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KC-Blätter · 1912-03-01 · Heft 6 (1.3.1912) · p. Seite 106

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 6 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 106 (sequence 6)
Language
German
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106 mit Hingabe von Vlnt und Gut sich der erlangten Gleichberechtigung völlig würdig zeigten, trat bald nach den Kriegsjahren ein fühlbarer Rückschlag ein. Zunächst wurde für die in den Freiheitskriegen wiedergewonneuen Landesteile Preußens zwar das Allgemeine Laudrecht eingeführt, nicht aber das Edikt von 1812, sondern für die Juden dieser Gebiete wurden die unwürdigen Zustände des ausgehenden 18. Jahrhunderts wieder hergestellt. Aber auch in denjenigen preußischen Landen, in denen das Edikt bereits in Kraft getreten war, wurde es jetzt so gut wie wirkungslos gemacht. Der £ 8 hatte ausdrücklich und völlig unmißverständlich die Zulassung der Juden zu den akademischen Lehrämtern bestimmt; gleichwohl erließ der Kultusminister am 16. II. 1826 an die Berliner Universität eine allen übrigen preußischen Universitäten mitgetetlte Verfügung, „daß der Vr. 1\, solange er sich noch zur jüdischen Religion bekennt, zur Habilitation als Privatdozent nicht zugelassen werden kann." Hardenberg hatte auf eine Anfrage der Berliner Judenschaft, ob auch Juden, welche an den Befreiungskriegen teilgenommen haben, auf die versprochene Versorgung im Staatsdienste würden Anspruch machen können, ausdrücklich geantwortet, „der König werde, da er in der Aufforderung, die Waffen für das Vaterland zu ergreifen, keinen Unterschied der Religion gemacht habe, auch bei der Belohnung der Heimkehrenden keinen Unterschied machen". Gleichwohl ergeht am 28. XI 1826 vom Ministerium des Innern das Reskript: „Wenn der mosaische Glaubensgenosse 2t. 21. durch die freiwillige Teilnahme an den Feldzügen 1818 und 1814 gleiche 'Ansprüche auf eine Versorgung im Staatsdienste erworben hat, so kann er solche doch des jüdischen Glaubens wegen nicht geltend machen." 6 Reaktion, so stand eben auf dein Banner geschrieben, das damals über Preußen flatterte, und der Träger dieses Banners war der von leitender Stelle propagierte Gedanke des dogmatisch-christlichen Staates mit allen daraus gezogenein für Richtchristen beschränkenden Konsequenzen. In dieser traurigen Zeit, deren an den Inden geübte RechtSentziehuugen ein hoher preußischer Beamter-) sehr richtig als einen „Bruch der deutschen Treue" charakterisiert hat, erstanden aus der Mitte der Jndenheit diejenigen Männer, die mit bewunderungswürdigem Mute und prophetenreiuem sittlichen Pathos für die Sache ihrer Glaubensbrüder eintraten im Namen der allgemeinen Freiheit, deren Hauch damals schon wie lindes Frühlingswehen dttrch die gebildeten Schichten und die breiten Massen des Volkes zu ziehen ') Aiesser, Gesammelte Schriften Ul. S. 87. 88. -) Ter Geheime Oberretsterilttgsrat Strecksus; in seiner zweiten Schrift „lieber das Verhältnis der Inden zu den christlichen Staaten" 1848. begann, während freilich auf den Höhen der regierenden Kreise dieses Wehen noch nicht gespürt wurde. Damals trat Gabriel Riesset auf und sprach seine ewigen Worte (1881): „Der Staat hat so wenig' das 21 echt, einen Glauben zu verbieten, als ihn zu erzwingen. Freiheit und Wahrheit verlangen, daß für geistige 'Aufklärung so gut wie für dm Glauben mit keinen anderen Waffen als mit denen der Ueberzeugung gestritten werde." „Es giebt nur eine Taufe, die für Rationalitcit entwertet: die des Blutes im gemeinsamen Kampf für Freiheit und Vaterland „Ihr Blut hat sich mit dem unsrigen auf den Schlachtfeldern vermischt," das war das 'Machtwort, rvomit man in den französischen Kammern die letzten ohnmächtigen Regungen von Unduldsamkeit und Abneigung zu Boden schlug. 'Auch die deutschen Juden haben sich diesen vollgültigen Anspruch auf Rationalität vollgültig erworben. Wir wollen dem deutschen Vaterlande angehöreu; wir werden ihm allerorten angehören. Es Emm und darf und tnag uttS alles abfordern, was es von seinen Bürgern zu fordert! berechtigt ist: willig werden wir ihm alles ovtern, — nur Glauben und Treue, Wahrheit und Ehre nicht,- denn Deutschlands Helden und Wette haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Solche Worte konnten nicht ohne Wirkung bleiben in einer Zelt, die vom Geiste der Freiheit getränkt war. Bezeugt doch selbst Heinrich v. Treitschke. die Inkarnation der Judenseindschaft, in seiner „Deutschen Geschichte" die Bedeutung Riesters für jette Epoche mit folgenden Worten: „Unterdessen hatte das deutsche Judentum eilten tapferen, beredten Vorkämpfer gefunden, an dein Hamburger Juristen Gabriel Rtesser. einem edlen, vaterländisch gesinnten Manne, dem seine Freunde nachrühmten, ihm sei das 21 echt Gemüt geworden. Die Gleichberechtigung seiner Stauunesgenossen war ihm Herzenssache; seit dem Anfang der 80er Jahre vertrat er sie, oft heftig, aber itnUter ehrenhaft, in seiner Zeitschrift „Der Jude" und in zahlreichen Flugschriften. Selber ein gemüßigter Liberaler, faßte er mutig den Stier bei den Hörnern und bekämpfte namentlich die badischen Liberalen". Ja. durch seinen Kampf gegen diejettigen Liberalen der Badischen Kammer, welche die Emanzipation der Inden hintertreiben wollten, hat Riester dafür gesorgt, daß der deutsche Liberal mus sich auch den Juden gegenüber zu seinem Prinzip bekennen mußte und das Eintreten für die Gleichberechtgung der Juden auf feine Fahne schrieb. Aus dem liberalen Lager kamen dann auch die Männer, die in Preußen in den heißen Jahren 1848—1850 die Durchführung der Emanzipation tatkräftig und geschickt verfochten: neben Gabriel Riester

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