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KC-Blätter · 1912-01-01 · Heft 4 (1.1.1912) · p. Seite 60

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 4 (1.1.1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 recht auf eine besondere Vaterlandsliebe gepachtet. zu haben, sind immer gefährlich. Besonders für uns Juden. Gesehen haben wir es bei den Burschenschaftern, die eingeengt durch ein exzessives Nationalbewusstsein von den liberalen Ideen zu antisemitischen geführt wurden, obschon ihre Wurzeln und Uranfänge indische Kraft mit ausgenommen haben. Wir sehen dasselbe Beispiel bei den Alldeutschen, die freilich bis zur Reichspartei und den Freikonservativen hinüberreichen. Ihr Chauvinismus geht soweit, daß sie alles Nichtdcutsche für minderwertig erklären. 9hir ein kleiner Schritt weiter ists — und sie haben auch schon den getan — und die Juden gelten ihnen für Nicht deutsche als fremdes Element im Bolkskörper. Freilich in ihrem offiziellen Progranun steht nichts von Antisemitismus. ..l'eeania non ölet“, d. h. jüdisches Geld ist auch zu brauchen. Aber die Inden werden von ihnen als „geduldet" betrachtet, ihre (Gleichberechtigung nur auf dem Papier anerkannt und bestätigt, in Wirklichkeit zu uichte gemacht oder untgangen. Glicht umsonst sind meist ihre Führer alte Generäle, die in der die Juden ausschließenden Heeresorganisation ein Musterbeispiel haben. Also Hände weg! Wenig verschiedener von ihnen dürfte eine weitere Gruppe sein innerhalb des National liberaliSmus, die Vertreter der schweren Industrie, auch ganz tretend Schlotjunker genannt. Verwandtschaftl'che uitd persönliche Beziehungen binden mancherlei Fäden zwischen ihnen und den Konservativen, denett sie innerlich zugehöreit, wenn nicht die Interessenfrage des Geldbeutels eine kleine Scheidewand errichtete. Die Regierung in Deutschland ist selbst dttrch und durch konservativ; man braucht die großen Staatsaufträge, lvill über politische Vorgänge seitens der Regierung genauestens informiert fein, also nur keine Oppofition gegen die Regierung. Anderseits bestehen jedoch wieder wertvolle 'Beziehungen zu jüdischen Großhändlern und Großabnehmern, schließlich auch eine Reihe gemeinsamer Interessen. So wird die Toleranz auf den Schild gehoben und im Programm verkündet. Innerlich aber erfahren die Juden kalte Ablehnung. Man ist eben doch feudal und die Juden stehcn auf der Gegenseite, dem demokratischen Lager. Ein energisches Eintreten für uns wird vergeblich von dieser Seite erwartet werden. Rücken wir weiter vor im vielgestaltigen Lager des RationaUiberalismus; wir treffen mehr und mehr auf die breite Masse des Volkes, Kaufteure, freie Berufe, Handwerker usw. Es sind alles Vcnte, die den Juden in seinem Wirken und Schaffen kennen und achten, es sind alles Leute, die selbst im harten Kamps ums Dasein stehen und welche die mit ihnen Schulter au Schulter ringende Arbeitskraft der Juden zu werten wissen, es sind Leute, die uns als vollwertige Menschen gelten lassen. Freilich ein atavistischer Rückschlag bei dem und jenem in antisemitische Tendenzen ist nicht ausgeschlossen, dürfen nie vergessen, daß der giftige Haß gegen die Juden schon den Kindern eingeprägt wird, daß kaum ein Jugendbuch nicht von wuchernden oder gierigen Inden erzählt, daß deutschwoilischeLehrer frühzeitig die Giftsaat in die jugendlichen Herzen senken. Im praktischen Leben ist dies ja bei den meisten dann glücklicherweise anders und besser geworden; dennoch müssen wir prüfen und erwägen, ob der, den wir durch Stimmabgabe küren wollen, frei von Vorurteil und Haß ist. Unsere Feinde sollen wir kennen lernen, unsere fatschen und unsicheren Freunde desgli hen. Von den wahren Freunden zu sprechen, fehlt mir der Raunt, ich darf tnirs auch wohl «u$ anderen Gründen sparen. Der linke Flügel des Liberalismus ~ Demokraten, Volkspartei, IungUberale, Freisinnige — ist stets und energisch für unser Recht eingetreten. Das Prinzip der absoluten Gleichberechtigung ist das unumstößliche Fundament der demokratischen Idee, ans dem sich in gerader Linie konsequenter Weise das Eintreten für die Juden heit ergibt. Aehnlich bei den S oz i a l v e ru o k r a r e n. Auch hier ist das Prinzip der Pan ignmdsätz? maßgebend für ihre Unterstnrjnng oer Glerchberechtrgnngsbestrebnngen der Juden. Wenn das nicht in dein Maße geschieht wie bn den demokratischen Parteien, so ist das in der ablehnenden Haltung begründet, die seitens der Sozialdemokratie gegenüber der Gesellschaft und dem Staate eingettonunen wird. Gesellschaftliche und staatliche Gleichberechtigung innerhalb der heute bestehenden Staats- und Gesellschaftsorganisation ist den Sozialisten kein erstrebenswertes Ziel. Innerhalb der Partei jedoch ist die (Reichwertung der Juden ein Ding der absoluten S.lbftverständlichkeit. Immerhin wird die Sozialdemokratie unter allen Umstünden gegen Ausnahmegesetze und Zurücksetzungen der Inden arbeiten. Ich bin am Ende. Dennoch n-ag mancher eine Lücke in meinen Ansführrma n gefunden haben. Von den rein antisemitisch Parteien, W ir l sch a s t l i che V er e i n i g u n a, .Reformparrei, E h ri st l i ch s o z i a l e n, habe ich nicht gesprochen. Und ich wills auch nicht tun. Was läßt sich auch viel über sie sagen? Aus Haß gegen uns Iriden sind sie geboren, sie haben Haß gesät, «löge ihnen die Ernte dieses Haffes herzlich schlecht bekommen. Was all diese Pa-reichen sonst an programmatischen Ideen verkünde * und proklamieren, ist nur Zierrat, Beiwerk, gewissermaßen Ex i st e nz r e ch t f e r ti g u n g; aber selbst hier geben sie nichrs Neues, was nicht schon andere Parteien verkündet und gewollt haben. Sie können nur nicderreißen, nicht aufbauen.

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