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KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 88

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 88 (sequence 12)
Language
German
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88 Abschied erbaten, falls in der Richtberufung ein Mangel an Vertrauen läge. Ter Mangel an Vertrauen wurde ihnen nun bald klar, denn sie erhielten ihr Abschiedsgesuch „in Gnaden" bewilligt (1890). IV. Firns. Nach seinem Sturze verblieb Stoecker das Predigeramt an der Berliner Stadtmissionskirche. Er entfaltete auch fernerhin eine vielseitige Tätigkeit. im Jahre 1800 gründete er den evangelisch sozialen Kongreß. Aber sein Stern war int Erbleichen. Die hochkirchliche Partei in der Generalsynode, deren Vertrauensmann er bisher gewesen war. lieh ihn fallen, das Reichstags- Mandat in Siegen ging 1892 -IttOs verloren (und zwar ansgerechnet mfolge der Gegnerschaft der Boeckel'schen „Antisemiten". denen Stoecker noch nicht radikal genug war). Als dann vollends bei Hofe die sozial-poliusche Stimmung sich wandelte und der Industrie Feudalismus des Herrn v. Stumm beliebt wurde, als Stoecker durch die Enthüllungen über seineu Intimus Hammerstein (von der Krenzzc.tnng) mir lomprilnittiert lvurde, da kam es zum Bruch mit der konservativen Partei. Den Anlaß gab das christlich-sozialdemokratische Blatt „Das Volk", das iu steigeudem Maße sich gegen die Konservativen iinnibte (Gerlach). Im Elfer-Ausschuss der konservativen Partei, dem Stoecker angehörte. kam es zur Entscheidung; da Stoecker sich nickt verpflichten mochte, das „Volk" in gewünschter Richtung zu beeinflussen, wurde er genötigt, aus der Partei atlszutreten. Darauf telegraphierte der Kaiser an Hinzpeter: Benin, Sclckos'., den 28. Februar 1888. ,SWecker bat beendet, wie ick; es vor Jahren voraiN'gesagi habe. Politische Pastoren sind ein Unding. Werplmsl ist, der ist mul) sozial; christlich nr.ial ist Ultimo nud sühri zu ^elbslnberhebnng und Unduldsalirkeit. beiden dem Christentum schnurstracke' zuwiberlanfeud. Tie Werren Pastoren sollen sich um die Teeleo ihrer <->>emeindeo tinnmeric. die Aachsteuliede pflegen, aber die Politik ans dem Lpiele lassen, dieweil sie das gar nichts angeht." Wilhelin I. U. Aber Stoecker hatte keineswegs geendet. Tenn nun löste er die christlich-soziale Bewegung gänzlich aus der konservativen und gründete eine eigentliche „chriftlich-soziale Partei". Die neue Partei stützte sich namentlich auf christliche Gewerkschaften und evangelische Arbeitervereine. Ans dem Boden der Arbeiterassoziation hat die Stoeckersche Richtung denn auch ihre stärksten Erfolge errungen. Das christlich soziale Gewerkschastsweseu ist durchaus ihr Werk (Pfarrer Weber aus Al.-Gladbach). Eine andere Rengründnng (1808) Stoeckers ist die orthodoxe „freie kirchlich-soziale Konferenz", die nach der Verdrängung Stoeckers aus seinerälteren Gründung, dem evangelisch-sozialen Kongreß, geschaffen wurde. Stoecker hat dem Reichstage bis 1o08 angehört,' er erlebte dann noch den Schmerz, daß sein alter Wahlkreis Siegen den Christlich-Sozialen verloren ging. Ueberhaupt ist die Partei im Reichstage stets verschwindend klein, geblieben (zuletzt 2-8 Mitglieder) und schloß äch daher im Reichstage mit antisemitischen und mittelständischen Gruppen und dem Bund der Landwirte zur..Wirtschaftlichen Vereinigung" zusammen; doch hat sie in mancher! Wahlkreisen einigen Einfluß. Namentlich die christlichen Gewerkschaften haben sich unter den Arbeitermassen eine bedeutende Anhängerschaft verschafft, die allerdings zum großen Teil katholisch ist und dem Zentrum anhüngt. Stoecker ist Anfang Februar 1000 auf seinem Gute in Sberbayeru gestorben. Wenn rvir Stoecker mm abschließend beurteilen wollen, so dürfen wir sagen; ( bwohl er als Persönlichkeit und Politiker von Bedeutung war und narnenilich seine Bedeutung als Sozialpolitiker nicht zu unterschätzen ist, gelang es ihm nicht, viel Dauerndes zu schassen. Er trug doch als Politiker zu stark reaktionäre ,Ptge; mit Monarchislnus, Dogmatismus und Arrtn-mitismus siud weder die Massen noch die Gebildeten heute mehr dauernd zu fesseln. Und als Persönlichkeit fehlte ihln die fundamentale innere Größe, die notwendig ist, um eine überragende Stellung im öffentlichen Leben zu spielen. Blau rnuß ihm zugute halten, daß der Typus de; aus den Massen aufgestiegenen Führers im öfseurlichen Leben in Deutschland noch kaum existiert; es M)Ucn ihm die Vorbilder, an denen er von Ingens an seine Persönlichkeit hätte heranbilden tonnen. Immer wieder gab er sich Blößen; sein Leben war ein ewiges Zeitungsgezänk und Prozessieren. Hätte er als Divistonspfarrer in Metz sein Leben beschlossen, so hätte feine Energie rm kleineren Kreise viel Segensreiches geleistet; der Polin! er ans dem Boden der Reichshüliptstadt war den übernommenen Aufgaben nicht gewachsen und kam auf schiefe Wege, die schließlich ihm selbst und der Welt im ..Scheiterhaufenbriese" Intima seiner Uatut enthüllten. Wir fragen uns beim Lesen dieses Brieses unwillkürlich, was mag im Leben dieses Mannes an ähnlichen Dingen sonst noch in aller Stille vorgegaugen sein, stoecker war ein Mensch, der innerlich schwache Geister enthusiasmieren konnte, denn er trug tiefste Ideale ständig zündend auf den Lippen. Aber ihm fehlte die abgründige Innerlichkeit großer politischer Geister; er liebte es. letzte ireligiöse) .Elnpsindungen und Ideen und Fragen der Weltanschauung in extrem zugespitzter Form dem Publikum zu präsentieren, ohne doch seiner ganzen Persönlichkeit nach irgendwie ein religiöser Apostel zu sein. Er mußte in seinem vielseitigen I Spiel als Judenverdammer, als christlicher Eiferer

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