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KC-Blätter · 1912-04-01 · Heft 7 (1.4.1912) · p. Seite 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 7 (1.4.1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 138 (sequence 14)
Language
German
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138 tausenden. Er träumt von feierlichen Prozessionen, die jahrhundertelang zu dem Altar hinaufsteigen, der zwischen den Tagen dieses gewaltigen, aus einem Felsen herausgehauenen Löwenleibes lag. Er träumt von römischen Kaisern, von griechischen Reisenden, von den Fürsten der Araber, die wie die Bilderstürmer ihn beschädigten, von den Mamelucken, die seinen Kopf als Zielscheibe benutzten. und er freut sich der Nacht, der sternenklaren. der Ruhe, die kein Berufsphotograph, kein knipsender Engländer stört und keine Miß, die neugierig sich aus sein \1}* m großes Ohr stellt und doch mir erhobener Hand nicht die Höhe seines Scheitels erreichen kann. Hub diese Miß freut sich in Balltoilette des Abends bei den Klängen der lustigen Witwe, daß sie ihren Fuß gesetzt auf das Haupt eines großen Gottes; denn der Sphinx ist das junge Licht, welches das Dunkel bezwingt, ist die göttliche Seele, die den Tod besiegt. So formt jeder Tag ein neues Mosaikgemälde von Gegensätzen. Draußen in der Wüste begegneten wir armseligen Beduinen, die nichts ihr eigen nannteil als Frau und Kind. Kamel und eine Flinte und die uns lehrten, in der sonnendurchstrahlten Wüste des Lebens Eitelkeit zu verachten. Und abends im blendenden Scheine elektrischer Lampen umstrickte uns der Parfümdnft der sogenannten Kultivierten, umfing uns der pikante Reiz modernsten Gesellschaftslebens. Wir aber machten es wie die alten Deutschen, gingen in die einzige Pilsener-Vierqnelle uitb tranken immer noch Eins zu unserem Besten und auf das Wohl sämtlicher Pharaonen. Und wer die Zahl der ägyptischen Könige kennt, wird ermessen können, welch heiteren Sinnes wir unsere Schritte heinuvärts lenkten durch die kühle Nacht. Tiefe Stille herrscht ringsum; nur die Quartiere, in denen die gierige Lust ihre Orgien feiert, sind erhellt, und drüben vom Osten her leuchten die Zinnen der Burg von Kairo, die der edle Saladin errichtete, schweigend und geisterhaft in die dunkle Tiefe. Droben ans jener Burg, die ein berückendes Gemisch von Palästen und kostbaren Moscheen, von Kuppeln und Minarets darstellt, und in der jetztenglischeund eingeborene Regimenter kasernieren, scheint sich allnächtlich ein wilder Totentanz zu erheben, als ob die Seelen der im Jahre 1811 zu einem feierlichen Feste geladenen und meuchlings geinordeten 480 Mameluckenfürsten sich grinsend erhöben und den Ramen riefen „Muhamed Ali." ihres heimtückischett Mörders. Und uuteix am Fuße dieser prächtigen, aber doch schauerlichen Burg im Osten von Kairo dehnen sich die Gräber der Kalifen mrd der großen Mamelucken aus und bilden eine Toienstadl für sich; denn die prachtvollen Kuppelbauten der fürstlichen Mausoleen sind umrahmt von profanen Gebäuden mit Höfen und Wohnräumen, aus deren Fenstern öde Leere gähnt, in denen sich die Hinterbliebenen bei gewissen Festen an den Gräbern ihrer Verwandten auszuhalten pflegten. Diese Totenstadt wiederum ist umrahmt von unermeßlich langen Reihen von Gräbern mit einfachen Grabsteinen oder weiß getünchten Felsblöcken. So wird im Osten eine Gräberstadt zur Grenze des aufblühenden Kairo, und auch im Westen jenseits des Nils erstreckt sich ein Totenfeld von gewaltigeil Dimensionen. Pulsiert in dieser mächtigen Zein rate Afrikas ein Leben, das europäische modernste Art mit orientalischer Rückständigkeit durcheinander wirbelt, so raunen von Osten die Toten der arabischen Geschichtsepoche von Blutgier, von. siegreichen Fürsten, von höfischem Prunk eine wunderbare Mär; von Westen her aber spricht aus den verwehten Gräbern die Sprache des blühendsten Lebens der erwachenden Kultur der Menschheit. Drüben im Westen, allwo die Sonne man täglich verscheiden sah. dachte man sich auch den - Eingang in das Reich der Toren. Und so hat man durch drei Jahrtausende hindurch einen hundert Meilen langen Wüstensaum für etwa 1ü0 bis 200' Millionen Menschen zur Ruhestätte gewandelt. Da das Leben den allen Aegyptern nur als eine Wallfahrt zum Tode erschien und der Tod ihnen der Beginn des wahren Lebens dünkte, so suchten sie die Ruhe der Wüste zum ewigen Leben. Ans diesem Glauben entstand auch die Kunst der Einbalsami rnng. eine Kunst, die wir heute noch staunend bewunvern, und die den Zweck hatte, der Seele des Verstorbenen eine bauevube Wohnstätte zu bieten. In derselben Ansicht wurde auch in ben OVäbem der Großen und Reichen eine Statue des Verstorbenen hergerichtet, damit der Ka, das ist der mit jedem Lebenden zugleich geborene Doppelgänger, einen dauernden Aufenthalt fände. Diesem Wunsche, ewigen Lebens teilhaftig werden zu wollen, entsprang allch das Verlangen, oem Verstorbenen alle Bequemlichkeit deS irdischen Lebens zugänglich zu machen. Daher bauten die Wohlhabenden sich Grabanlagen, Mastabas genannt, die noch heute uns ein deutliches Bild der Anlage eines Wohnhauses bieten, geräumige Zimmer, Nischen, Salons, Speisekammer. Opferräume, ja sogar Ställe für Geflügel und Großvieh, Abteilungen für die Frau, den Harem, Gemächer für den Sohn enthielten. Besonders wohlerhalten ist eine solche Totenwohnnng einer alten ägyptischen Exzellenz, des Herrn Geheimen Oberbaumeisters Ti, der nunmehr vor 4000 Jahren ein üppiges Leben geführt zu haben scheint; wenigstens deuten darauf hin die wundervollen Wandbitoer, die allenthalben längs der zahlreichen Wände in künstlerischen Reliefs uns verräterische Kunde geben von dem Leberr und Treiben, von ben Wünschen und

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