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KC-Blätter · 1912-03-01 · Heft 6 (1.3.1912) · p. Seite 108

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 6 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 108 (sequence 8)
Language
German
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licrtc. Eine ßrunbffiltfidje Aenderuitg der Rechtslage der Juden in Preußen herbeizuführen, hat. mau zwar nicht gewagt; nur c i n schüchterner V.rsnch zur Revision VesArtikels 12 der preußischen Verfassung ist in den ^»ilplngen des preußischen Abgeordnetenhauses vom 18. bis 28. Januar 1893 von den Konservativen unter der Führung des Freiherr» voll Minnigerode unternommen worden, aber man hat auch ohne diese odiose Aendenmg es in der Regierung des preußischen Staates ganz gut verstandeil. den Wünschen des Antisemitismus Rechnung zu tragen. Wie oft wir preußischen Juden in diesen letzten vier Jahrzehnten den Bruch der deutschen Treue, von dem wir oben gesprochen, gespürt haben und tagtäglich noch spüren — das ist übergenug gesagt, übergenug beklagt morden! Aber fein beiden wird in der Welt, ohne daß ihm gleichzeitig sein Heilmittel geboren wird". Die Wahrheit dieses alten Wortes lernen wir deutlich st erkennen an diesem geschichtlichen Ueberblick über die Emanzipation, wenn wir ihn bis in die Gegenwart hinein sortsetzen. Ein grandioses Schauspiel bietet uns dieser Ueberblick. Er zeigt ein zielbewußtes. unausgesetztes, mannhaftes Ningen um di'e Verwirklichung des Rechtes, das mit uns geboren. Nichts ist so grundfalsch als die Auffassung, die von parteitendenziöser Geschichtsklitterung so gern über die Emanzipation geäußert wird: sie sei ein Geschenk, das uns Juden von den christlichen Staaten gewährt worden sei und dessen Entziehung demgemäß auch frei stehe. Nein und tausendmal nein! ' Johann Jaeoby hat es schon 1833 gesagt^: „Nicht eine Gnade ist zu gewähren, wir fordern die Gleichstellung als ein uns vorenthaltenes Recht und werden im Bewußtsein des notwendigen Sieges nicht ablassen zu fordern, bis eine humanere Zukunft unsere Ansprüche völlig befriedigt." Siegespreis unseres Kampfes ist uns die Emanzipation und wir Inden der Gegenwart haben aus diesem Kampf für unsere Taktik viel, unendlich viel gelernt. Bis zur gesetzlichen Festlegung der vollen Gleichberechtigung waren es immer nur einzelne, nufere Erlesensten und Vesten, d e wir vorschicken konnten in das heiße Geistesringen um die politische Befreiung °. die Masse der Juden mußte in diesen ersten sieben Fahrzehnten des 19. Jahrhunderts ein anderes, das Werk der Selbstbefreiung vollbringen, musste in deutsche Kultur und deutsche Bildung sich einleben, um hinter jenen Vorkämpfern eine schlachlgegürtele. wolsiansgerüstete Heeresmacht zu bilden. Als verfassungsgemäß die polnische Freiheit erreicht war, da war dies Werk der Selbstbefreiung restlos vollendet — das wird keiner leugnen können, der die *) In seiner Erstlingsschrift: lieber dnö Verhältnis des Kgl. Preußischen OberregiernngüratS Herrn Streeffufs zur Emanzipation der Juden. stolze Reihe der jüdischen Dichter, Musiker, bildenden Künstler. Schauspieler. Schriftsteller, der Männer der Wissenschaft auf all.» Gebieten, der Erfinder, Techniker, Industriellen und Großkauslente überblickt, die zur Erhöhung des deutschen Namens, zur Viehrung deutschen Geistesgntes. zur Hebung der Volkswohlsahn beigetragen haben. Die Juden Preußen-Deutschlands haben sich in diesen hundert Jahren als ein. gewiß in manchen Beziehungen andersartiger, aber durchaus nicht anders wertiger, unablösstcherTeil des deutschen Kulturlebens erwiesen. Wagte es gegenüber einer solch evidenten Sachlage der Antisemitisn'.ns, zum Kampf gegen die Inden zu rufen, so durfte und brauchte jetzt der Kampf nicht mehr von den Einzelnen geführt zu werden, sondern der Zusammenschluß Aller, oder doch vieler, mußte jetzt die Anssicht auf den Sieg erhMen. So ist die Signatur des gegenwärtigen Stadiums unseres jüdischen.Kampfes der Zusammenschluß in großen Vereinigungen geworden: der Deutsch-israelitische Gemeindebnnd. der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Verband der deutschen Juden, so heißen heute die Heerführer in diesem Kampf. Das Verdienstaber, zuerst das Banner in diesem Kamps entrollt zu haben. bleibt dem K. C. Die giftigste und gefährlichste Saat des Antisemitismus wardiejenige, welche onrch Treitschke und Konsorten in die Seelen der akademischen Jugend gesenkt wurde; so war es nur folgerichtig, daß atlch auf akademischem Boden dir erste orgamsierte Abwehr erwuchs: Die Breslauer Viadrina warf die Losung zu froher honoriger Gegenwehr unter die jüdischen Akademiker mit ihrem Wahlsprach: nemo me itnpimc lacessit. Man erkannte jedoch bald, daß mit einem rein äußerlichen Trutz- Judentum, so willkommene Gelegenheit zur Entfaltung es auch den frischen Jugendkrästen bot, kein dauerhaftes Bollwerk errichtet war gegen den Abfall und die Selbsterniedrigung, die als die traurigsten Folgen des Antisemitismus in unser eigenes Lager eingedrungen waren unt) hier dem Feinde immer neue Angrftfsmöglichkeiten schufen: jüdisches Selbstbewußtsein, Stolz ans die jüdische Abstammung, Wissen von dem unvergänglichen und unvergleichlichen sittlichen Hoch"-ert und der Knltltrkrast des Jndentmus mußten aus dem Ghettoschutt erst herausgegraben werden als festeste Klammern unseres Bollwerks, als wirksamste Waffen in unserem Kampf. Also: Manneswürde, aufrechtes und bewußtes Judentum, inneres Gleichgewicht. Treue — danken wir deutschen Juden diesen KampfeSjahren. Und noch eins! Wir haben m diesen Jahren diesen deutschen Boden, den Juden in frühen geschichtlichen Zeiten schon bewohnt und knlturschassend gemacht haben, lieben gelernt mit heißester Liebe; — seitdem er in den Kämpfen für des Vaterlandes Freiheit auch unser Blut getrunken

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