KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 7 (1.4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
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128 christlich konservativen Anschauungen und Vorurteilen ausgewachsene inürkisch-pommersche Junker und in seinen Kreisen als der „tolle Bismarck" ver. spaltete Hißkopf erster Klasse) ich muß öffentlich bekennen.daß ich einerRichiung angehöre,die der geehrte Abgeordnete Beckeralh gestern als finster rmd mittelalterlich bezeichnet." Dann weiter: „Ich bin kein Feind der Inden! Und wenn sie meine Feinde sein sollten, so vergebe ich ihnen. Ich liebe sie sogar unter Umständen. Ich gönne ihnen auch alle Rechte, nur nicht das. in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden." Bismarck verbreitete sich dann ausführlich über den Begriff des christlichen Staates, den er. gemäß der verhängnisvollen, aus alttestamentlich-theokratischen und mystisch verdrehten, falsch verstandenen neutestamentlichen Elementen unorganisch gemischten Irrlehre des berühmten Staatsrechtslehrers und aus ehrlicher Ueberzeugung getauften Juden Friedrich Julius Stahl, (des späteren Gründers der Kreuzzeitung und der Kreuzzeitungspartei) definierte als: „einen solchen Staat, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Lehre des Christentums zu realisieren, zu verwirklichen." „Wenn indessen (so bekennt Otto von Bismarck weiter in dieser Rede) diese Aufgabe auch nicht innner gelingt, so glaube ich doch, die Realisierung der christlichen Lehre sei der Zweck des Staates! Das; wir aber mit Hülfe der Juden diesem Zwecke näher kommen sollten als bisher, kann ich nicht glauben. Erkennt man die religiöse Grundlage des Staates überhaupt an, so glaube ich. kann diese Grundlage bei uns nur das Christentum sein." Immer wieder klingt in dieser Rede das religiöse Leitmotiv durch und die ehrliche Ueberzeugung. daß die Juden „bei der Starrheit ihrer religiösen Gebräuche", wie B. sich ausdrückt, zur Mitarbeit bei der preußischen Staatsverwaltung disqualifiziert seien. So wie diese Rede, in der Bismarck nicht als Förderer, sondern als Hinderer der Iudenemanzipation auftrat, lediglich von religiösen Motiven eingegeben war, so auch noch eine zweite, die er zwei Jahre später in der Zweiten Kammer des inzwischen konstituierten preußischen Landtages hielt, und in der er sich gegen die Entführung der im größten Teil der Rheinprovinz bereits bestehenden obligatorischen Zivilehe in ganz Preußen aussprach. In dieser langenRede vom lsi.Rovember 1849 sprach er. nachdem er zuvor über die gemischten Ehen zwischen Katholiken unb Protestanten geredet hatte, folgende auf die Juden bezüglichen Sähe: „Als ein wirkliches Bedürfnis kann ich die Zivilehe nur bei den Rcsormjnden anerkennen. Für einen wahreit Juden wird die Ehe mit einer Christin ebensogut eine Unmöglichkeit sein wie umgekehrt. Wollen aber diejenigen Juden, tvelche nicht mehr Juden sind, soitdern sich fälschlicherweise Juden nennen. mit denjenigen Christinnen, welche sich fälschlich Christinnett itennen, civiliter sich zusammentun. so möge inan ihnen diese Ausnahme gestatten. Aber wunderbar finde ich es doch, wegen dieser wenigen Reitegateit einer Bevölkerung von Mtllioneu. die dem Glauben ihrer Väter treu geblieben sind, einen solchen Utterhörlen Zwang auferlegen zu wollen." Gerade aus der Zusammenstellung mit dieser zweiten Rede ergiebt sich ein neuer Beweis, daß jette berühntte Rede von 1847 objektiv unbe. rechtigten, aber subjektiv ehrlichen und achtungswerten religiösen Gewissensbedenken eines in christlich-konservativenAnschanungen ausgewachsenen jungen Mannes entsprangen, der überdies gerade in jenen Jahren als verliebter Brätltigatn und junger Ehemann, uitd zwar sehr verliebter (Beweis.- die zahlreichen, oben mitgeteilten Uebersetznugelt „ihres" Vornamens), in religiösen Fragen unter dem Einfluß seiner piettslischen und streng kirchlichen Braut und späteren Frau Johanna von Puttkamer stand! Man könnte auch zum Verständnis dieser atuifomitu'ci>_*n Reden Bismarcks die bekannte psychologische Inquisitionsfrage als Schlüssel benutzen: Oü est!a femrae? Die historische Gerechtigkeit erfordert dann noch fcstzustellen, daß Bismarck in derselben Lebensperiode drei Jahre lang sehr eifriger Mitarbeiter der Krenzzeitung war. Die erste Anregung zur Gründung der „Kreuzzeitnng," deren Programm- Rnmmer im Juni 1848 und deren erste Rümmer am 4. Juli 1848 erschien, war von ihm ousgegegangen; die Durchführung des Planes erfolgte durch Gerlach und Friedrich Julius Stahl. Es giebt schon eine Monographie, eine kleine Spezialschrift über: „Bismarck und die Krellzzeittmg." Es ist eine Doktorarbeit eines jungen Philologeit Studt, nebenbei bemerkt für die ältere und mittelalterliche Generation, die Bismarck noch mit erlebt hat, ein interessantes, ein wenig wehmütig stimmendes Zeichen, wie sehr Bismarck schon zum Objekt philologisch-historischer Forschung versteinert ist. Von den am Schluß der Schrift abgedruckten ..Doktorthesen" lautet die erste: „Die hier mitgeteilten und untersuchten Kreuzzeitungsartikel lassen sich als Artikel Bismarcks Nachweisen." Die Kreuzzeitung war von vornherein das, was sie heule noch ist, christlich-konservativ und zweifellosanch schon damals Gegnerin der Judenemanzipation. lim so bedeutsamer ist, daß sich in jener Sammlung von Kreuzzeitungsartikeln Bismarcks von 48 — 51, die sich planmäßig mit den Kammerverhandlungen, den schwebenden Gesetzgebungsardeiten u. ä. näher beschäftigen, auch nicht ein einziger Artikel befindet, der als unmittelbar antisemitisch oder antiemanzipatorisch zu qualisiziren wäre. Die Artikel waren lediglich stark reaktionär, radikalrechtskonservativ und das allerdings dermaßen, daß