KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 6 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 111 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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111 bieufte unterschätzt: widme ich doch einen großen Teil meiner Tätigkeit gerade der Förderung der Jugendbewegung. Ich bewundere besonders die schönen Früchte, welche die akademischen Korporationen gezeitigt haben, und ich bin stolz auf ihr mannhaftes Auftreten gegenüber antisemitischen Frechheiten und Ueberhebungen. Aber ich meine doch, daß dem Rechte der Jugend stets die Pflicht gegenübersteht, auch das Recht der älteren Generation zu achten, das Recht, welches aus reifer Lebenserfahrung, ans ruhigerer Denkungsart heraus die Anerkennung fordern darf, daß wir die Verhältnisse doch wohl besser 31t übersehen vermögen als die Jugend, und daß deshalb die Führerschaft in dem uns aufgedrungenen Kampfe uns älteren Männer gebührt. -Ui'in, die Jugend hat nicht i m m e r Recht, — sie wird im Gegenteil naturgemäß viel eher irren als das erfahrene, ruhige Alter. Wohl sind es unentbehrliche Kämpfer, welche uns die Jugendbewegung stellt — vielleicht sogar die unentbehrlichsten,— aber niemals darf die Jugend vergessen, daß, solange sie der Frühlingszeit des Lebens allgehört. sie noch lernen, daß sie doch erst zur vollen Reife des Früchte spendenden Baums heranwachsen muß. Roch immer gilt das alte Weisheitswort des Talmud: „Die Alten zum Beraten, Die Jungen als Soldaten, Das» gibt die rechten Taten! Wenn unsere Jugend — und namentlich unsere so kampfesfrohe zionistische Jugend — das beherzigt, dann können und werden wir g e m e i n - s a m an dem großen Werke arbeiten, dem ja das Streben a l l e r gilt: demWohledesJudentllnis, nicht „eigenützigen Interessen, welche in die Enge gegenwärtiger und äußerer Erwägungen gebannt sind;" dann werden Artikel, welche über die große, überwiegende Mehrheit der deutschen Judenschaft ein so verletzendes Urteil fällen, nicht mehr in jüdische n Blättern erscheinen, dann wird manches veruüeden werden, was jetzt so oft der Allgemeinheit schadet. Biele Wege führen nach Rom. Wem der eine nicht gefällt, der möge einen andern wählen, aber ohne deshalb seinen Nachbarn für minderwertig zu erklären. Etwas mehr Bescheidenheit, Ihr Herren! Die Juden im Dichte der modernen Rassenforschung. Bon Dr. med. Josef s> i v s cf) (Ncariae, Sprevinc) Berlin. Es ist eine merkwürdige Erscheinung und eine nicht zufällige, daß alle Rassentheorien von dem scheinbaren Endzweck ausgehen, die europäischen Völkerfamilien in einen Gegensatz zu dem semitischen Völkerstamm zu.setzen und auf Grund dieser Theorien Gegensätze aufzustellen und Rassenhaß zu verbreiten. Die heutige Rassenforschung geht non dem Gedanken aus. daß jede Rasse eine gewisse Gebundenheit besitzt, nicht nur bezüglich der körperlichen, sondern auch der geistigen Eigenschaften, daß demgemäß die kulturellen Fähigkeiten und Errungenschaften einer Rasse nur dieser eigentümlich seien und von anderen nicht voll ausgenommen werden könnten. Es gibt daher nach dieser Theorie wertvolle und minderwertige Rassen. Dieser Wert der Rassen ist demnach im ganzen etwas Unveränderliches, Unveräußerliches. Es lag nun nahe, daß der Judenhaß sich dieser wissenschaftlichen Weltanschauung bemächtigte und die Juden als Angehörige einer minderwertigen Rasse charakterisierte. Wenn weiter gefolgert wurde, daß die höher stehenden Rassen das unumstrittene Recht haben, die tiefer stehende Rasse zu beherrschen, so war die Berechtigung gegeben, die Juden in Abhängigkeit zu halten, die Gleichberechtigung ihnen zu versagen. Dieses ist ungefähr die Logik der Rassentheorien. Was im Altertum das R cht des Stärkeren rechtfertigte, was im Mittelalter das rohe Faustrecht aufrecht erhielt, eine Unterdrückung und Bedrückung der Juden, wäre nunmehr das berechtigte Resultat wissenschaftlicher Forschungen. Da wir Juden uns einerseits nicht als minderwertig klassifizieren lassen und auch gegen jede Vergewaltigung ausstaatlichem und sozialem Gebiet uns mehren wollen, so müssen wir zu den Rassentheorien und den Schlußfolgerungen aus diesen Stellung nehmen. Mit dein Worte „Rasseuschmindel" dürfen wir die Frage keineswegs abtun uub etwa erklären, es gäbe keine Rassen und keine Rasseneiger.tümlichkeiten, jeder Mensch sei ein Individuum und nicht von der Zugehörigkeit zur Rasse abhängig. Wissenschaftliche Theorien |iub nur durch exakte Forschungen umzustimmen, soweit solche auf dem theoretischen Gebiet der Rassenforschungen möglich sind. Eine solche wissenschaftliche Tat der Abwehr stellt das Buch Z 0 llschan ' s „Das Rassenproblem" dar. Ich werde diesem Buche im ganzen in meinen Ausführungen folgen. Es handelt sich dabei um die folgenden Punkte : 1. Die Rassenzugehörigkeit imb den Rassenwert der Juden festzustelleu. 2. Inwieweit sind Rasse und k'alturelle Leistungsfähigkeit einander zugehörig, mit anderen Worten, inwieweit sind die geistigen uub sittlichen Anlagen einer Gemeinschaft in der körperlichen Beschaffenheit begründet?