KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 7 (1.4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 130 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Präsidenten von Ntauteusfel, um dessen Instruktion für das vor: ihm in der Bundesversammlung als Vertreter Preußens abzugebende Votum einzuholen. lieber die Berechtigung des Protestes, sagen wir: Gesehesbeschlußprotestes der Frankfurter Conservariven und Antisemiten scheint Bismarck juristisch zweifelhaft gewesen zu sein, er äußert sich im Sinne eines „non liquet“. Und da ist es überaus charakteristisch, daß bei gleichem Gewicht der j u r i st i sch e n Gründe und Gegengründe p o l i t i s ch e E r w ü g n n g e n z u G u n st e n der Juden von ihm entscheidend in die Wag" schale gelegt wurden, um den Ministerpräsidenten von Manteuffel zu bestimmen. daß Preußen am Bundestage gegen die Protestler votireu, deren Beschwerde für unberechtigt und die neue, die Gleichberechtigung der Inden statuirende Frankfurter Verfassung als rechtsgültig zustande gekommen erklären möge. Am Schluß seines langen (von Poschiuger in seiner vierbändigen Sammlung: ..Preußen am Bundestage" abgedruckteni Berichtes finden sich folgende charakteristischen Sähe: „Unter diesen llinständen stelle ich Elter Excellenz anheim, mir gestatten 511 wollen, daß ich mich einer Unterstützung der Beschwerde enthalte. Dem Anscheine nach wird dies vor der Hand um so leichter sein, als zu meiner Ueberraschnng der Freiherr voll Prokesch (der österreichische Bundestagsgesandte) sich bisher ganz in einem Sinne gegen inich geäußert hat, der praktisch auf dasselbe hinauskommt. Er moiivirte seine Ausfassung mit der besonderen Bedeutung, welche das jüdische Elelnent hier in Frankfurt hat und welcheit man eine billige Anerkennung nicht versagen dürfe." „B i l l i g e A n e r k e n n u n g" der R e ch t e der I u d e u war also schon 1853 der Standpunkt BiSmarckS. Im 4. Bande jener Poschinger'schen Sammlung, der die vertraulichen, nicht-offiziellen Berichte Bismarck'S an den Rrirlisterpräsidenten von Manteuffel enthält, in denen er also ittfolge ihrer vertratllicheu Natur seine innerste Gesinnung offenbaren konnte, finden sich noch zwei kurze, auf Juden bezügliche Berichte, die zwar keine große judenpolitischeBedeutung haben, aber schon dllrch ihre Stilisirung einen wertvollen Beweis dafür liefern, wie gänzlich frei dieser vornehme, ritterliche Mann auch von sogenannten gesellschaftlichem Antisemitismus war. Es handelt sich um die Verleihung von Orden und Titel an den Frankfurter Rothschild. Der eine Bericht (vom 5. Januar 58) lalltet kurz: „Euer Excelleuz vertrauliches Schreiben vom HO. v. M.. Rothschild betreffend, habe ich in diesem Augenblick erhalten. Ich beeile mich, zu erwidern, daß ich keine Bedenken gegen die Verleihung des Titels eines HosdankierS geltend zu machen habe, und bei den Beteiligten einen hohen Grad von Elnpfänglichkeit für die ihnen zugedachte Ehre glaube vorausfetzen zu dürfen." Irr diesem feinen humoristischen Hinweis auf die verzeihliche Eitelkeit der Rothschild's, die bezeichnenderweise auch nicht die leiseste Anspielung auf ihre Eigenschaft als Juden enthält, wird wohl and) der spürnasigsle Antisemitenjäger kein antisemiusches Eelment erschnuppern können. ES folgt dann eine politische Charakterisirung der Rothschild's, in der ebenfalls auch nicht eilt Hauch antisemitischer Gesinnung zu verspüren ist. Ebensowenig in dem zweiten Bericht von 4. Juli 58. betreffend die Ueberreichung deS Roten Adlermdeus an Meyer Earl voll Rothschild. ^um Verständnis dieses ebenfalls sehr lehrreichen Berichtes, der lediglich eilte gänzlich harmlose und im .Zusammenhänge gradezu unentbehrliche Humorist!iche Anspielung auf daS Judentum Rothschild's enthielt. muß ich vorausschicken, daß Friedrich Wilhelm IV. infolge seiner mystisch-christlichen Sinne-nveise Bedenken hatte, das Ordenskreuz an Rncht-Ehristen zu verleihen und deshalb lfsr> I verfügt hatte, daß die Insignien sämtlicher Klassen des Roten Adlers an Nicht-Christen nicht mehr die >treuzform haben sollten; er wollte das Kreuz nicht auf der Brust von Richl-Ehristen wissen. Die vierte Klasse erhielt die Form einer silbernen Sonne in der Größe eines Talerstückes, die dritte die Form eines viereckigen Strahlensystems. Bismärk berichtet nun kurz und fein über seine Visite bei Rothschtld: „Herrn von Rothschild habe ich seinen Roten Adler für Richt-Ehristen überreicht, die Dekoration ist sehr geschmackvoll und er war sehr dankbar, wenn er auch offenbar lieber zu den Kreuzträgern gehört hätte." D. h.: Rothschild empfand die differentielle Behandlung offenbar ein wenig unangenehm und Bismarck macljto sich ein wenig darüber lustig. Ob nicht die Frankfurter Juden sich auch ein wenig darüber lusi-.g gemacht haben? Und ob nicht in einem ähnlichen Falle die heutigen Juden. . .? Doch ich will nicht abschweifen. Während der dreijährigen Tätigkeit als Gesandter in Petersburg und Paris von 1859— 62 hatte Bismarck, soweit ich feststellen konnte, keine Gelegenheit, zur Frage der Iudenemanzivation irgendwie programmatisch Stellung zu nehmen. Im September 1862 wurde Otto von Bismarck preußischer Ministerpräsident. Und nicht wie eine Ironie der Weltgeschichte, sondern wie eine Harmonie, wie ein bewußter Wink der Weltgeschichte, könitte es fast gedeutet werden, daß wir Bismarck gerade schon im ersten Jahre seiner fast dreißigjährigen, wie ein gewaltiges Trama an unS vorüberziehenderTätigkeit alSleitenoerStaatsmann, gewissermaßen schon in der ersten Scene dieses Dramas, in ernsten politischen Verhandlungen mit einem Juden sehen; mit einem Juden, der zwar nicht über die Gleichberechtigung der Juden mit ihm verhandelte, aber nach seiner ganzen