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KC-Blätter · 1912-04-01 · Heft 7 (1.4.1912) · p. Seite 129

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 7 (1.4.1912)
Date
1912-04-01
Page
Seite 129 (sequence 5)
Language
German
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120 sie ein willkommenes Objekt für die gegnerischen Witzblätter waren, die ihrerseits Bismarck mit Recht ebenso mir den Waffen der Satire bekämpften, wie er sie mit jenem köstlichen, oft geradezu übermütigen Humor bekämpfte, der ihm ja bis ins Greisenalter verblieb. Ein wahrer Hagel von sarkastischen Angriffen ging während dieser drei Jahre auf den Kreuzzeitungs-Bismarck nieder, von denen zum Schlug dieser kurzen Schilderung des jungen, antisemitischen Bismarck nur eine zur Erheiterung mitgetcilt sei: „Dem Abg. der 2. Kammer von Bismarck-Schönhausen (io schrieb ein liberales Witzblatt) ist in Anerkennung seiner trefflichen antediluvianischen Royalistenreden und Kreuzzeitungsartikel von Seiner Majestät dem König das Prädikat „alleruntertänigster Untertan" beigelegt worden." Und weiter: „Herr von Bismarck soll den Baumeister des Sitzungsgebäudes der Zweiten Kammer gefragt haben, ob es denn gar nicht möglich sei, die Wand der rechten Seite des Saales noch einige Fuß weiter nach rechts hinauszurücken; sie sei ihm nicht rechts genug für seinen extrem rechtskonservativen Standpunkt. Der Baumeister hat sein größtes Bedauern ausgedrückt, die Wand nicht weiter nach rechts vorrücken zu können, dein Edlen von Bismarck aber versprochen, eine Nische für ihn persönlich nach rechts ansznhauen und auszubauen, damit er noch weiter nach rechts als seine Parteigenossen sitzen könne; vorausgesetzt natürlich, daß er wiedergewählt werden sollte." Das war der Kreuzzeitungsmann Otto von Bismarck, Rovalift bis auf die Knochen und jugendlich reaktionärer Heißsporn, der mit dem markigen Mut und der echten Ehrlichkeit eines erzmännlichen Mannes alle seine jeweiligen Ueberzeugungen und Prinzipien bis in die äußersten Eonsequenzen durchführte. Alts jener Jugendperiode bleibt als bewußt antisemitische und antiemanzipatorische Kititdgebung nur jene Rede gegen die Indem emanzipation, die der sehr verliebte Bräutigam des sehr kirchentrenen Fräulein Johanna von Puttkamer am 15. Juni 47 im vereinigten Provinziallandtag hielt. Aber der Mann, den die Geschichte den eisernen Kanzler nennt, den die Mit- und Nachwelt vorAllem als den kolossalen Kürassier kennt mit den gewaltigen Brauen und dem blitzenden Blau seiner Diamantaugen, er war im Grunde seiner Natur zart und fein organisiert und blieb daher auch imrner jugendlich biegsam, also : e n t w i ck l u n g sfähig! Und wie alle Männer von jugendlicher Gefühls- und Geiftesorganisation war er stolz auf diese Entwicklungsfähigkeit! Der Fünfziger erklärte in einer Rede von 15. März 07: „Ich schätze mich glücklich, nicht zu den Leuten zu gehören, die mit den Jahren und den Erfahrungen nichts lernen!" Und der fast Sechzigjährige am 17. Dezember 73: „Ich habe mich noch nie geschämt. eine Meinungsänderttng in meiner Stellung einzuräumen." Und der fast Siebzigjährige am 14. Februar 85: „Ich lerne vom Leben, ich lerne, so lange ich lebe; ich lerne noch heute!" Und dieser lebenslängliche Lerner hat schon früh seinen I u g e n d i rr t u m in der Juden- und Judenemanzipationsfrage erkannt. lind während seiner fast 40-jährigen Amtstätigkeit vom Jahre 1851—1890 ist keine einzige Aeußerung, keine einzige Handlung Bismarcks nachweisbar, die irgendivie als antisemitisch oder antiemanzipatorifch gedeutet werden könnte. Wohl aber ist der historische Nachweis zu führen, daß Bismarck als Staatsmann durch Wort und Tat direkt und indirekt mit bewußter Planmäßigkeit mehr als ein Menschenalter für die Jndenemanzipation eingetreten ist, sie gefördert itttD alle anti-ernanzipatorischen und antisemitischen Bestrebungen bekämpft hat. Und dieser Nachweis soll nun in der Kürze, zu der ich hier gezwungen bin, geführt werden. Während seines achtjährigen Wirkens als preußischer Bundestagsgesandter in Frankfurt von 1851—1859 hatte Bismarck wenig Gelegenheit, für die Juden tlnd ihre Rechte einzutreten. Um so bedeutsamer und uin so beweiskräftiger für die jndenfreundliche und pro-emanzipatorische Gesinnung, die der Staatsmann Bismarck nach Ueberwindung seiner antiemanzipatorischen Jugend- und Junkerperiode fortan hegte und betätigte, ist die Haltung, die Bismarck in dem einzigen ernsten judenpolitischen Fall einnahm, der während dieser achtjährigen Tätigkeit in Frankfurt eine Stellungnahme seinerseits erforderte. Im Jahre 1853 schwebte in der freien Reichsstadt Frankfurt, die damals bekanntlich ein selbständiger Staat im Deutschen Bund war. ein Verfassungskonflikt, dessen Ursache beziv. Objekt in erster Linie die Juden waren. Nach mehrjährigen vorangegangenen Kämpfen hatten Senat und gesetzgebende Versammlung der Freien Stadt eine Erweiterung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden beschlossen, und die 'Bürgerschaft, die in Frankfurt in wichtigeren Fällen durch Plebiszit ihre Genehmigung zu erteilen oder zu versagen hatte (ähnlich wie heute in der Schweiz in Fällen des „Referendum"), erklärte sich für dieses Gesetz welches am 12. September 1853 publiziert wurde. Gegen die Gültigkeit dieses Gesetzes wurde von der Frankfurter konservativen Parier bei der Bundesversammlung aus formalen Gründen, deren Darlegung hier zu wert führen würde, Beschwerde erhoben (etwa ähnlich wie heute bei einem Wahlprotest,) mit dein Anträge : Den früheren politischen Rechlsznstand wiederherzustellen. Bismark erstattete als Gesandter einen ausführlichen Bericht über den Konflikt an seinen Vorgesetzten, den Minister-

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