KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 6 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- Seite 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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104 w i r theoretisch erworben haben, a u.ch praktisch f e st h a lt c n. Es gilt, eine papierne Realität in die volle Wirklichkeit des Lebens überzufnbren. Die passive Resistenz. mit der unsere Väter einst sich wehrten, hat anfgehört. Wir haben uns besonnen auf unsere Pflicht, auf unsere Sl'raft, auf unsere Menschenwürde. Wir machen Gebrauch vom Rechte, das wir im Fortschritt der Zeiten erlangt. Gewiß, das Ziel ist weit, der Weg ist schwer. Der Einzelne kann nicht zum Ende gelangen. Und schließlich wäre sein Sieg, sein Erfolg ja nicht die Durchführung des allgemeinen Rechtsgedankens. den der Jude von Anfang seiner Geschichte her immer im universellen Sinne erstrebte. Darum bat das 19. Jahrhundert, nach Rückschlägen mancherlei Art, die es uns gebracht, uns auch den fordernden Wert der Organisation des Emanipationskampfes geschenkt. In dieses Stadium der Entwicklung hat der K. E. eingegrisfen. Er hat zum ersten Male Juden an deutschen Hochschulen von beschämender Zurücksetzung und vom Gängelbande fremder Fürsorge befreit. Er hat sie mit Selbstbewußtsein. Begeisterung für ihre kultur-politische Verpflichtung, mit Wagemut für den Kampf aus eigner Kraft erfüllt. Und endlich hat er sie zu vereinter Arbeit zusammengeschweißt. Das ist das geschichtliche Verdienst des K. C. Wo der Ausgangspunkt seiner Geschichte liegt, ist zugleich der Quellpunkt gegeben aller modernen Bewegung, die den Juden aus eigener Kraft um die völlige Durchführung seiner Emanzipation im Sinne des universalen Rechtsgedankens in aller Herren Staaten streiten läßt. Deutschlands Inden allen voran! In ihren Reihen die K. E.er an die Front! Gottfried Keller hat uns ein herrliches Poem bescheert, in den: er am hundertjährigen Geburtstage Schillers das Gewissen und die Kraft des deutschen Volkes vereint frohe Festfeier begehen läßt. Auch uns K. E.er begleite zur Jahrhundertfeier, die wir rüsten, das Gewissen und die Kraft! Dtl Gewissen des deutschen Volks, wach' auf! Wie läuternd sühnende Fenerflamme lodere empor! Dein reines Leuchten dnrchglühe die Seelen der Stationen! Du Kraft des Juden, wappne Dich, mache Dich stark für den Kampf! Dir winkt der Sieg, der Lorbeer des Ruhmes. Ihr Alle, harret aus, wisset — der Dichter ruft's: „Daß die schönere und die größere, Ja, die bessere Zeit sei nah." Die Emanzipation und ivir. Von Dr. Robert si a c (t c r -■ Danzig. ufpiuct verboten.) Motto: Wille — so heißt der Beferer und Freude» briuger: also lehrte ich euch. neuie Freunde » Friedrich Riebsche. Am 11. März 1812 endet für die Juden der preußischen Lande das Mittelalter: das an diesem Tage erlassene, am 24. März zur Gesetzeskraft gelangte Edikt „betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden" stürzte die Schranken, welche Iudenheit und Judentum van jeder Berührung mit der Umweltknltnr ferngehalten hatten, und öffnete zu kultureller Gemeinschaft und zivilisatorischem Ausstieg die Bahn. Wenn wir preußischen Juden ui-n heute den hundertjährigen Geburtstag dieser nuferer magna Charta Übertritte, des Emanzipatiansediktes von 1812. feierlich begehen — mit welchen Gefühlen feiern wir dies Jahrhundertjubiläum 2 Ist es eine Erfüllung, die wir mit dankbarem Jubel und inniger Rührung grüßen wie der, der im Hellen Sonnenlicht des Mittags steht, seine Gebe ulen gern und doch mit einem Gefühl der Erleichterung in die Stunden der ersten rosigen Morgen wölken zurücksendet? Oder ist es das Jubiläum eines Versprechens, das wir begehen mit den recht gemischten Gefühlen derer, die mehr erwartet haben und erwarten durften, als ihnen geworden, und die nun den peinlichen Rest als einen quälenden Stachel im Fleische, als einen Oull steter Unruhe empfinden. Ich meine Beides - Erfüllung und Versprechen — dürfen und lallen wir in diesem Jubiläum feiern. Wir sollen dankbar des unerhört raschen Aufstieges gedenken, den wir in diesen hundert Jahren gewonnen haben, wir sollen uns vor jenem Radikalismus, ben ein neuerer Schriftsteller^! als einen Grundzn-, der Seele Israels mit dem Worte „Alles oder Richts" nicht unrichtig wiedergibt, wenigstens hbofern hüten, als er uns zur Verbitterung treibt, (viiie Erfüllung dürfen wir i-.nmerhin feiern, denn viel, sehr viel hat uns dieses Jahrhundert gegeben. Und ward uns lticht alles zu teil, nun so wallen wir des Umstandes f,oh fein, daß wir nicht indem satten Behagen „wie herrlich weit wir es gebracht" ein sanftes Schlummerkissen finden können, und wollen die Erinnerung an das Versprechen als willkommenst Antrieb zur Gegenwartsarbeit grüßen. Zu Beginn des 20. Iaht Hunderts wurde von vielen Seiten an die bekanntesten uns bekannteren Zeitgeitossen eine jener beliebten Umfragen gerichtet. welche gewissermaßen durch Abstimmung über die bedeutendsten Zeiterscheinungen und die höchsten Menschheitsfragen eine „Entscheidung" herbeiführen wollen. Die Frage lautete damals *) Pasmanik „Die Seele Israels" Kill» 1911.