KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 10-11 (1.7.1912)
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 193 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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alter den Juden zurief: „Etwas mehr Bescheidenheit!" politisch ans den Atopf gestellt und die Forderung umgekehrt formuliert werden: „Etwas mehr Unbescheidenheit"! Lassalle rief den Arbeitern, um sie zu höheren Ansprüchen zu ermutigen, das Wort oou der „verdammten Bedürfnislosigkeit!" zu. Hub der, der die Geschichte der Gegenwart beobachtet und das ausspricht, „was ist", wäre fast versucht, bei rein tatsächlicher Feststellung ohne alle tendenziöse Uebertreibung in emanzipatorischcr Hinsicht von einer „verdanunten Anspruchslosigkeit" der heutigen Juden in Preußen zu reden! Zwar hat die Judenemanzipation seit einem Lustrnm unverkennbare Fortschritte gemacht! Aber wenn wir den Weg dieses Fortschritts immer wieder mit Bismarckscheu Augen betrachten, so miiffcu wir mit Schmerz und mit Stolz erklären, daß das Ziel noch gar ferne ist! Wohl sind endlich seit 1W6 eine Reihe jüdischer Amtsrichter und Landrichter 511 Oberlandesgerichtsräten befördert worden. Aber noch gibt es keinen jüdischen Landgerichtspräsidenten, geschweige beim Oberlandesgerichtspräsidenten! Roch gibt es keinen einzigen jüdischen Landrat oder gar Regierungspräsidenten oder gar Oberpräsidenten! Und ein jüdischer Minister, wie ihn im letzten Jahrzehnt z. B. Holland an der Spitze des Justizministeriums, Frankreich (zurZeit) an der Spitze des Finanzministeriums, Italien an der Spitze desKriegs( .'-Ministeriums und des Gesamtministerinms sah*), erscheint in Preußen immer noch als eine Märchenfigur, als eine Traumgestalt! Roch wird die seit dreißig Jahren bestehende, besonders schmerzliche Rechtsbeschränkuttg festgehalten, daß ein Jude nicht ordentlicher ttnivecsitäts Professor in Preußen werden kann! Und ein Alaun wie Riesser muß sich mit der Stellung eines sogenannten Honorarprofessors begniigen. Roch wird in Preußen den Juden die Offiziers-Karriere verschlossen, wiewohl gerade unsere jiidische Jugend von heute wahrlich alle Offiziers-Qualitäten besitzt! Und diese Generation, die jetzige jüdische Jugendgenerati on, sie wird auch die Gleichberechtigung bis zu den letzten Zielen im Geiste Bismarcks durchkämpfen und erkämpfen! Auf diesem und aus allen Gebieten! Denn sie wird nicht nur die Ziele der vollen Indenemanzipation im Geiste Bismarcks unerschütterlich sesthalten! Sie wird diesen Zielen auch mit Bismarckschen Mitteln zustreben und mit Rütteln, die denen analog sind, mit denen Bismarck die Emanzipation Preußens und Deutschlands erkämpfte, auch die Emanzipation der Juden erreichen! Und diese Bis¬ *) England hat seit einigen Wochen zwei' jüdische Minister. marck-Mittel sollen nun in aller Kürze fixiert werden! Nicht die militärischen Machtmittel Deutschlands, nicht der Beamtenapparat des sriederieianischen Staates sind die für uns Juden vorbildlichen Mittel Bismarcks, sondern seine m 0 ralische n, pe r s ö nl i ch e n Nüttel: Erstens der kolossale moralische Ni nt dieses erzmännlichen Mannes, sein reckenhaftes, granitfestes Persönlichkeitsbewußtsein! Und zweitens seine Parteilosigkeit, die ihn befähigte, nicht nur dem Partikularismus der deutschen Stamme (und vor Allem seines Stammes. des borussischen, mit dem er nur zu oft in Konflikt geriet!), sondern auch der echt deutschen Tendenz zur Zersplitterung in viele Parteien immer und überall die Rücksicht ans das Gcsamtwohl des Staates und Vaterlandes eutgegeuzusetzen und die Diagonale aus sämtlichen Richtungen und Volkskräften als die richtige Linie festzuhalten! Das Frei he i tsgefühl, der M 11 t Bismarcks kann und muß uns vor Allein im Kampf um dieVollendutig derJudeuemanzipation vorbildlich sein! Der mir zur Verfügung stehende Raum gestattet mir nicht, die Anwendung des Bismarckscheu Mutes auf unsere emanzip-ttionsrechtlicheu Fragen im Einzelnen zu zeigen. Eine erheiternde Anekdote mag als klassisches Beispiel genügen, zumal sie die Bedeutung eines kleinen politischen Lustspiels mit durchaus ernster Tendenz hat, welches lmter der Hülle des Humors einen überaus ernsten politischen Kern birgt, zugleich übrigens ein Musterbeispiel jenes, ich mochte sagen: praktischen Humors Bismarcks, seines Humors der Tat. Und sie ist für uns besonders instruktiv, weil sie ebenfalls einen e m a n z i p a t i 0 n s r e ch t l i ch e u Anlaß hatte, so daß die Nutzanwendung für uns sich leicht ergibt. Als der Deichhrinptmann Eduard Otto Leopold von Bismarck-Schönhausen, wie er in feinem Beglaubigungssch reiben heißt, im Sommer 1851 als preußischer Bundestagsgesandter beim Bundespräsidium in Frankfurt beglaubigt wurde, hatte Preußen (zwei Jahre nach der Demütigung von Olmütz) neben Oesterreich die Stellung eines Staates zweiter Klasse; und. Friedrich Wilhelm [V. hatte nicht den Mut und die Kraft, diese minderberechtigte Stellrmg zu heben. Oesterreich stand gegenüber Preußen auf denr Standpunkt, den Fürst Schwarzenberg nach Olmütz auf eine Forme! gebracht hatte, die unsere heutigen Antisemiten und' Anti- Emanzipatoren analog fast als ihre Devise uns Juden gegenüber anwenden könnten: „Avilir- 1» Prusse et apres la demolir!“ Der österreichische Gesandte Graf Thun, der das Bundespräsidium in Frankfurt vertrat und jede Gelegenheit benutzte, Preußens Stellung als eine minder-