Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1912-07-01 · Heft 10-11 (1.7.1912) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 10-11 (1.7.1912)
Date
1912-07-01
Page
Seite 190 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2268830-2268846-2268857--0491-2269706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

190 wir nur dem Ehrenrat eine Verantwortung aufbürden, die wir ihm nicht znmuten können und wollen. Allein auch eine andere wichtige Forderung läßt sich nur bei nachträglicher Anrufung des Ehrenrats erfüllen, die Forderung, für eine einheitliche R e ch t sp r e ch n n g innerhalb des K. E. zu sorgen. In einer solchen die Gesamtheit gleichmäßig angehenden Frage prinzipieller Natur darf eS nicht Vorkommen können, daß in sonst ganz gleich liegenden Fällen der Ehrenrat der einen Verbindung das Verhalten seines Alten Herrn billigt, während der Ehrenrat der anderen ihn znm Austritt genötigt haben würde. Gerade weil die hier in Betracht kommenden Fälle aller Voraussicht mid) selten bleiben werden, wenn sie. aber vorkonnnen desto ernster zu nehmen sind, eben darum können und miissen wir uns hier den Luxus einer interkorporativen Berufungsinstanz gestatten, die anzurnfen sowohl dem betroffenen Eilten Herrn, als auch jedem K. E.er ltub jedem K. E.-Orgall innerhalb einer bestimmten Frist freistehen muß. Da wir ja jetzt im Geschäfts führen den Ausschuß ein Centralorgan haben, dem ohnehin richterliche Funktionen zuerkannt iverden sollen, so ist er auch die gegebene Berufungsinstanz gegen die giltachtl'iche Aeußerung des Berbindu'ngsehrenr'ats. Wo es sich um Sein oder ^Nichtsein eines Bnndesbruders handelt, denr nur, auch wenn wir seinen Standpunkt nicht billigen, doch vielfach keine persönliche Unehrenhaftigke.it vorwerfen können, da ist das Verlangen nach einer dein gaiizeii K. C. gemeiiisanien obersten Instanz wohl verständlich. Das wären m. E. die einzuhaltenden Richtlinien des besoiidereii Verfahrens, das zu regeln natürlich Sache des C., nicht der einzeliien Verbindungen ist. Auf die Einzelheiten weiter einzugehen, wird erst anr Platze sein, sobald über die Grundlage Einigkeit erzielt ist. Dismarck als Vorbild der Juden im Eman;ipationülra»ipfe. Von Dr. jur. Moritz de Ionge, Köln. - - (Nachdruck verboten) Am Eiide des 1t>. Iahrhilnderts sagte maii in Preußen: „In jedem Preilßen steckt eill Stiick voni alten Fritz!" Aiil Ende des 19. Jahrhiliiderts konnte man mit gleichen! Grunde sagen: „In jedem Deutscheli steckt ein Stück Bismarck!" Dein Einslilß der überragellden Persönlichkeit des gewaltigen Mannes, mochte es auch ein rein psychologischer Einftilß sein, kvimte sich ÄUemand entziehen. der in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhiliiderts lebte, ailch der Staatsbürger jüdischeii Glailbeiis nicht Mid zwar auch darm nicht, weliii er deniokratisch gesinnt war. Es gibt schon niehrere Schrifteil juristischer Professoren, die den geivaltigen Einfluß osfeiilegen, ben Bismarck nicht nur direkt sondern indirekt, rein ideell, auf die Gestaltiiiig des öffentlichen Rechts während eines ganzen Menschenalters ausgeübt hat. - Professor Rosin (unser öefannter und auch um das Judentum verdienter Glaiibeusgenosse in Freiburg) hat die „Grundzüge einer attgeiileineil Staatslehre nach ben politischen Reden und Schriften Bisinarcks" skizziert; Professor Allschiitz in Berlin über „Bismarck als Jurist" geschrieben; und vor atteul Jagemann, früherer badischer Gesandter ill Berlin, jetzt Honorarprofessor in Heidelberg, hat in einer Schrift: „Der Schatz Bismarckscher Staatsrechtsgedanken" gezeigt, wie Bismarck sozusagen als „praktischer Staatsrechtslehrer" auf eine ganze Generation gewirkt hat. und sagt am Schluß sehr treffend: „Alle Deutschen sind geborene Träger und Genossen der Bismarckscheu Rechtsschöpfung!" lind sowie er als politischer praeceptor Germaniae auf die Zeitgenossen in Dentschlcmd wirkte, so wirkt er auch noch heute ans die ''Nachwelt als politischer Lehrmeister! Und wir deutschen Juden sind Deutsche, auch wenn wir stark stammesbewußte Juden sind! — Wer soll unser politischer Lehrmeister sein, wenn es sich um Fragen, die unsere Stellung nach allsten: im Volke unseres Vaterlandes und unter den Völkern der Erde zum Gegenstand haben, kilrz gesagt: um Emanzipatio nsfrag en handelt?!? Etwa die großen alten Propheten? Der eiserne Elias? Der königlich kühne und soilveräll freie. Jesaias? Der gewaltige staatsnlännische Visionär Jecheskiel? — Monumentale Gestalten, die zivar charaktergewaltige und auch nach außen herrschgewaltige, mächtige politische Persönlichkeiten waren, wahrlich nicht geringer als Bismarck, die aber für 90 von 100 Juden der Gegenwart nur nodj mythische mystische Persönlichkeiten sind, Figuren, die nian nur am fernen Horizont der Geschichte in großen Umrissen, etwa wie ein fernes, fernes Hochgebirge in der Ebene schallt!? Oder unsere Weisen aus alter Zeit, die sich bei aller Frömmigkeit und Gelehrsanlkeit nur durch eine äußerst bescheidene staatslnännische Begabung anszeichneten? Oder Josef Caro aus dein 10. Jahrhundert? Oder Moses Mendelsohn? Gabriel Riesser? oder der hochgelehrte Raphaöl Samson Hirsch? oder Ludwig Philippsoll? — allesamt Männer gänzlich ohne jene heroische Ader, die gerade den echten Staatsmann vom klugen, tapferen Politiker sofort unterscheidet! —? — Gestehen wir es offen: einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.