Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 85 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2268830-2268846-2268852--0351-2269555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Liberalismus. Mit seinen Kollegen Kögel und und Bauer bildete er die hochkirchliche „Hofpredigerpartei." Auch war er. da er Trennung von Staat und Kirche wollte, Gegner der in jenen Jahren (1S7G) erfolgenden Neuorganisation der evangelischen Landeskirche, durch welche bekanntlich zwar ein sehr großes Stück Gemeindefreiheit, aber auch ein sehr großes Stück monarchischItaatlichen Einflusses festgelegt wurde. Bald darauf trat die soziale Frage beherrschend in den Vordergrund. Stoecker, tief erfaßt von der sozialpolitischen Strömung, begann öffentlich das Thema anzuschlagen, wie sich die Kirche zur sozialen Frage verhalten solle, und er kam zu dem Resultat, daß die Kirche sozialpolitisch auftreten müsse und zwar in christlichem Geiste. Christlichsoziale Arbeit sei notwendig und müsse der Sozialdemokratie mit ihrem die Massen verwildernden und aufreizenden Treiben entgegengesetzt werden. Daher führte er sogleich die Innere Mission als Sladtmission in Berlin ein und stellte sich an ihre Spitze. 1 sTT begann die eigentliche Agitation. In einer vorzüglichen Rede, von tiefem Gehall und dennoch jedem verständlich, behandelte er die soziale Frage in der berühmten .Eiskeller-Versammlung." Rückhaltslas gab er die Mängel des geltenden Sozialrechts zu und gelobte, für die Sozialreform eintreten zu wollen.- dann suchte er die Arbeiter von der Utopie des Inkunssstaates fort, dem Gedanken eines christlich-nationalenSozialstaates znznsühren. - Kurz darauf gründete er eine christlich soziale Bereinigung, Nun entwickelte Stoecker eine riesige Tätigkeit; die Volksversammlungen. geselligen Abende und christlichen Volksfeste drängten sich. Dennoch brachten die Wahlen von 1878 in Berlin keine Erfolge. Der Oberkirchenrat war von StoeckerS Tätigkeit keineswegs entzückt, ebenso Bismarck, das Kronprinzenpaar und der liberale Teil des Hofes und der Regierung. Schließlich erfolgte ein Monitum der kirchlichen Behörde, und leichthin gab Stoecker das Versprechen. sich künftig persönlich jeder politischen Agitation zu enthalten. Der Kaiser brachte Stoecker stärkere Sympathie entgegen und berief ihn in die Generalsynode: auch wurde er in diesen Tagen vom Wahlkreise Herford ins Abgeordnetenhaus entsandt, wo er der konservativen Partei beitrat. HI. luthica. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte man Stoeckers Wirksamkeit im allgemeinen mit Sympathie verfolgen. Zwar ist seine Art, die Massen auf Volksfesten bet Kaffee und Gebäck religiösem Empsindeil zuzuführen, nicht jedem Geschmack ansprechend. Aber er war rticht durchweg als „reaktionär" zu bezeichnen, und wenn er der konservativerr Partei beitrat, so war es sein sehnlichster Wunsch, sie aus einer Junkergruppe zu 'einer lebensvollen. großen Volkspartei umzuschafien. Nun aber kommt die Zeit, welche Stoeckers Atlionskraft den entscheidenden Schlag verseht bat Man darf sagen, wenn Stoecker den Anuseminomus nicht in solch verfehlter Weise aufgegriisen hätte, wäre seine Wirksamkeit eine ganz andere geworden. Daß er aber im tiefsten Schlamm der antisemitischen Bewegung stecken blieb und rticht auf den Boden einer großzügigen Betrachtung zu treten verstand; daß er rtichr, wie so mancher oinere, sich aus dem Sumpf herauszutreten verstano. sondern sich tiefer urld tiefer in den wüstesten 5v:uluel von Judenhaß, Ritnalmordmärchen. Beleidigungsprozessen, persättlichen Zänkereien, leichtsinnigen Versprechen und Anssagen lMeineidsverdtttht!- verstrickte, zeigt, daß iu aller seiner persönlichen Bedeutung ein starker Defekt steckt. Kein Wunder. daß Verdächtigungen jeder Art gegen ihn weite Verbreitung und vielfach Glauben farrdeit (nrid auch heute finden). Seine Verteidiger (Oerhen) sagen, die Juden hätten alle diese Gerüchte ersurck.v. Bedenkt man jedoch, daß z. B. gegen Vielanamt v. Sonnenberg und so manche aridere führende Antisemiten niemals solche Dinge laut wurden, so ist dieser Eirrwand rasch entkräfte!. 'Vergebens versuchte Stoecker später seine verhetzende Tätigkeit immer wieder zu rechtfertigen; wer mck wachsendem Fanatismus große Menschengruppcn verdammt, wer auf jeden Versuch großzügiger 8 rziehnngsprobleme völlig verzichtet, wer so n"-nrg Kulturgeduld, Teilnahme rmd Manier dem Indenproblem gegenüber an den Tag legt, wer so ahässig die Judenfrage als die Wurzel aller sozial-. > Fragen bezeichnet, tver vor allem durch persönliche Angriffe von gegnerischer Seite sich von anfänglicher Zurückhaltltng zum wildesten Haß hinreißen laßt (man vergleiche den Weg vorr der Rede „Mehr Bescheidenheit" bis zur Sonntagspredigt vom „bacillus orientalicus“) den kann man wirklich nicht als Vertreter vornehmsten deutschen Volkstums oder cbclftcu Christentums Hinstetten. Was war nun der unmittelbare Anlaß zum Kampfe? Aerger über Angriffe, weichedle „jüdische Presse" gegen die christlich-so.oale Bewegung und ihren Führer richtete. Gloufet antwortete auf die zum Teil in häßlicher Form gehaltenen Angriffe in enter großen Rede vom l'u September 1870: „Unsere Forderungen an das m, Verne Judentum"; sie gipfelte in der Forderung ..Ein klein wenig bescheidener". Die Rede enthielt manche Wahrheit. aber auch viel Schiefes, allseitig Gesehenes. Bissige Antworten von der jüIschen Seite ließen nicht auf sich warten. Stoecker antwortete in neuen Redett, von beiden Seilen wu-de der Ton immer bösartiger. Stoecker erhielt eure unerwartete Hilfe an Treilschke. Der große Historiker, an vornehmem Naturell Stoecker bei weitem überlegen, hat es im Grunde mit den Juden gilt gemeint. Fast

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.