KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 7 (1.4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 133 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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133 erwähltes Mitglied der Deputation, welche dem König von Preußen die Kaiserkrone überbringen soll Und dann, als man in Hamburg ein Obergericht schuf, wird Riesser Obergerichsrat und dadurch der erste deutsche Richter jüdischen Glaubens. Unter deu vielen erlesenen Köpfen des liberalen Deutschlands der Mitte des Jahrhunderts ist Riesser einer der erlesensten. Unter den zahlreichen großen jüdischen Männern wie Lassalle, Simson. Bamberger, Laster ist er uns der Liebste, weil er der Einzige war, der für sein Judentum vor Deutschland litt und focht. Der Kampf um die Gleichberechtigung des Judentums war der Hauptinhalt seines kämpferischen Daseins, so groß auch im übrigen Riessers Verdienste um die Idee des nationalen Liberalismus wurden. Die Mannesjtigend seines Lebens ist ausgefüllt mit zahllosen Schriften, in denen er als Jude für das Deutschtum, als Deutscher für das Judentum Zeugnis ablegte und volle Gleichberechtigung verlangte. Seine Schriften und Reden sind ebenso voller glühender Gefühle wie klassisch-schön. Man weiß oft nicht, was man mehr bewundern soll: die Tiefe und Innigkeit seines Gefühlslebens, das Rührende und Heilige seiner Forderungen oder die schillerhafte Schönheit seiner Sprache. Wie ein breiter und reißender Strom flutet seine Rede daher. In schöllen Bildern, kernigen Landschaften der Sprache spiegelt sich der Himmel eines weiten Weltgefühls, und mail blickt hinein in die Tiefe, wo der Nibelungenhort seines goldenen Idealismus rllht. Riesser hat so viel geschrieben, so jahrelang um unsere Rechte geworben, so stürmisch immerwährend dasselbe verlangt, daß man staunt, wie frisch und urwüchsig er immer blieb. Jedes seiner Werre liest sich wie eine neue Osfenbarmlg, weil sich immer von neuem sein Schmerz und sein Ruf nach einer besseren Gestaltung offenbarte. Er schrieb mit seinem Herzen und sein Herz war groß und feurig. Ihm gab ein Gott zlk sagen, was er litt. Er sprach aus, was alle seine Glallbellsgeirossen fühlten. Er war ein Prophet unserer modernen Sehnsucht, und seine Schriften sind heute noch das Beste, Genialste und Wahrste, lvas sich sagen läßt. Es liegt ein Ewigkeitsschimmer über ihnen. Liest man sie nach Jahren wieder, so packell sie von neuem mit aller Macht, sie erfrischen und feuern an und machen froh, daß man mit so guten Argumenten sein Recht verfechten kann. Sie machen innerlich stark und leben, trotzdem es politische Schriften sind, heute noch wie vor siebzig Jahren, wo sie entstanden. Hierin liegt die große Bedeutung des seltenen Mannes, daß er nicht bloß historisch, sondern noch aktuell ist. Einem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens kann man nichts Besseres zu lesen geben als Gabriel Riesser. Er müßte von allen K. C.ern direkt studiert werden. In jeder Korporationsbibliothek müßten seine Werke stehen, seine Reden müßten an Riesser-Abenden vorgelesen und erörtert werden. Er müßte für uns alle leben und kern bloßer Name sein, und leben würde er, wenn er nur gelesen würde. Denn seine Macht ist so groß, daß sie jeden bezwingt. Ich habe an anderer Stelle >K. C. Jahrbuch 1900anläßlich des lOOsten Geburtstags Zitate aus seinem Lebenswerk gebracht. Dieselben strotzen von einer Kraft und lassen einen Hauch seines Geistes spüren. Aber immer noch ist das Beste, was man von Riesser bieten kann, daß man ihn selbst reden läßt. Dieser Mann hat keine Biographien nötig. Es ist nur notwendig, an ihn zu erinnern und zu ihm zu führen. Dann übernimmt er selbst die Führerschaft, und wir sind bloße Epigonen. Eine kleine 3cf)rtft von Feiner, die jetzt in 3. Auflage erschienen ist*), gibt nur einen mittelbaren Eindruck. Besser ist es schon, mau bestellt sich die „Gesammelten Schriften nebst -Biographie", herausgegeben von l)r. M. Jsler, Frankfurt a. M., Verlag der Riesser-Stiftung. Dann hat man den ganzen Riesser und dann hat er uns. Wenn er heute lebte! Wenn wir heute einen so unermüdlichen, riesenstarlen, sittlich hohen Rufer im Streite hätten! Unsere Sache ist noch ebenso gut wie damals. Aber sie würde dann auch ebenso stark sein, wie sie gut ist. *) Verlag binstav Engel, Leipzig. Preis geb. l Mk. Die Stellung des A. D. H.;ur Iudentrage. Im Anschluß NN den in No. 5 des 2. Jahrganges veröffentlichten Aufsatz „Was unsbevorsteht" aus der Feder des Oberprimaners und zllkünstigen Verbandsbruders Alfred W o l f f L i s s a erhntteu iui v von der Berliner B ursche nschaft im A. D. B. „Neogermania,, das nachstehende Schreiben, das wir in Erfüllung der ill dem Briefe ausgesprochenen Bitte gerne hier veröffentlichen. Wir rverden uns in nächster Zeit ausfiihrlicher mit den Bestrebungen des D. B., über den ill lulseren Kreisen vielfach irrige Ansichten bestehen, beschäftigen und dabei auch die Stellung des dl. D. B. zur Judenfrage eingehend behandeln. Berlin, R. t, den 16. Februar 1912. Chanßeestras'.e 1. An die Redaktion der „St (5.-Blätter"! Sehr geehrter Herr Redakteur! In Ihrer Februarnummer wendet sich in dem Artikel „Was uns bevorsteht" ein Herr Wolff- Lissa gegen einen „jungeil christlichen Verband", die Refvrmbnrschenschast, die einen „kühnen" Schritt