KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 7 (1.4.1912)
- Date
- 1912-04-01
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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127 Hismarck und die Indeneman;ipation. VL'üh Dr. jur. Moritz bc Junge, Jtölu. .... .. . (Nachdruck Verbote:,.) Zwei Männer haben im 10. Jahrhundert den Gang der europäischen Ereignisse bestimmt wie gewaltige Winde den Gang eines groben Segelschiffes auf 'dem Ozean — Napoleon der Große am Anfang und Otto von Bismark in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts! Und beide Mäniter habeit and; auf den Gang der IudenemanzipationSbewegnng in Deutschland undPreußen gewaltig eingewirlt! — Napoleon der Große wie der Sturm, der ein in langer Windstille mit erschlafften Segeln daliegendes Schiff ergreift und auf die hohe See hinansführt; Otto von Bismarck wie eine starke, stetige und lang andauerttde Windströmung, die das Schiff vorwärts und dem fernen Hasen entgegen fährt! Daß Napoleon der Große, der wie ein gewaltiges reinigendes Gewitter die politische Stickluft von ganz West- und Südeuropa auffrischte und im Zusammenhang mit diesem beispiellos wohltätigen politischen Naturereignis die zerrütteten öffelttlichrechtlichen Zustände in ganz West- und Süddeutschland im besten Sinne des Wortes „sanirte," wenn auch nicht der Vater des preußischen Iudenemanzipationsediktes von 1812, so doch (um im genealogischen Bilde zu bleiben) beffcit „Ahn" war; daß er, dessen grandiose staatsinännische Arbeit besonders im ersten Jahrfünft des vorigen Jahrhunderts der Sonne gleich am politischen Horizonte Enropa's stand. Vid)t und Wärme spendend, mit der Durchführung der Jndenemanzipation in Frankreich ein weithin leuchtendes Beispiel gab. dessen Strahlen auch in die dunkeln, verstaubten Amtsstuben deö nachfrideriziauischeu Preußens das t/icht der Gerechtigkeit hitteinlrugen, das darf wohl im allgemeinen als bekamt! vorausgesetzt werden. Deit spezialisierten Nachweis des historischen Kausalzusanuneuhanges zwischen der Gesetzgebung Napoleons des Großen und dem Emanzipationsedikt Friedrich Wilhelms des Dritten von 1812 zu erbringen, ist hier nicht der Ort. Bistnarcks Beziehtlng zur Jndenemanzipation in Preußen- D.utschland, d. h die historische Kausalität zwischen sei n e m 40-i äh ri ge n p o li t i sch en Wirk e n und der Jndenemanzipation in Preußen-Deutschland, ist der Gegenstand dieses Aufsatzes. Bismarck's Briefe an seine Braut (und Gattin) sind eirre wahre Perle, richtiger: eine ganze Perlenschnur edelster und reinster erotischer Poesie in Prosa. Sie zeigt uns die unvergleichlich reiche Menschenuitd Künstlernatur des gewaltigen Mannes in ihrer ganzen Fülle, Pracht und Schönheit, die hier nur erwähnt, nicht geschildert werden kann. Um so schmerzlicher berührt es uns, aus diesen Briefen zu ersehen, daß dieser Mann in seiner Jugend — Antisemit war! Und zwar was für einer! Sofort im vierten Briefe schon iabgedruckt in der vom ,vürsten Herbert im Eotta'schen Verlag herausg,'ge denen Sammlung vom 1. Februar 1817 stoßen wir auf folgende antisemitische Stelle: „In der Post hatte ich nach meinem gewöhnlichen Unstern eine Dame vis;i vis und zwei der breitesten Passagiere in viel Pelz neben mir, von denen der nächste obenein Abrahams direkter Nachkomme war und mich durch unbehagliche Beweglichkeit seines linken Ellbogens in eine bittere Stimmung gegen alle seine Stammverwandtetl brachte." Bismarck schildert dann seiner Braut eine Begegnung mit seinem Bruder (dem späteren t/andrat Bernhard von B.) auf einer Jnnscheunutiott. der ihn durch allerlei ungünstige Berichte ü«»er das ge mein sinne Gut Kniephof verstimmte, und fährt dann fort: „Ich setzte mich also recht mißgelaunt wieder in den Wagen neben den jüdischenEllbngen im grünenPelz." Noch in einigen anderen Bnesin aus dem Jahre 1847 an Johanna von Puttkamer, feitte ..Geliebteste," sein sweatest heart, feine trrs chere leanncton, seine (Hc>- vanna, Juaninina, teuerste juanita, seine Czarna kotko, wie er sie in allen europäischen Sprachen, von Portugal bis Polen anredet, (es ist ans einem p o 1 t ti s ch e n Gründe, der später ersichtlich werden wird, nötig, die auß rordentliche Uebersetzer-Fruchtbarkeit des verliebta Bräutigams von Bismarck festzustellen,, noch irr einigen anderen Briefen erwähnte er die Judertsrage, besonders in dem Briefe vom 15. Juni 1847. In diesem Briefe berichtet er über seine Teilnahme an den Sitzungen des vereinigten Promnziallandtages: „Heute früh wieder Juden! Ich eine lange Rede gegen die Emanzipation geha-'ten! Biel Bitteres gesagt! Gehe nicht mehr durch dre Konigsstraße des Abends, weil mich die Juden totschlagen würden!" In dieser berühmten Rede, die hier Bismarck seiner Braut Johanna gegenüber erwähnt, hat der j inge Bismarck sich rückhaltlos als Gegner der Judenemanzipation bekannt. Im vereinigten Provmziallnndtag stand das noch heute geltende Judengesetz von 184? zur Verhandlung. Unter den Wenigen, die die Jndenemanzipation zu bekämpfen wagten. war der Abgeordnete von Bismarck-Schönhausen, der am zweiten Tage der Diskussion in der 82. Sitzung der Kurie der drei Stände eine lange Rede hielt, die in der von Horst Kohl besorgten 12 bändigen historischkritischen Gesammtausgabe der politischen Reden des Fürsten Bismarck acht Druckseiten füllt. Ich muß mich hier darauf beschränken. die wichtigsten ^ütze dieser Rede mitzuteilen, darf diese aber aus Gründen der historischen Wahrheit und Gerechtigkeit nicht vorenlhatten. „Ich muß öffentlich bekennen, (so sagte in der Einleitung der in