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KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 79

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 79 (sequence 3)
Language
German
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Moritz Molsi, der „Ahlwardt" der damaligen Seit, bvad)tc in der Nationalversammlung 311 Frankfurt a. Al. den Antrag ein, die Juden' unter ein Sündergesetz zu stellen. Er beginnt zu sprechen. Man ruft ihm mehrfach: „Schlug!" zn. „Ich spreche für das deutsche Volk, wenngleich ich weiß, daß ich mich dadurch unpopulär mache." Unser unvergeßlicher Gabriel Riesser entgegnet: „Ich nehme das Recht für mich in Anspruch im Namen einer seit Jahrtausenden unterdrückten blasse, der ich angehöre durch Geburt, durch das Prinzip der Ehre,' das es mich hat verschmähen lassen, durch einen Religiouswechsel schnöde versagte Rechte zu erwerben, (Bravo!) — im Namen dieser unterdrückten Volksklasse gegen gehässige Schmähungen vor Ihnen das Wort zu ergreifet!. — dieses Recht nehme ich in Anspruch." (wehr gut!) — „Soll die Geschichte von Ihnen sagen, daß Sre mächtige Volksstämme, die zerstörend in die Geschicke Deutschlands eingreifen könnten, die gewappnet und gerüstet vor Ihnen stehen, durch Verleihung gleicher Rechte haben versöhnen wollen, daß Sie für die drohende Gewalt nur milde Worte haben, einer schwachen Religionspartei dagegen. die in bürgerlicher Hinsicht nichts will als in' Deutschland aufzugehen — einer Klasse, die keine Nationalität haben will, die ihr von ihren Feinden anfgebürdet wird, die deutsch denkt und suhlt, mit Mißhandlungen enlgegenzutreten und zu ihrem Nachteil Ausnahmegesetze bestehen lassen, während Sie andererseits alle Ausnahmegesetze vernichten und dem gleichen Recht, dem gleich u Gesetz anheimstellen, alle Schäden der Gesellschaft zu her len? Glauben Sie nicht, daß sich Ausnahmegesetze machen lassen, ohne daß das ganze System der Freiheit einen verderblichen Riß erhalten, ohne daß der Kerm des Verderberrs in dasselbe gelegt würde. Es ist Ihnen vorgeschlagen worden, einen Teil des deutschen Volkes der Intoleranz, dem Hasse als Opfer hinzuwerfen. Das werden Sie aber nimmermehr tun, meine Herren!" (Allge; meiner lebhafter Bei fall.) Der Antrag Mahl wurde abgelehnt. Die guten Beziehungen. die sich zwischen derr Bekenner» der verschiedenen Konfessionen vom Jahre l8l6 an in den nächsten Jahrzehnten anbahnten, kennen wir ans den Erzählungen unserer Väter und Großväter. Die Rückschläge der Zeitgeschichte haben wir Aelteren im K. E. selbst erlebt, sie sind in die tiefsten Tiefen unserer Seele, da. wo sie am empfindlichsten ist, eingegraben. Es geht uns besser als unseren Altvorderen ans längst vergangenen Tagen, da noch Knechtschaft ihr Los war. Wir haben das Anrecht. uns als freie Männer zu fühlen. Um so entpsindlicher sind wir dafür gegen jeden irgendwie gearteten Druck. Mit Stolz können wir K. C.er, alte und junge, sagen, daß wir an der Erhebung unserer Gemeinschaft mitgearbeitet haben, und mit l.Äe»nlgtuung können wir feststellen, daß uns :>n K. E. in unserem Kampfe der Humor nicht adtz-urden gekommen ist. Jugendliche studentische Lustigleit und Ausgelassenheit hat im K. E. immer eine Stätte gehabt. „Vorbei ist längst die schwere Zeit der Schmach, Da unsere Väter rechtlos un) entehret. Standhaft ertragend herbe5 Ungemach Des Geistes Kraft im Dulden uns bewähret". Widerstand klingt und sing: es heute durch die Welt. Alte Zöpfe wackeln und morsche Reiche geraten ins Wanken. Der Geist der Erhebung gegen Veraltetes und Verfault-'?, geht durch unseren Erdball, der selbst in seinem Zinnern sich viel mehr als früher zu empören scheint, selbst in Rußland haben rvir die neue Zeit tönen hören. Lassen wir wieder Dokumente der Z,c-:geschichte sprechen! Wir berühren die ua>h dem Schandfleck der Ereignisse von Kischim-w u?io Brest. „Es ist unser Los" » so e: klärten die Juden dem Kongreß der Cemstwv's und der Vertreter der Städte —■, den bitteren Ke.ch der Rechtlosigkeit, grenzenloser Willkür, völliger Niedenretung der Persönlichkeit und einer unnicüglichen Polizeiherrschast. wie sie in der neuer, n Geschichte der Kulturvölker einzig dasteht, bi? auf den Grund zu leeren. Es ist unsere Pflicht r. 'genüber unseren Kindern und den kommenden G- '-htechtern. sie vorder Wiederkehr von Ereignissen wie Kischinew und Brest, vor einer Erniedrigung zu bewahren, die. das Leben zum Fluche macht. Es ist das Höchste, Teuerste, ewig Lebende, was wir unseren Kindern hinterlassen können, daß rvir sie zu freien Bürgern eines freien Landes machen. Tie Verpflichtung aber, die der Jude g g n seine Kinder empfindet, erfüllt er bis an's E-a-e, und damit hoffen wir auch unsere Brüdern'licht gegen alle Verfolgten und Unterdrückten in unterem Heimatlande zu erfüllen." Als der verstorbene Vürgerm '.der Dr. Lueger in Wien vor einigen Jahren d n Juden mit russischen Jndenmaffakres gedroht Intte, falls sie sich mit den Sozialdemokraten einiufjVit würden, da tönte es ihm in einer Pro te stversammlung folgendermaßen entgegen: ..Nach K schinew, Kiew und Odessa und nach einer Rede wie jener des I.)r. Lueger bleibt den Juden nur zweierlei: die Taufe oder der festere Zusammenschluß. Wir appellieren nicht mehr an die ZiviUmlron, an.das menschliche Gelvissen oder an die Humanität. denn sie haben geschlafen, als es sich um Inden handelte. Wir haben niemanden als uns selbst. Wenn man uns angreift, so wird man auch in unserer Hand die Waffe finden. W.r stützen uns in diesem Lande auf beschworene Gesetze, aus unser

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