KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 4 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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59 ftäiiMci* von den Konservativen nichts zu erwarten. Innerlich flav nicht zu jenen gehörend, haben sie keinen Grund, ihnen Gefolgschaft zu leisten. Im Gegenteil! Die brutale Agrarpolitik ihrer Herren Beschützer ist nicht zum wenigsten mit Ursache an der 'Rot des Mittelstandes. Wie aber die ganze antisemitische Bewegung seinerzeit durch Lügen, Entstellungen und. last not loast. durch Schlagworte gemacht ivnrde, so gelang es unfern Gegnern, auch hier einen Popanz aufzustellen. der als das Grundübel des Mittelstandselends bezeichnet und — die Hauptsache — auch schließlich geglaubt wurde. Dieser Popanz hieß Großkapital. Die Mittclständler vergaßen ganz, daß es ihnen mit den Konservativen ging, wie dem Dieb, der schreit: Haltet den Dieb!, sie üb-rsahen es, Laß die konservativen Großgrundbesitzer \ci selbst Großkapitals üen und und ihre Inleresseu recht eigennützig wadrnehmen. die Hauptsache war das Ieldgeschreu Großkapital oder besserdie Juden. Denn in den meisten Fällen hieß es klipp und klar, daß die Inden die Berelendnng des Mittelstandes herbeigeführt Hütten. Mn diesem Schlagwort hauen die Konservativen die Gewerbetreibenden in der Tasche uub hüllten ihre Freunde recht schön ivarm ein. Die Mittelständler machten den Rechenfehler, zu übersehen, daß die ganze Welt einer Kapitalzentralisation zustrebe, daß dies mit oder ohne Inden geschehen wäre, daß gerade die Juden die Emkapitalisierung in Angriff nahmen, indem sie zur Sozialisierung der Massen sich an die Spitze hellten: sie ließen sich von der Hoffnung blenden, daß Rückkehr zun» Innungswesen und altdere kleine Zugeständnisse der Konservativen dem rollenden Rad der Zeit in die Speichen fallen nnirden. Sie merkten nicht, daß sie den Teufel mit dem Beelzebub auStreiben wollten. Glücklicherweise ist einem nicht geringen Teil der Minelständler inzwischen die Augen aufgegangen. Die hauptsächlich von den Konservativen durchgesetzte Steuerreform war eine zu gewagte Belastungsprobe für den Mittelstand. Truppen auf Truppen schwenken ab und suchen eine ehrlichere Bertrelung ihrer Interessen, als sie bis heute gehabt. Es gibt sogar Miltelstandsbewegungen, an deren Führerschaft Jadeit in verdienstvoller Weise beteiligt sind. Immerhin müssen wir als Juden der Mittelstandsbewegung gegenüber kühle Zurückhaltung an den Tag legen, bis mir uns klar sind, ob hier eine mehr oder welliger verschleierte antisemitische Tendenz treibendes Moment ist. Das Zentrum ist die Partei der strenggläubigen Katholiken Deutschlands. Seine Zusammensetzung mag im ersten Augenblick buntscheck.g erscheinen und ist es auch in gewissem Sinne. Das Gros des Zentrums bildet jeooch zweifelsohne der mittlere und kleine Bauer. Er kennt den Juden gut, er schätzt ihn auch, da er Gelegenheit hat, mit dem Juden als Zwischenhändler häufig in Berührung zu kommen. Der Bauer ist durchwegs nicht antisemitisch, wohl hat aber das antlseniitische Gift von Agitatoren hier Blüten und dort Früchte getragen. Man übersieht den außerordentlichen Wert des ansgleichschasft-nden Zwischenhandels, mau will es übersehen. Die Geistlichkeit vor allem kann dem Juden als Aufklärer, als Freigeist nicht gewogen sein. Auch kommen antisemitische Extratouren der Zentrumspresse gelegentlich vor. Aber die Parteileitung nimmt an diesen nicht teil. Sie erklärt stets unter Betonung des paritätischen Prinzips, die Rechte der Juden anzuerkennen. Freilich wird sich das Zenlfrun fnn Bern uA>\ d?nrr es liebt die Juden nicht und liebäugelt zu sehr mit dem rechten Flügel des Hauses. Aber schließlich vermag es si,h seines chngluldii >!>>n,ckie»A doch nicht gailz zu cntfloihrn, tun nie >« chtiglen Wünsche des Judentums ohne Weiteres ab nweisen. Insofern können wir bei»« Zentrum auf eine gewisse Hilfe rechnen. Es ist für uns.luden ein Brücklein hinüber ins Land der Freiheit und Gleichberechtigung, wenn auch nur recht schwankes und schwaches. Anders der Liberalismus. wenigstens in seiner llrsprünglichkeit als Prinzip der fr geistigen, freiheitlichen Weltanschauung. Das Fundament des Liberalismus bildet die städtische Beoolkenrng, Handel, Gewerbe und Industrie, Elemente die mit der Iudcnheit seit Dezennien in Berührung, ja eigentlich verwachsen sind, es besteht also gewissermaßen eine ideelle und materielle Interrssengemeiuschaft der liberalen Stäilde zu den Juden, unD fast sollte man glauben, als ob wir uns hier geborgen fühlen könnten. Bedauerlicherweise ist Dies jedoch nicht ohne Weiteres zu bejahen. Der Liberalismus ist ein Sammelsurium d.r denkbar möglichen Parteigrüppchen geworden; die . ine zieht dahin, dre andere dorthin. Der Kurs der liberalen steuert nach der Richtung und d e m W uen. den die jeweils dominierende Parteigruppe lvftimmt, bald ein wenig rechts, bald etwas luus, bald gerade mitten durch Scylla und Ehan-bois. Der Liberalismus als Mcktelpartei, die er sich zu sein bemüht, und nicht zum wenigsten als Vermuttnngspartei. ist nicht im Stande, eine gerade Richrlin'e eilizuhalten. Das können Palleten, die keine Fühlung, keine Rücksicht zu nehmen brauchen. Konservative, Zentrum und Sozialisteil. Die erste Hauptgruppe sind die 'Rationalli beraten. Der Rame „Liberal" har hier ein Beiwort, gewissermaßen eine Einschränkung erhalten. Vielleicht gar nicht zu Unrecht steht das Wörtchen 'Rational vor Liberal Alle Parteien nennen sich deutsch-vaterländisch bis hinein zu den Sozialdemokraten. Leute, die jedoch glauben, ein Patent-