KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 4 (1.1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2268830-2268846-2268851--0319-2269522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 Augen. Drum hinein allesamt in die Arenades politischen Streits, gleichviel zu welcher Partei Ihr Euch bekennt und die Reihen geschlossen mit dem Rufe: Wider Judenfeinde und Jndenhasser! Zuerst aber müssen wir wissen: Wo steht unser Gegner, und wer und wie sind unsere Widersacher? Zu diesem Zweck gilt es, das Wesen der einzelnen Parteien und ihr Wollen zu untersuchen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, ins Auge zu fassen, daß die Genese und Zusammensetzung der einzelnen Parteien eine ganz verschiedene ist. daß historische, w i r k s ch a f t l i ch e und soziale Faktoren die heute bestehende Gruppierung vollzogen Habelt. Das Thema, das ich mir gestellt habe, ist also groß, zu groß, tun erschöpfend behandelt zu werden, sodaß ich mich mit einer umrisseuen ZeichlUtng begnügen muß. Zu gleicher Zeit will ich vorwegnehmen, daß. was ich hier vorbriuge. eine subjektive Altsicht von mir ist, daß sich vor allem der Verband als solcher wohl kaum mit dem Inhalt vorliegender Skizze identisizierett wird?) Schon vorher habe ich angedeutet, daß in letzter Linie alle Parteien Interessengruppierungen sind. Es tritt dies klar genug zu Tage bei der ersten Partei, die rvir unter die Lupe ltehmeu wollen: den Konservativen. Die Konservativelt repräsentieren gleicherweise den Feudalismus lvie den Großgrundbesitz. Es ist kein Ztlfall, daß Beides innerhalb der Partei Hand in Hand geht. Der Feudalismus, als lleberrest alter Zeiten, in denen es nur Herrenmenschen und Knechte bziv. Leibeigne gab. bedeutet das festeste Bollwerk im Ansturm der neuen Zeiten. Es ist in seinem Wesen begründet, sich jedem Fortschritt zu wldersetzen; der Konservativismus wünscht nicht nur die Erhaltung des Ltatus quo, er ersehnt die Wiederkehr des Status quo ante: Politische Rechtlosigkeit des Volkes, Wiedereinsetzung oder zum mindesten Beibehaltung der feudalen Vorrechte. Demgegenüber erscheinen die Juden als Träger des Fortschritts in größtmöglichster Gegensätzlichkeit. Seit Jahrhunderten schmachteten sie im Ghetto, *) ilVt dieser Eelegenheit weisen wir darauf hin, das; s ä m t I i ei; e '.H u s s ä U e, s o w e i t n i ch t d a -3 W e g enteil a u >3 d r ü et l i >1) b e m e r k t i st, u u r die r'l u s i d) t i h r e r V e r f a s s e r enthalten. Eiusiehttich des vvrsteheildeu Artikels bemerleu rvir, das; nach unserer Aufsussuug die -LteNunguahiue der üudeu zu den pvtitiseheu Parteieil und Ul dei; Aeiebstagswable» nicht nach einseitig-indischeu E>esiäitspuutteu zu beurteiten ist, sondern das; diese fragen in erster Linie von uns als Deutschen zu lösen sind, mit der einzigen Einschränkung, das; wir einer Partei, die nach ihrem Prvgramnl eine politische und staatsbürgerliche Entrechtung der üuden fordert, nicht angehören urld auch für sie unsere Stimme nicht abgeben dürfen. Auch die Ausführungen des Verfassers über einzellle Parteien finden nicht unsere Billigung. Die Redaktion. staatlich und politisch fast völlig rechtlos. Die großen Volksbewegungen des l'ü. Jahrhunderts verschafften ihnen alle Freiheiten und Rechte, die das übrige deutsche Volk 'teils schon genoß, teils neu erhielt. Jubelnd griffen sie nach dieser Freiheit, jauchzend traten sie in die Reihen ihrer Volksgenossen iw politischen Kampfe. Viele wurden Führer und Bannerträger der neuen Bewegung. — So ward der innere Gegensatz zwischen Konservativen und Juden historisch geschaffen, so ist er auch dem inner» Wesen der beiden nach geblieben. Der Jude, der glühendste Vertreter des Fortschritts, ist dem alteingesessenen Feudalen ein Parvenü, er ist — durchs Volk gewissermaßen politisch geboren — ein unermüdlicher Kämpfer gegen die adeligen Privilegialrechte, also st>! ger Widersacher. Zu all dem kommt rroch eirr wirtscln 'tliches Element. Der Bund der Landrvirte, der .«Repräsentant des Großgrundbesitzes, ist — trotz alb, n Leugnens — identisch mit den Konservativen, abgesehen von den gemeinsamen Interessen schon durch Personalunion. All die führenden Fendnlkonse;o nioen verfügen über ausgedehnten Großgrundbesitz. Der Jude, durch Jahrhunderte gehindert, sich im Ackerbau seßhaft zu machen, ist Kaufmann, Industrieller oder gehört einem-freien Berufe an. Also auch in wirtschaftlichen Fragen besteht eine weitgehende Divergenz. All diese und eine Reihe anderer Punkte bedingen eine unüberbrückliche Gegensätzlichkeit zwischen Konservativen und Juden. Aus dieser ihrer Gesinnung machen sie auch durchweg keinen Hehl; es ist wohl auch nicht zu verwundern, wenn sie Arm in Arm mit den ihnen so nah verwandten Antisemiten fast be>. allen Gelegenheiten aus treten. Die Ausschließung der Juden aus dem höheren Heeresdienste, die Zurücksetzung in der Beamtenkarriere usw. sind größtenteils auf das Schuldkonto der Konservativen zu fegen. Was wir also von dieser Seite zu erhoffen haben, ist — mittelalterliche Nacht. Nur um eine Variante differieren von ihnen die nah verwandte R e i ch s p a r t e i und die Freikonservati ven. DasHanmunterscheidungsmoment liegt mehr nach der wirtschaftlichen Seile, insofern als diese Gruppen md)t ausschließlich Interessenvertretung des Großgrundbesitzes sind. Beide Parteien jedoch, hauptsächlich vertreten durch alte Generäle sowie alten Adel, hängen durch tausend Fäden mit den Konservativen zusammen; sie nehmen in der Iudenfrage vielleicht einen ruhig vornehmeren, aber fast durchweg - enselben innerlich ablehnenden Standpunkt ein wie ihre Freunde. Unter der Flagge des Konservatismus segelt auch ein Gebilde, das eigentlich recht wenig in die Partei paßt und so ziemlich das größte Sorgenkind der Partei ist: Die Mittelständler. Abgesehen von leeren Versprechungen, welche die Konservativen nie gehalten haben, haben die Mitteli f