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KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 82

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 82 (sequence 6)
Language
German
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allen Schattierungen. Und man erhob den Kreisdirektor Frhr. von Gemmingen als Kandidaten der „Rechtsstehenden, Versassniigstrenen" anfden Schild. So galt es nun einen Kampf gegen rechts und links zn gleicher Zeit. Aber immer blieb Haas sich selbst getreu. Schon in seiner orfteix Rede betonte er, das; ihm für die ganze Zeit des Wahlkampfs die Persönlichkeit seiner Gegner unantastbar bleibe, bas; er nie gegen Personen, sondern nur gegen Anschauungen kämpfe. Diese vornehme Gesinnung hat auch auf den Gegner ihren Eindruck nicht verfehlt, und mit Genugtuung können wir konstatieren, das; auch die Gegner, unter denen sich Antisemiten aller Schattierungen befanden, den Kampf ohne die sonst leider übliche persönliche Gehässigkeit führten. Es war ein Jubel ohne Gleichen in der Stadt Karlsruhe, als das Resultat der Wahl, der Sieg unseres Ludwig Haas, bekannt wurde. Die Begeisterung ist nicht zu schildern, mit der die vielratlsendköpfige Versammlung das Erscheinen des neuen Reichstagsabgeordneten in ihrer Mitte begrüßte. Und der Vorsitzende, der nationalliberale Parteichef, fand den richtigen Ausdruck für das allgemeine Gefühl, indem er sagte: „Richt nur die liberale Idee, sondern die Persönlichkeit des Kandidaten hat heute gesiegt". So ist es denn wahr geworden, das; einer der Unfern, ein K. E er, in den Reichstag einzieht. Stolz und Freude erfüllt uns und niemand wird uns dies verargen dürfen. Eure erste Etappe in nnserm Kampf ist erreicht. Bnndesbrüder, lasset uns weiter arbeiten an nitserm Werk! L)r. Jv r i tz S t r a ll ß Karlsruhe (Licariae, Friburgv Ghibellittiae). Adolf Slocckrr. Vmc Dr. (5 r i ch 9)1 ft v v (-Kl;ono 3i(cj'iacl (v)jcu. I. Temporalia. Das moderne öffentliche Leben ist eine Schöpfung des Liberalismus. Parlamente nach allgenreinen Wahlen. Presse und Volksanst'lärnng. Versäumt lungs- und Veieinswcsen, alles dies entftainmt der massenbewegenden Kraft eines liberalen Zeitalters. Den neu geschaffenen Boden benutzte zuerst der Liberalismus selbst, um aus ihm seine Herrschaft anfzarichten; bald aber machten sich seine Gegner d'.e nämlichen Hilfsntiltel zunutze, und überraschend schnell stieg der moderne Konservativismus empor, ein konstitutioneller, auf Volksmassen gestützterParlainerts-Konservativismus. Die hinreißenden Lichtgestalleit aus der ersten Blütezeit des Liberalismus in Literatur, Philosophie und Politik waren dahingegangcn; von tausend Epigonen geteilt, war das Feuer ihres Temperaments. ihrer Ideen verblaßt. Da tauchten neue Gestalten empor ans den Tiefen einer neuen Zeit, gewaltige Staatsmänner, weis - die Triebe eines gewandelten Zeitalters -'näßten und eine neue Aera des Denkens und Fuhlens l manssührlen. Zwei gingen allen voran: Der br:r-.sche Judensprößling Bettjarnitt Disraeli. Lord /chaeonssield, lind der deutsche Innkersproß Otto, Fürst von Bisnmrck. Geister ähnlicher Struktur. ober minderer Größe ergriffen die Zügel anderer Länder sIgiiatiew und Pobjedonoszew in Rußland, Lueger und sein Anhang in Oesterreich. Hub in oben Ländern mit stark katholischer Bevölkerung e-bob sich der Klerikalionino.dem Koaservutivi?luns :g verwandt; ihm parallel setzte eine prolestanusch-nrt i.->dore Volksbewegung in deli Ländern alter ptestantischer Tradition ein. Die konservativ-kirchliche Reaktion war der eine, dem Liberalismus sich entgegensetzende Geisteszug. IHbcr bereits kündigte sich em -weiter an, der noch stärker, noch untnittelbaie ans dein Getriebe der Massen hervorging: Dir soziale Bewegung. ertrem verkörpert im Sozio'mmus. Und nun das Interessanteste: D: führenden Geisterder Zeit waren von beiden Richmngen erfaßt. Disraeli. welcher die Idee des Ims mo.lismus in die Blassen warf, der C.uccu die ronu '; -che Kaiserkrone Indiens aufs Haupt setzte, b Suezkanal alt England riß, dem Rnssenzar vor >,.r sinntinopel Halt gebot und ihm die Hülste de: m'ukenbeute abnahm, derselbe Disraeli gab Englcm s Arbeitern den grössten Teil ihrer F-chnk'gcsn -bnng und eine Verallgeineiliernng des Wahl reck Und Bisinarck, der mit Blut und Emm -eritichlands Einheit errang, der glänzendste Meister auswärtiger Politik im modernen Europa, der dann mit Getreide- und Eisenzöllen, mit Rom Versöhnung, Sozialisten- und Polengesetz, mi! Mm opolplänen lind Liebesgaben, mit Kolonialerwerl und Postdampfersubvcntion, mit der Duldung stmtikammerscher Verwaltungspraxis sIudenaussch--.'ßttngi und' zeitwciser Förderung des Antisemikirn'ns weit ab von seiner liberalen;>eit in eine konst" > live Epoche lenkte, derselbe Bismarck schnitke e!- :- in seiner konservativen Zeit der staunenden und zweifelnden Menschheit das Titanengeschenk derdent hen Sozialversicherung und proklannerte bas Rnm aus Arbeit. Das eigenartigste E.rperimenr nnil. konservative Uild soziale Strömttngen zli vercinig.':;, war der christliche Sozialismus. Mit einern katholischen k.vornehmlich in Oesterreich) unb mi: einem prolestalitischeli Ziveige (Holland urid Pr.ußen). Der Führer der preußisch-deutschen chnstlic!) sozialen Beivegnng aber war der Hofprediger Vlbi»i? Stoecker. Stellen wir ilns nuii speziell die Situation des deutschen össentlichen Lebens um die Wende der siebziger und achtziger Jahre des 10. Jahrhunderts vor Augen.

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