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KC-Blätter · 1912-07-01 · Heft 10-11 (1.7.1912) · p. Seite 191

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 10-11 (1.7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 191 (sequence 7)
Language
German
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191 wahrhaft vorbildlichcn jüdischen Staatsmann haben wir seit zwei Jahrtausenden nicht mehr gehabt! d. h. einen Staatsmmm, der als Jude jüdische Ziele verfolgte! Disraeli, ein echter Sohn unseres Volkes und der größte englische Staatsmann seit Pitt, war nicht mehr Jude und verfolgte lediglich politische Ziele! Lassalle war zwar Jude, vorfolgte aber keinerlei jüdische Ziele! Und auch die, die eine so stolze und imposante politische Erscheinung wie Theodor Herzl hoch ehren und aufrichtig lieben, müssen bei nüchterner, wahrhaft objektiver, von parteipolitischen Tendenzen freier historischer Kritik sofort feststellen, daß er zwar ein bebcuteubcr Politiker war und ein hochbegabter Diplomat mit staatsmännischerAder, aber schon deshalb kein „Staatsmann" im eminenten Sinne, geschweige denn ein vorbildlicher Staatsmann, weil er gänzlich des fatalistischen Glaubens an sich selbst und eine ihm von der Vorsehung vorbestimmte Mission, die noch zu allen Zeiten die charakteristische Signatur des echten Staatsmanns war, ermangelte; weil er infolgedessen die Kunst zu warten (zu warten in großem Stile) nicht verstand und sein großes, wenn auch fernes Ziel: die Wiederherstellung des I u d e n st a a t e s in Palästina, mit der charakteristischen Eonnivenz uiib inneren Unsicherheit des ungeduldig nach sofortigen, nahen Erfolgen tastenden Diplomaten schon bald wieder aufgab und infolgedessen im Kampf nach wenigen Jahren erlahmte! — Das echte staatsmünnlsche Genie aber bleibt inuner kampffähig und gefechtsfrisch, nne Bismarck noch bis zu seiner Versöhnung mit seinem kaiserlichen Herrn lind — Gegner kurz vor seinem SO. Geburtstage! Bismarck wartete in den 5,0er Jahren Jahre lang, bis seine Stunde nach Ueberwindnng der reaktionären Miß- Wirtschaft gekommen war; er wartete in bou Mer Jahren Jahre lang im Konflikt mit der ganzen Volksvertretung, bis das Jahr 00 bewies, daß er auf dem richtigen Wege gewesen lvar, uub er wartete noch ein Mal nüt eiserner Unbeugsamkeit in den Mer Jahren als Greis, bis sein Kaiser ihn zuin Versöhnungsfest nach Berlin lud! Wer nicht warten kann, wer früh erlahmt, wer (wie Herzl) im Gegensatz zu Luthers Wort „auch anders" kmm. beweist eben schon dadurch, daß er kein Staatsmann großen Stils war und ihm ein Grnndelement wahrhaft staatsmännischer Blutmischung fehlte: das Eiseil! Und so nne die Militärs in der Kriegswissenschaft ohne Bedenken von den großen Feldherrn fremder, sogar feirrdlicher Völker lernen (seit 100 Jahren ftiOm ii man z. B in preußischen Kriege schulen und Kriegsakademieen die Kriegskunst des großen Napoleon mit äußerster wissenschaftlicher Gründlichkeit), so müssen auch wir Juden, die mir als solche noch keine großen Meister der modernen politischen Kriegskunst besitzen, von anderen Organisationen und deren Führern lernen! Und um wie viel niehr und wie viel freudiger und bereitwilliger, wenn diese Organisation zugleich auch lmser Volk ist. unser deutsches Volk! Bismarck hat einnml die Politik eine Kunst genannt. Alan tonnte sie auch einen Krieg nennen! einen Kampf ums Recht! run Rechte, venneintliche oder begründete blechte! Und das begründete stecht, um welches wir jüdischen Emanzipativuspolitiker kälnpfen. ist das Recht auf Vollendung der Emanzipation, die vor 100 Jahren in Prenßerl begann! Und gerade in biefem Kampfe kann Bismarck uns als Führer mtb Vorbild voranleuchten! Tenn auch er hatte einen gewaltigen Kampf um Emanzipation zn fiihren. Zuerst den Kanipf um die Preußen- Emanzipation gegenüber Lesterreich, welches ein halbes Jahrhundert lang den Staat Friedrichs des Großen ini Teutscherl Bunde als minderberechtigt zu behandeln suchte. Und dann der Kampf uni die Emanzipalion Deutschlands in Europa, den Kampf uni die Gleichberechtigung unseres deutschen Vaterlandes, welches, wie jeder Kenner der (beschichte des! 0. Jahrhunders weiß, von Rußland (besonders in den 40er Jahren), von England (besonders in den 50er Jahren , von Frankreich (besonderin den 00er Jahren), als minderberechtigt, als ein Staat zweiter Klasse behatidelt wurde, unter den Großmächten Europas, um seine Anerkennung als Staat erster Klasse! llnd auch unser Kampfziel ist: als Staatsbürger erster Klasse, nicht mehr nur als solche zweiter, dritter und vierter Klasse geachtet und behandelt zn werden! Das 18. Jahrhundert verwandelte die Rechtsstellung der preußischen Juden (vor Allem unter der Nachwirkung der edelen Initiative des Großen Kurfürsten, dieses Prachtmenschen ans denn Hohenzollernthrone) aus der von Heloten in die von Periöken! Und im Laufe des 10. Jahrhunderts hat sich die Rechtsstellung der jüdischen Periöken in Preußisch-Sparta mehr und mehr gebessert! Aber noch am Anfang des 20. Jahrhunderts sind wir noch nicht völlig emanzipiert! — Was heißt Emanzipation? Im römischen Recht war die „emancipatio" die Freilassung des Sklaven. Und der Freigelassene, der libertus, war zwar nicht mehr Sklave, jedoch auch noch nicht Vollbürger! Aber der Begriff hat sich gewandelt! Seitdem man von der Emanzipation des „tiers etat** in Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts, der Emanzipation der Katholiken in England am Anfang des 19. Jahrhunderts uub ähnbch-m muftvaHonen srrsch, bis zur Franenemanzipariou der Gegenwart, versteht man unter Emanzipation nicht nur die Aufhebung eines skuvenar: - gen Zustandes, sondern

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