KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 7 (1.4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 132 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Wurschengruß. Heraus, mein alter Bruder, heraus aus Rost uud Staub, Spann' Deine alten Sehnen, nmkränze Dich mit Land Aus deutschen Redenwäldern, die Dich so oft beglückt, Wenn Dich der Jugend Krane, die Freude, hat geschmückt Nimm Deine kahlen Akten mit echtem Mannesmut, 'Jiniim Livius und Retorte, häng' auch den Doktorhut Ergötzlich an den Nagel, wo Spinn' und Atollen hausen, Und laß', o culpa raaxima, den ganzen Trödel lausen. In Heidelberg, in Heidelberg, da fahre imuiu-c ein, Dort stärk' den alten müden Leib beim rlrdcuanerwein; Ein Füchslein nimm zur Seite mit freiem Le liensblick, Das dringt Dir frohe Tage, die Jugend bringt's zurück. Des Neckars dunkle Fluten im linden Sonueuglauz, Des Tales grüne Mallen, der Berge Sagen!ranz . . - . . Sie jagen Dir die Sorgen, des (Griesgrams Spukgestalt Aus Deinem Knmmerwinkel mit Jngendkraft (Gewalt. Drum auf, Ihr, meine Brüder, im Norden, C ft und Süd, Im Westen .... und wo immer die Seelen Ihr Euch müht, Zieht um die Brust die Bänder, setzt auf das Haupt Kouleur, Sonst prellt der Werktagstenfel Euch llin die Bnrschenehr. Seppl Wertheimer, (Badeniae, Fribnrgiae.) Gabriel Kiesscr. Bon I)r. Ernst Hochschild ((Ihibelliniae), Colmar i. E. Wenn uns heutigen Juden in Deutschland, die wir um die letzte Gleichberechtigung ringen, etwas fehlt, so ist es ein Mann, der der anerkannte Verfechter unserer Forderungen wäre. Wohl haben wir eine Anzahl Verbände der Bürger, der Studenten, der Jugend, die kämpfen; wohl existiert eine Reibe von Zeitschriften, die in regelmäßigen Folgen für die Beschwerden der jüdischen Staatsbürger eintreten; wohl kennen wir eine Reihe trefflicher Männer, die mutig und eindrucksvoll die gute Sache verfechten. Aber „Er" fehlt doch, der große, starke, feine und begeisterte Mann, der für uns im Vordergrund der Phalanx kämpfen würde. Wir besitzen sie noch nicht: die geniale Persönlichkeit, deren Raine allein ein Programm wäre, wie etwa der Rame Herzl für die östlichen Juden ein Programm war. Und das ist ein furchtbar ernstes Manko in unserem Aktivvermögen; denn niemand ist so stark und durchdringend wie die große Persönlichkeit. Heute, wo die Sache der Gerechtigkeit nicht lange zurückgestoßen werden kann, wenn ste wuchtig und gebieterisch einherschreilet. würde er, der von uns ersehnte, große Vorkämpfer sicher die Gerechtigkeit zum Siege führen können. Aber wo ist er? Ist er schon geboren? Wir rufen ihn und sehnen uns nach ihm! Er fände ein tüchtiges Heer mit vielen Soldaten und einem Stab von Offizieren, die begeistert seine Fahne Hochhalten würden! Aber ist er in der Gegenwart nicht da und in der Zukunft noch nicht zu sehen, in der letzten Vergangenheit haben wir ihn doch besessen, und von dem, der kommt, wünschen wir gar nicht mehr, als daß er dem Großen gleiche, der im Anfang des letzten Jahrhunderts der geniale Rufer im Felde unserer Ehre war. Wir wollen einen neuen „Gabriel Riesser", und bis er kommt, wollen wir an der vergangenen Gestalt ermessen, was das Ideal ist. Riessers Leben (1800—1808) zerfällt, was den äußeren Lebenslauf angeht, in zwei Abschnitte. Vis 1840 hatte er nichts als Zurückseglmgen und Kränkungen erlebt. Ec. der hochbegabte Hamburger Jurist, etilem altangesehenen jüdischen Geschlechts enlstanlmend, hatte durch Schrift und Wort glänzende Beweise seiner Begabung abgelegt. Insbesondere hatte er seine hohe Veranlagung in der schönsten Bemeisterung der deutschen Sprache erwiesen. aber ivegen seines Judentullls stieß man ihn zurück und gestattete nicht, daß er als Privatdozent uud Advokat zugelassen wurde. Bon 1840 an aber feierte Riesser Triumphe aus Triumphe, und nicht, weil er Konzessionell machte, sondern weil seine Eharakterfestigkeit alles eutwaffnete. Er, der vor kurzem noch Zurückgestoßene, erklomm mit einer für einen Juden beispiellosen Reihenfolge die höchsten Sprossen von Ehrenämtern. In rascher Folge wird Riesser Hamburger 9totar, im politischen Leben Vorkämpfer des deutschen Einheitsstaates; ins Frankfurter Vorparlament und in die deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche wird er gewählt und zwar aus einem Wahlkreise, in dem Juden bisher nicht einmal übernachten durften. In der Natiüuuiversammlung, wo die feinsten Köpfe Deutschlands saßen, wird Riesser, der dort öffentlich vor Deutschland Judenrechte verteidigte, ein primus inter pares. Er wird Vizepräsident, er hält die berühmteste aller Reden, die grandiose »Kaiserrede", er ist