KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 5 (1.2.1912)
- Date
- 1912-02-01
- Page
- Seite 89 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SO und als durchaus u>?Ufmtbtße Persönlichkeit auf modern-empfindeude Menschen einen unsympatischen Eindruck machen; als er einst (ohne Urlaub zu nehmen) nach London zu einer Lutherfeier ging, da fehlte nicht viel, das; die empörten Massen der britischen Hauptstadt, die doch an christliche Büßpredigt wahrlich gewohnt sind, den judenhehenden Hofprediger erschlagen hätten. Hier, im Zentrum freiheitlicher Gesinnung, wo jede moderne Idee ihre Freistatt hat. wo Sozialismus und Anarchismus ihre erste Zuflucht gefunden haben, hier geschah es, daß Stoecker in eitler riesigen Versammlung in der Memorial Hall nur mit Mühe vorder tovendenden Versaurtnlung gerettet wurde. Die Rednertribüne tvurde gestürrnt; Stoecker flüchtete in eilt Komiteczimmer, dessell Türe zur Halle hin verschlossen wltrde. Stoeckers Begleiter, von ihm selbst als sein Lebensretter bezeichnet, öffnete eine glücklicherweise vorhandelte Tapetentür und es fand sich unerwartet eine ins Freie führende Wendeltreppe. Stoecker, auf der heimlichen Wendeltreppe dem Toben entpörter Volksinassen entgehend, dies Bild darf mit gewisser Smnbolik der Erinnerung erhalten bleiben. Dingt, die »um nicht sagt'? Wieder baden die almae matres ihre Arme ansgestreckt und weisheirsdürstende Jünglinge eittgebeiittsl. Und nun sitzen diese in dichtgefü ll teil Har sä len und ..vom .Lat Hede r herab schwant der Professor". Aber lange dauert es nicht, die.Hörsäle werden immer leerer und der Professor zählt die Häupter seiner Lieden; die er ader nicht zältll, wandern draußen in großen oder kleineren Trupps durch den herrlichen Herbst' morgen und füliren „Gespräche über Fechten und Trinken, manchmal kommen auch die kleinen Mädchen an die Reihe" : sie sprechen auch — wie Jünglinge immer — von ihren Idealen, alles Gespräche, die mit ihrer Verbindung znsammeuhäugen, in deren Bannkreis sie seht ganz gezogen sind. Echte Studenten, werfen sie allen Ballast von sich, um ein freies Leben zu führen, ein Leben ganz für sich und für die Verbindung. Und so gehen Semester dahin, dis das Eramen vor ihnen steht, wie einst llannihal anto povias. Sb's so richtig nt? Wir alle Habens so gemacht, haben ..fast immer beisammeugehockt" und haben den Hannibal doch überstanden. Und wir würden es, henre von der Schule entlassen, genau wieder so machen. Damit hätte die Frage „ob's richtig ist", durch den Erfolg eigentlich ihre "Beantwortung gefunden, wie ja über alle Fragen der Lebenstaktik nur der Erfolg entscheidet. "Aber es besteht eine Richtung — ich meine nicht nur die Guttempler —, die dem.Lorporationsleben gar nicht besonders hold gesinnt ist. Sie läßt uns die Eristenzberechtigung, wenn wir Freundschaftsidcale pflegen wollen, aber sie bestreitet, daß wir das können. Gerade in diesem Monat, in dem überall die Semesterschlnßkneipen stattfinden werden, wäre es die richtige Zeit, auch diese Frage mit dein Hinweis ans den Erfolg zn entscheiden. Wer es einmal mit angesehen hat. wie sich nach oft semesterlanger Trennung alte Stndiengeuossen znsammenfinden, der sollte nicht mehr daran zweifeln können, daß wir Verbindmigsstudenlen ideale Freundschaft pflegen, daß die Romantik. wie sie unsere Kommerslieder durchweht, auch heute noch den Verbindungen ihren eigenen »fei,; nicht versagt hat: trotz unserer Zeit mit) troh „gescheiterer" Richtungen! Gewiß, wenn wir von der ersten Vorlesung an busseln, »vir würden um Vieles weiser werden. Aber ob nur auch klüger werden und welterfahrener, nu'iut wir uns nicht danach drängen, in Verbindungen „mit wildfremden jungen Leuten zusammengephweißt zu werden", und ob unser Gefühlsleben den Inhalt bekommt, der nicht zur Weliverachtung führt, wenn wir nichts als den Staub vergilbter Codices schlucken '< Das sind die Fragen, zn denen müi) neuerdings wieder ein Buch anregte: Dr. M a x Kem merich : Dinge, die mau uich t sagt*) Ans der bunten "Ilerhe der Essaps. die der Verfasser über Kultur, Politik. Ethik, Moral zusammenträgt, habe ich den über S.'udentenverbindnngen ansgewähtt, weil er den jllngen Studenten, der diese Zeitung liest, wohl am nächsten interessiert und zn eigenem Rach denken veranlassen wird. "Als .U'. E.er wird in ihm aber besonderes Interesse auch die Stellungnahme Kemmerichs zur Iudensrage erwecken. Kemmerich widmet ihr kein eigenes Kapitel: aber wie diese Frage heute unser ganzes Staats-, Wirtfchafts , Kulturnnd Gesellschaftsleben dnrchzittert uuä als ein Faktor figuriert, au dem man schlechterdings nicht mehr achselzuckeud voriibcrgehen kann, io muß sie auch dem, der Dinge sagen will, di>- man nicht sagt, aus Schritt und Tritt entgcgenstvßen. Kemmerich gehört zu uuseren gegnerisch.w Rassetheoretikern. aber man täte ihm Uuri’dj!. wollte man ihn darum einenRasseantisemiten heißen. Im Gegenteil, er geht mit dem Staate, der die Staatsbürgerrechte der Inden ans dein Papier anerkannt hat, sie in der Praris aber ignoriert, hart zn Gericht. „Welche Logik! Der Staat fußt ans der Treue; Treue gegen andere ist dem unmöglich, der die Treue gegen sich selbst, den Erkennermut der Wahrheit, nicht kennt. Trotz- *) (München, Albert Langen. Preis Alk. t.70).