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KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 84

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 84 (sequence 8)
Language
German
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84 über deutsche Verhältnisse zu schreiben, in innere Verhältnisse inne.halb der protestantischen Kirche in bestimmter Richtung eivzugreifen, das Iudentnin dagegen zu vergöttern nitd Urteile über jüdische Dinge, soweit sie nicht ad mniorem gloriam Judacao waren, in ungehöriger Form zu bekämpfen — „umgekehrtes Hep Hep Geschrei" —. überhaupt einen unangenehm atzenden Ton in der Publizistik heimisch zu machen. Allerdings waren die deutschen Juden erst eben atls dem Stadium der LanduuO Kleinjuden emporgestiegen. Allerdings gab es andererseits prächtige Typen voll edelster deutscher Kultur. Aber schwache Volker werden gern nach ihren schlechten Elementen beurteilt, und die gtlten Typen werden gern dem Wirtsvolk zngerechnet. Die deutsche Bourgeoisie, das dürfen wir sagen, hat nicht die nötige gesellschaftliche Kttltur gehabt, ttm den ans allen diesen Zeitumständen sich ergebenden neueren Antisemitismus in die nötigen zivilisatorische Form ztl kleiden. Während in anderen Ländern westlicher Kttltur, in Frankreich. England und Nordamerika, der Antisemitismus sich in ruhiger gesellschaftlicher Distanz äußert, riß man in Deutschland die Juden zuerst im liberalen uitd nationalen lleberschivattge ans Herz, unt sie ini chauvinistischen Ueberschwange gleich wieder in häßlichen, rohen, teilweise pöbelhaften Formen (Universitäten!) von sich zu stoßen. Die ganze Unkultur der Manier uitd des Tentperaments der neudetllschen Bourgeoisie hat sich nie krasser gezeigt als im Ausbruche des Antisemitismus. Wie fortgeblasen schien der ganze Einfluß unserer neuhumanistischen. klassischen. romantischen und jungdeutschen Geistesepoche: alles was die Deutschen in der Welt bisher so verehrungswürdig erscheinen ließ, der Eharme ihrer hohen Geisteskultur, schien dahin, ttnd eine neue deutsche Menschheit, eine rohe, ungefüge, ungeschliffene, ihrer materiellen Güter ungewohnte Bourgeoisie trar auf den Plan. Wir alle kennen sie und hoffen, daß sie, nach einer wüsten Zeit des llmganges, lernen wird, ihre ererbten Kulturwerte mit den Formen eines Weltvolks zu vereinigen. Wie jedenfalls der neudeutsche Antisemitisnrns auf Völker von weltmännischer Zivilisation wirkt, das wird klar, wenn wir später von dem Auftreten Stoeckers in der Metropole des britischen Weltreiches erzählen werden. ll. Personalia. Adolf Stoecker igeb. 1885) entstammt den breitesten Schichten des Volkes. Sein Vater war Wachtmeister bei den Halberstädter Kürassieren und stanunte aus einer Landarbeiterfarnilie. Auch die Mutter kam aus kleinen Verhältnissen. Beide Eltern müssen brave, tüchtige Menschen gewesen sein; der Vater einfach, kernig; die Mutter mehr vorwärtsstrebend, voll Willens, die Kinder weiter .zu bringen. Sie brachte es durch energisches Haushalten fertig, ihren Kindern eine vorzüg! icheErziehung zu geben: später verfiel sie in geistige Umnachtung. Von Jugend an zeigte Stoecker Intelligenz, Temperament, Fleiß, körperliche Rüst gkett, andererseits Neigung zu rvlnantischen Gefnhlsströmungen. Schon als Schüler erlebt er innere Bekehrungen; er verkehrt in angesehenen, pietisiischen Familien; in der Schule muß er einsehen. „wie schwer es ist, Iesnnt wahrhaft anzuhängen," denn er war wegen seiner religiösen Schwärmerei bei Lehrern und Mitschülern unbeliebt. 185)4 bezieht er die Universität Halle, um Theologie zu studieren. Er gerät in studentisches Treiben, wird Eorpsstudent und schließlich wegen studentischen Unfugs relegiert. In Berlin macht er dann nach fleißiger Arbeit das Examen, wird Hauslehrer bei einem märkischen Freiherrn und bei einem kltrländischen Grafen. Nach einer italienischen Wandertour wird er is*;i Pfarrer in Dörfern im Halberstädtchen, wo er auf strengste Kircheuzucht hält. Er heiratet eine junge Dame ans sehr frommer und sehr reicher Familre. Schon damals finden wir in seinen Korrespondenzen antisemitische Aeußerungen. Iin Kriegsjahre 1870/71 melde re sich Stoecker Llls Feldprediger, wurde aber nicht beurlaubt. Er schrieb statt dessen in der „Neuen Evangelischen Kirchenzeitung" Kriegsbetrachtungen, und diesen Aufsätzen verdankte er seine Berunmg als Divisioilspsarrer nach Niet; (4871,. Mit Eifer lebt er sich in sein neues Amt ein und entfallet eine vielseitige kirchliche, soziale und nationale Tätigkeit in. a. wird er Direktor einer neuen deutschen Töchterschule, gründet ein Krankenhaus, zieht die Innere Mission herbei zur Gründung einer Herberge und eines Iünglingsvereins. Utib nun kommt der folgenschwerste Augenblick im Leben Stöckers. Kaiser Wilhelm las die Neden Stöckers am Denkmal aus dem Schlachtfeld von Metz, fand Gefallen daran und übertrug dem Autor eine der gerade vakanten Stellen als Domttnd Hofprediger. So siedelte Stoecker 1874 nach Berlin über. — Gerade in dieser Zeit erregte der Kulturkampf alle Güter aufs tiefste. Kirchliche Gesetzgebung war namentlich die Haupttätigkeit des preußischen Landtags. Stoecker trat au die schwebenden Probleme mit festen religiösen und kirchenpolitischen Prinzipien heran. Er war starr orthodox, wollte aber ein erträgliches Verhältnis der beiden christlichen Kirchen und seitens des Staates für beide gleiche Behandlung; der Wettstreit sollte ein rein geistiger, in toleranten Formen, sein. Im Verhältnis von Staat und Kirche wollte er völlige Trennung beider Gewalten. Infolgedessen war er ein grimmiger Gegner des damals in Berlin noch herrschenden kirchlichen

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