n n d Preußen. Aber die anderen Herren hielten es fiir so wichtig, daß sie darüber nach Hanse berichteten. Auch nach Berlin muß maus geschrieben haben. Und es erfolgte eine Anfrage des hochseligen Herren (Friedrich Wilhelm IV.). der selber nicht rauchte, und die Sache deshalb vermutlich nicht nach feinem Geschmack fand. Die Sache erforderte an den kleinen Höfen reichliche Ueberlegnng uub es dauerte wohl ein halbes Jahr, daß imr die beiden Großmächte rauchten. Darauf begann auch Schrenck. der banrische Gesandte, die Würde seiner Stellung durch stauchen zu wahren. Der Sachse Nostiz hatte auch wohl große Lust dazu, aber wohl noch keine Erlaubnis von seinem Minister. Als er aber das nächste Mal sah, daß der Hannoveraner Bothmer sich eine genehmigte, zog er ebenfalls vom Leder und dampfte! Der Wiirttemberger von Reinhard rauchte überhaupt nicht. Aber die Ehre uub Bedeutung seines Staates erforderte es gebieterisch! Und so holte er bei der nächsten Sitzung eine kolossale funkelnagelneue Zigarrentasche aus der Tasche, entnahm ihr eine riesige. Zigarre, ich sehe sie noch: es nuu* eine Nockenstroh, zündete sie mit mürrischer Entschlossenheit all mrd rauchte sie mit schlnerzlich verzogener Miene als Brandopfer für das schwäbische Vaterland wenigstens halb! Nur die kleineren Staaten (!) enthielten sich ans Furcht vor Oesterreich noch immer des Rauchens." — In dieser Emanzipativnszigarre Bismarcks steckt symbolisch der ganze Bismarck, der zwar im Privatverkehr bis in sein hohes Alter bescheiden mrd „gemütlich" war (man weiß, wie schlicht er mit seinen Dienern verkehrte und mit de'.l Bauern auf seinen Gütern ..plattdütsch" plmlderte), aber in politicis, wo es die Würde seines Staates uub seines Volkes galt, „sich nichts gefallen ließ". — Und diese Gleichberechtigungs-Zigarre Bismarcks kann auch uns Juden irr zahlreichen erlisten Lagen als Symbol dienen und lins gemahnen, llicht mehr zaghaft, wie die „kleinen Staaten ans Furcht vor Oesterreich", erzlvllngene politische Nichtraucher zu bleiben, foubcvu gegebenenfalls unsere stimbolische Emanzipations-Zigarre aus der Tasche zu zieheil und die Vertreter des Staates und der Gesellschaft ü irr Bisillarck nnl das „Feuer" der Gleichberechtiglmg zu bitten! Das zweite nlächtige moralische Mittel Bismarcks, welches uns im Kampf vorbildlich sein soll, ist sein Einheitsgefuht. sein deutscher llnitarismns, der nur eine alldere Erscheinungsfornl, eine andere Vetätigungsform feines nationalen Gefühls, seiner Volkstrene und -liebe war. Er, der geborene preußische Jilnker, überbrückte dell Gegeilsatz voll Nord und Süd und fühlte sich erst als Deutscher, bauit als Preuße. Er, der geborene christlich-konservative Jmlker trennte sich später von den Konservativen? llnd auch fiir die berechtigtell demokratischen rmd sozialen Vestrebllllgell suchte er Bahn zu brechen (es sei llllr all das allgemeine gleiche Wahlrecht und die Llrbeiterversichcrllngsgcfetzgeblulg erinnert). Uub so können auch mir Juden den Kampf um die volle Gleichberechtiglillg mir dann durchkämpfen, wenn wir mlter uns nicht mehr zwischen sozialeil Schichten, llicht mehr zwischen Steuerklassen, llicht mehr zwischell Parteien mlterscheiden, soildern für alle prellßischen Jlldeu, mögen sie gerillg oder vorilehill, arvl oder reich, konservativ oder liberal sein, gleiches stecht verlangen; welln wir llnsere inileren Gegensätze llnter uns allsfechtell uub ausgleichen. mul) allßen aber verdecken; wenll wir als „ein einig Volk von Brüdern" bcu Alltisenliteil und ^lnti-Emanzipatoreil gegellüberstehen. ^tnr durch sein gewaltiges weitllnlfassendes nnitarisches Gefühl, welches alle Stämme und alle Parteieil nach außen als eine Einheit zusanlnlenfaßte, konnte Bislllnrck die Emanzipation Delltschlands gegeilüber dell ellropäischeu Großinächtell dnrchkäinpfell! Jerre zwei llloralische.il Kanlpfnlittel Bismarcks bedingen einander gegenseitig! Durch das Ein-

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