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KC-Blätter · 1912-03-01 · Heft 6 (1.3.1912) · p. Seite 103

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 6 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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103 betrachtet wissen. Darum forbct er in feinem berühmten Gutachten, das er für Talmud und jüdisches Schrifttum dem Kaiser Maximilian erstattet, Schuh und Recht auch für die Juden. Mit Genugtuung darf es uns aber erfüllen, daß dieselbe Zeit, in der freiere Geister sich in Deutschland zu regen begannen, auch aus der Mitte der Inden selbst einen Borkämpfer der Emanzipation, ihren „großen Verteidiger", wie sie ihn genannt haben, I o s e l aus Rosheim, hat erstehen lasten. Wenn es diesem gelingt, quasi einen „Verband der deutschen Juden" zur Vertretung der Rechte derselben auf dem deutschen Reichstag für seine Zeit zusammenzuschweißen, so erscheint in der mit seiner Person verknüpften Aktion schon das Urbild modern-jüdischer Emanzipationskämpfe. und er selbst als ein Gabriel Riester des lg. Jahrhunderts. Eine ähnliche Parallele zn neuzeitlichen Uttternehmungen bietet M a n a s s e den Israel in Amsterdam, in gewissem Sinne eilt Vorläufer eiltes M o s e s M o n t e s i o r e und C r ä m i e u x. In Holland war es nämlich, um 1600, daß Männer wie Erasmus. C o o r n h e e r t, H n g o de G r o o t u. A. eine kritische Betrachtung christlicher Dogmatik, zumal ihrer Ausschließlichkeitslehre in die Wege leiteten, für Toleranz Verständnis gewannen, die Weite universaler Betrachtung erreichten und in ihrem Vaterland den Sitz und Zufluchtsort religiöser und politischer Freiheit in Europa errichten halfen. Sofort machte sich bezeichnenderweise auf solchem Boden and) in dem Bewußtsein des Juden die Forderung seines uralten Rechtsgedankens, der folgerichtig über die engen Grenzen der Heimat hinausgrisf. wieder geltend. Der sprach- und redegewaltige Prediger M a n a s s e ben Israel kämpft nicht ol)iie Erfolg mit Lebensmacht für die Zulassung seiner Glaubens- und Stammesbrüder m England, von wo man sie anno l 200 vertrieben hatte. Aber die vom Humanismus mit seiner Zertrümlnerung christlicher Rechtsanschauung ausgehende Reformation machte leider sehr rasch auf halbem Wege Halt. L u t h e r , den Juden anfänglich durchaus wohlgesinnt, wendet sich von ihnen ab, als er sie den llebertritt zum Protestantismus verschmähen sieht. So lassen auch die Evangelischen, getragen von christlichen Glaubenssätzen mit ihrem Ausschließlichkeitscharakter, allenthalben die Juden im unwürdigen Zustand der Unfreiheit beharren. Erst mußte der Einsiuß der Ideen eines Voltaire. M o n t e s q u i e n . Rousseau spürbar werden, in ihnen der Triumph des Anfklärnugsgedankens sich geltend machen und die Zeil der französischen Revolution kommen, bis der schmachvolle Zustand der völligen Entrechtung des Juden beseitigt werden konnte. Man lese N i e tz s ch e, wie er in seiner „Genealogie der Moral" mit Emphase erklärt, in der französischen Revolution einen Sieg jüdischer Gedanken erblicken zu müssen. Der Schrei nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", die Proklamieruug der Menschenrechte sind in Wahrheit der 'Ausgangspunkt und das Ausdrucksmittel zugleich einer überkonfessionellen Anschauung, die die Würde des Menschen nicht nach seinem Glauben bestimmen läßt, sondern den Wert des Individuums in seiner Gesinnung und seiner sittlichen Kraft findet. Jude feilt, bedeutet von altersher, diese Anschauung vertreten. Der Irrtum menschlicher Kultur, den das Christentnni aufgestellt, zum mindesten aber aus seinen Grundanschauungen heraus nicht hat überwinden können, muß endgiltig zerstört inerden. Mag der Antisemitismus auch zum Teil seinen Grund in wirtschaftlichem Konkurrenzneid haben, tiefer noch ist die leidige Rasseabneigung nnd mit ihr das gesellschaftliche Vorurteil eingewurzelt, während — wenn häufig genug auch unbewußt — am stärksten immer noch das Gift des Glaubenshasses nachwirkt. Hiergegen kämpft der Jude an. Aber er kämpft mcht um seinetwillen allein, nicht nur für die Sache seiner Gemeinschaft. Für eine große Menschheitsidee tritt er ein. Ihr endgiltiger Sieg, der Sieg des Rechts und der Freiheit, wird erst dann kommen, wenn der Antisemitismus, au dessen Ansblühen und Riedergang b e Höhe menschlicher Kultur wie an einem Gradmesser zu erkennen ist, einmal völlig überwunden ist. Wohl hat das 19. Jahrhundert nach 11.a Jahrtun ienden entwürdigender Knechtschaft die Wettdung gebracht, daß wenigstens in Westeuropa und in Amerika der Jude den Beginn und die Fortsetzung seiner Emanzipation har erleben dürfen. Solange aber der Jude, vom Sturmwind des Schicksals in alle Himmelsrichtungen verschlagen, mn seines Glaubens und seiner Abstammung willeu in irgend einem Lande der Erde irgendwelche Zurücksetzung erfährt, solange — mit einem Worte ge sagt — die Emanzipation des Juden nicht allenUmlben bis zu ihrem letzten Ende in Theorie und Praxis, in Verfassung und Verwaltung aller Staaten durchgeführt ist. darf der Kampf um die Emunrzipation. das ist zugleich der Kampf um Menschenrecht und Freiheit. nicht aufhören. Gerade unter dem Gesichts punkte solcher Betrachtungen lehnen wir K. E.er als deutsche Juden auch mit klarem Bewnßtseili jede Lösung der deutschen Judenfrage, die außerhalb Deutschlands geplant wird, ab. Wir wollen dem Kampf gegen die Entrechtung niemals aiis dem Wege gehen. Wir wollen nicht nur, mir müssen um der a l t j ü d i s ch e n Eman zipationsidee, um des Kulturf orts ch rittes willen auf dem B.oden des Staates, mit dem wir durch gemeinsanie Bande der Sprache, Sitte und Kultur verknüpft sind, den Besitz des Bürgerrechts, das

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