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KC-Blätter · 1912-04-01 · Heft 7 (1.4.1912) · p. Seite 131

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 7 (1.4.1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 131 (sequence 7)
Language
German
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131 Natur Jude bis auf die Knochen war. Ein Rassenjnde pursang mit all den angeborenen glänzenden staalsmännischen Eigenschaften unseres Volkes! Ein Edeljnde, der allerdings nichts, aber auch schlechterdings gar nichts vom Ghetto-Juden au sich hatte, sondern eine Eämrennatnr von jüdischem Geblüt war und als Edeljnde und Staatsmann dem deutschen Edelmaune und Slaatsinann Bisntarck wie ein Gleicher dein Gleichen gegenüberstand! Ein Jude, der nach meiner Ueberzeuguug einer der größten Staatsmänner der neueren Geschichte geworden wäre, wenn er nicht als kaum Vierzigjähriger ein tragisches Ende gesunden hätte ~ Ferdinand Lassalle! Die zahlreichen langen Eonferenzen, die Bismarck 1892 und 98 mit dem Organisator der deutschen Arbeiterpartei hatte, fiiib leider nicht protokollarisch festgelegt worden, tlnd Lassalle selbst hüllte sich in diplomatisches Schweigen. Ihr Inhalt gehört and) n cht in diesen Zusammenhang. Hier soll nur auf die Tatsache nachdrücklich hingewiesen werden, daß ein Staatsmann, der auch nur einen Funken von politischer Geringschätzung gegen die Jaden gefühlt hätte, sich nicht dazu „herabgelassen" haben würde, den Verkebr mit diesem Juden, der lediglich einen ideellen Machtfaktor repräsentirte, zu pflegen, ja zu suchen, wie Bismarck ihn gesucht hat. Bismarck fühlte in diesem Juden, der als Mitglied der Synagoge gestorben ist. Geist von seinem Geist und Kraft von seiner Kraft! Und wie ein Schüler vom Lehrer, lies; er sich von diesem, geistig vielleicht größten Juden, den das 19. I sin hundert kannte, belehren über ganze weile Gebiete der Arbeiterfrage, der Sozialpolitik und praktischen Volkswirtschaft, die ihm. der als Gutsbesitzerssohn geboren war, als Landwirt seine Jugend verbracht nttd dann ein Jahrzehnt als Diplomat gewirkt hatte, begreiflich relativ fern lagen — bereit, die Forderungen dieses Inden zn prüfen und teilweise anznerkennen! Und cs wäre eine interessante und gar nicht allzu schwierige Aufgabe wahrhaft psychologischer Geschichtsforschung nachzuwetsen. dag dte planmäßige. mit Recht vielfach als „Staatssozialismus" charakterisirte Sozialpolitik, die Bismarck ein halbes Menschenalter später inaugttrirte und die das letzte Jahrzehent seiner Amtszeit erfüllte, zum großen Teil auf die Anre.-uugen des Juden Lassalle zurückzuführen ist. Daß die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts, eitte der Grundforderungen Lassalles, die Bismarck bereits 18t>7 für den Norddeutschen Bund durchsetzte, durch den nachlvirkenden Einfluß Lassalles zu erklären ist, wird wohl heute keiner mehr bestreiten wollen! — Bismark hat sich im Reichstag einmal Ende der 70er Jahre, als er den Unterschied zwischen diesem sozialistischen Großen, diesem echten Staatsmann, dem größten, Volkstribun seit Mirabeau, und den sozialdemokratischen Kleinen, den Epigonen der 70er Jahre betonte, über Lassalle kurz geäußert: . Lassalle hatte etwas, was mich außerordentlich anzog (!) Er war einer der geistreichsten imb liebenswürdigsten Menschen, mit beiten ich je (!) verkehrt habe, ein Mann, der ehrgeizig im großen Stil war. durchaus nicht Republikaner. Er halte eine ausgeprägte nationale und monarchische Gesinnung. Lassakle war ehrgeizig in hohem Stil. Und ob das deutsche Kaisertunt grade mit der Tmiastie Hohenzollern oder mit der Dynastie Lass.IIe abschließen sollte, war ihm vielleicht zweifelhaft. Aber diesen kümmerlichen Epigonen, die sich heute mit ihm brüsten, hätte er ein (,)uos cg<>! zugeschleudert, sie mit Hohn in ihr Nichts znrückgewlesen und ste außerStande gesetzt, seinenNamen zu mißbrauchen". So dachte und sprach Bismarck über den Juden Lassalle! So verkehrte er mit ihm wie ein Stacnstitanu mit dem gleichstehenb'n, gleichberechtigten, staatstnänmschen „Kollegen". —Und so wie diese Einleitung, so war auch die ganze amtliche Tätigkeit des Ministers nttd Kanzlers Bismarck, bestrebt. die Inden zur politischen Mitarbeit ans der Basis voller Gleichberechtigung heranzuziehen. Freilich sind in dieser Hinsicht zwei Perioden zn unterschew at — die erste von L8G2—78' dem Jahre r's Ausbruchs der antisemitischen Bewegung, nttd die zwette von 1878—90, dem Ende der Bismarck-Aera. In jener ersten Periode konnte er aus die Judenemanzipation, die während di. fes halben Menschenalters einen mächtigen Aussilnvung in Deutschland nahm, positiv fördernd cinm den, weil die proemanzipalorische Aolkssinnranng sich mit seiner eigenen Gesinnung deckte und die allgemeine politische Strömung parallel mit seiner eigenen jndensreundlichea Jveenrichtnng ging. Denn noch nte hat ein Staatsmann, auch der größte nicht, ans die Dauer gegen den Strom der Volks' Meinung schwimmen, d. h. wirken können. Nicht durch Leipzig und nicht durch Waterloo ist Napoleon, der Liebling seines Volkes, zwei Mal vom Throne gestürzt wordert, sondern durch sein eigenes Ich, welches gegen das Volk statt mit ihm regieren wollte. — Hub darum konnte auch in der zweiten Periode!8?8—90; Bismarck lediglich retardirend. hemmend den antiemcmzipatorischen Strömungen und Tendenzen entgegenwirken. die stärker waren als er, .der „eiserne Kanzler." Fons-tzung folgt.

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