Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1912-03-01 · Heft 6 (1.3.1912) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 6 (1.3.1912)
Date
1912-03-01
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268846-2268853--0371-2269576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

haben in neuerer Zeit den Ursprung antisemitischer Regungen und Bewegungen deutlich im Judenhaß der griechischen Bewohner Alexandriens, jener Handelsmetropole des klassische»» Altertums mit ihrem starken Einschlag jüdischer Potenzen, fixieren zu können geglaubt. Wie dem auch sei, ich will es dahingestellt sein lassen, ob hier oder in anderen Erscheinungen der antiken klassischen Geschichte wirklich schon die Entstehung des Antisemitismus mit seinem wirtschaftlichen Konkurrenzneid, mit seinen Rasseabneigungen, seinen religiösen Differenzen zu suchen und auch zu finden ist. Wer war berufen und geradezu verpflichtet, diese trübselige Erscheinung mit aller Macht zu unterdrücken? Ist das Ehristeutum nicht „die Religion der Liebe", und bilden seine Anhänger nicht eine Gemeinschaft, die alle aus engherzigen Gesinnungen erwachsenen Gegensätze unter den Menschen hat überbrücken und Moral und Religion aus „partikularistischen" Schranken befreien, mit „universalistischen" Tendenzen schmücken wollen? Freilich haben die Bekenner des Judentums, iu aller Herren und zumal der Christen Länder über die ganze Erde verstreut, das Christentum von dieser Seile nicht kennengelernt. Die dogmatischen Streitigkeiten haben dieser in raschem Wachstum auch zu politischer Kraft erstarkten „Religion der Liebe", zum uiindesteu in ihrem Verhalten nach außen hin, ein wesentlich anderes Gepräge verliehen. Ria»» müßte eine Geschichte des Konzils zu Ricäa und der von ihm ausftrahlenden Kämpfe hierher sehen, um überhaupt innerlich zu erfassen, wie und warum die Entrechtung derJuden in allen christlich-katholischen Staaten nach jener denkwürdigen Tagung sich vollzogen hat. War die Got'gleichheit Jesu Christi damals zum allgemeingiltigen Zentrum der neuen Religion gemacht worden, so war damit nicht nur ein starker Widerspruch zum ungetrübten Monotheismus des Judentums geschossen nitd eine unüberbrückbare Kluft gegenüber dessen Bekennern aufgetan worden. Christliche Religionsam'chauung projizierte alle Heilserwartungen des Menschen in das Jenseits. Und seilt wahres Menscheltglück ttnd damit seilt Menschelltmn konnte dort nur finden, wer sich hier aus Erden vom lastenden Menschbeitsfluch der Erbsünde gereinigt. Aber eben diese notwendige Sühnung konnte allein im Glauben an Iesum Christum als den Heiland und Erlöser, der, selber ein Gott, der Gottheit sich znln Sühnopfer dargebracht. erfolgen. Wer diesen Glauben nicht teilte — der Jude ultd der Heide — war nicht nur für das Jenseits verloren. Schon im Diesseits fouute und Durfte er sich seines vollen Menschenrechtes nicht erfretlen. Die Juden obendrein bildeten durch ihre bloße Forteristenz eilt schweres Problem für die Weisheit christlicher Kirchenväter. Warum weilte dieses Volk noch immer auf Erden, nachdem die Vorsehung aus seiner Mitte den Heiland und Erlöser hatte erstehen lassen und Israels geschichtliche Aufgabe doch gelöst war? Alle Verheißungen der Zukunft, die die gläubige Schau der Propheten einst für Israel gewerssagt, waren auf seine Erben, auf die katholische Kirchengemcinschaft übergegangen. Rur einen Sinn hatte das Fortbestehen des jüdischen Stammes: seine Sohne und Töchter solle:', büßen für die Schuld der Väter, die vor Gei ationen Iesum Christum an das Kreuz haben schlagen lassen. Des zur Sühne soll Juda nicht leben und nicht sterben, sondern als der nnruhooll gehetzte Ahasver durch die Lande ziehen. Ihr» dieses Schicksal zu bereiten, war Wille der Gottheit, heiliges Verdienst der Gläubigen. Es ist nicht der Ort, die Fülle der Widersprüche logischen und historischen Charakters, die aus solchen Theorien deutlich genug hervorleuchten, hier aufzudecken. Rur galt es zu zeigen, wie das Christentum, von seinen dogmatischer! Voraussetzungen ausgehend, trotz seines Znsam.'-u nhanges mit dem Judentum zur Verleugnung der EmanzipationSidee gelangt ist. Unter dem (?iu >ntcf der oben skizzierten Gedanken vollzieht sich denn auch seit dem Uebertritt Konstantins des Großen zur Kirche bis zu jenem Edikt Theodosius IJ. vom Ul. Januar 439 der stufenweise Ausbau einer Judengesetzgebung. die systematisch den Juven in seiner religiösen Betätigung, in seinem wirtschaftlichen Leben mic in seiner sozialen und gesellschaftlichen Stellung hinter entsprechende Schranken znrückgewiesen har. Mit dieser in allen christliche»-. Staaten geltendenAnssassung und ihrer legalen Ausprägung, die Jahrhunderte hindurch gegolten, nur vielfach noch härteste Verschärfung in Einzelheiten erfahren hat, ist eben erst die Emanzipation der Juden, derselbe»» Juden, die im Bereich ihrer Gesetzgebung einst den Entrechteten ihr Recht. dem Menschen feine Freiheit und seine Würde geschenkt hatten, zur geschichtlichen Notwendigkeit geworden. Warm zuerst leuchtete wiederum der Gedanke der Freiheit und Menschenwürde den zu Parias herabgedrückten Inden? Wie Morgendämmerung zog das Zeitalter des Humanismus herauf. Es brachte die „Entdeckung des Menschen." Diese freilich nur eine Wiederholung biblisch-prophetischer Wahrheit, doch ein Protest gegen christgläubige Einseitigkeit und Intoleranz. Das Haupt der deutschen Humanisten, Johann 9t - u ch l i n , der die Bibel der Juden in ihrer Sprache und mit ihrem Geist in sich ausgenommen, »»scheint als der erste Vorkämpfer für die spätere Emanzipationsbewegung, die einmal ihre e»»ergischeften Vertreter in einem Grasen von Mirabeau und A b b ü G r ä g o i r e finden sollte, auf dem Plan. Dem großen Hebraisten sind die Juden, weil außerhalb der Kirche stehend, nicht die „Ketzer", die unterdrückt und verfolgt werden sollen. Er will sie als Mitbürger des deutsch-römischen Reiches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.