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KC-Blätter · 1912-02-01 · Heft 5 (1.2.1912) · p. Seite 78

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 5 (1.2.1912)
Date
1912-02-01
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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78 oudj für Minderheiten erleichtern. Eine solche Konstellation war für die Juden die Zeit von 18-18. Es war gewissermaßen ein Witz der Logik, der ihnen half. Preußen, Deutschland verlangte eine Verfassung. Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz. Freiheit des Wortes. Die Juden hatten im Kampfe um diese Güter an hervorragender Stelle mitgestritten. Es ging nicht gut an, sie bei den: Gewinnanteil des Sieges znrückzuftoijen, wollte man nicht die ganze Theorie des Rechtes und der Gleichheit durchlöchert! und zerstückeln. Der Versuch dazu ist jedenfalls gemacht worden, aber er mißglückte. In seiner „Geschichte des ersten preußischen Reichstages" schreibt Biedermann: „Was aber namentlich die Debatte vor ähnlichen in anderen deutschen Ständeversammlungen höchst vorteilhaft auszeichnete, war der llmstand, daß dieselbe mit welligen Allsnahmen sich fast ganz frei hielt von jenem kleinlichen Gewerbs- und Handelsneide, welcher der: Juden ängstlich jeden winzigen Vorteil nachrechnet, den eine größere Freigebnng des Verkehrs und der bürgerlichen Betriebsamkeit ihnen gewähren möchte, eine Gesinnung. die durch dieses genleine Feilschen und Filzen sich gerade auf die Stufe stellt, welche nach ihrer Behauptung die Masse der Juden entnimmt." — In detl Zeiten großer geistiger Anspannung wachsell die Gedanken des ewigen Lichtes aus den Niederungen, in denen sie sonst festgehalten werden, hervor und zünden in den Herzen und Gemütern anch derer, die nur schwer über den Gedanken des Tages und des Erwerbes hinausleben können. Lassen wir einmal Dokumente der Zeitgeschichte jener Epoche zu uns sprechen. "Als im Vereinigten Landtage des Jahres 1847 über die bürge, liehe Gleichstellung der Inden debattiert wurde, da war das Recht nicht bloß an gewisse Parteien gebunden. Ans allen Lagern entstanden Kämpfer, die um der Idee der Sirtlichkeil willen sürd'e Befreiung der Inden sprachen. Einer der bedeutendsten Abgeordneten, Freiherr von Vincke, trat, trotzdem er den Juden persönlich seine Swnpathieen versagte, ans Gründen des Rechtes für sie ein : „Wenn ihre Fehler" — so führte er etwa aus — „mir aber auch nach so unangenehln in sozialen Verhältnissen wären, so genügt mir das doch nicht, um ihnen die politischen Rechte abzllsprechen, zumal, wenn wir uns noch sagen müssen, daß diese ihre Fehler in d-r Behandlung. die ihnen unsere Gesetzgebung hat angedeihen lassen, ihren Ursprung haben. Gehen wir auf die Geschichte des jüdischen Stammes zurück, so finden nur, daß diese ihre Fehler wenigstens nicht im Blute liegen, daß die.Juden der Vorzeit nicht nur tapfere Kämpfer waren, daß sie sich gegen die Römer geschlagen haben bei der Zerstörung Jerusalems wie wenige Völker der Erde, sondern auch, wenn wir ihre frühere Geschichte durchgehen, daß sie eil, Ackerbau treibendes Volk ivaren und nicht Handel trieben." — An anderer Stelle: „Wenn ich jemanden die wichtigsten politischen Verhältnisse eru siehe, wenn ich einen Staat im Staate sich bilden lasse, wie kann ich mir einbilden, daß er Preußen rmt demselben Gefühl sein Vaterland nennt als die Mitglieder dieser hohen Versammlung?" Rach einer Rede Vincke's, in der er sich dagegen wandte, daß die Inden mir an bestimmten Universitäten zu Privatdozenten und außerordentlichen Professoren für gewisse Fächer ^gelassen werden sollten, verzeichnet der Parlaments! ericht: ungemein großer Beifallsruf und lang anbUtendes Bravo! Als der Schatzminister Herr von Thiele das Wort vom „christlichen Staate" gesprochen hatte, in den: den Judell keine obrigkeitkichen Rechte eingeräuint werden könnten, grns Vincke diesen Begriff des „christlichen Staates" schonungslos an. Der Begriff der Religion rönne doch nur auf der inneren individuellen lieberzeugnng beruhen, der Staat aber fei ein Komplerus von Individuen, welcher als solcher keine allgeme'.ne Ueberzeugnng hoben könne. Vincke findet so viel Unchristliches in der Gesetzgebung. „Die Religion sagt: Du sollst nicht täten! Der Herr Schatzminister aber wird nicht in strenger Anwendung religiöser Grundsätze den Krieg verdammen. Im neuen Testamente heißt es: Du sollst nicht schwüren! Eure Rede sei: ja, ja, nein, nein! Was darüber ist. ist vom Uebel. - Es sotten aber immer mehr Eide eingeführt werden! Ein Gebot des lChristentums ist: Lieber Eure Feinde! Und wenn rar jemand einen Backenstreich gibt, so halle ihn: die andere Backe auch hin. Wie wollen wir aber mir diesem Grundsatz die Gesetzgebung über die Injurien in Einklang bringen?" Ein anderer Abgeordneter - Mevissen — wünscht die Gleichstellung der Jude -t um der Christen willen, damit von ihnen endlich die Schmach der Unduldsamkeit getrommen roerde. Die Schlußworte seiner Rede sind: „Deshalb bitte, deshalb beschwöre ich Sie, meine Herren, lassen Sie uns alle konfessionellen Trennungen von uns fernhalten, lassen Sie uns dem freien Genre der deutschen Wissenschaft huldigen, lassen Snuns anerkennen, daß unser Volk in seiner Bildung hoch genug gestiegen ist, um keiner konfessionellen Unduldsamkeit, keinem ungerechtfertigtem Geisteszwang mehr Raum zu geben." Für völlige Emanzipation der Juden traten mit größter Entschiedenheit auch Graf L)ork. Gras Dyrhn, Fürst zu Lynar ein. Der letztere wandte sich besonders heftig gegen die Absperrung der Juden in besonderen Korporationen, „moralischen Ghettos."

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