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KC-Blätter · 1911-12-01 · Heft 3 (1.12.1911) · p. Seite 50

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 3 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 50 (sequence 10)
Language
German
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50 der diesige Rabbiner anwesend, um ihn auf „daitsch" zu widerleget^, llm die Zeit ansznsjillen, nahm er dann das von mir verteilte Heftäien var, um etwa dreiviertel Stunden laug die „jüdische" Sittenlehre aus der Praris der Fmddl mit grausamstem Hohne zu kommentieren. — Anfangs erfaßte mich dne namenl ose Empörnng, ader mul) eitriger Zeit gewauu ich die Wulu' des uudeteiliglett Zuhörers uud sammelte meiue Eindrücke. Zw -erkannte, das; der gefürchtete Mann ein öurdum* mittelmäßiger Kopf uud ein Mensch von sndalterner Bildung war. Kiiilstlerisel) rvar seine Rede eine elende Leistung, sie zeigte »veder Disposition noch Otz'danlen. Sie lvar eilt Samtnelsnrinm von Spaßen uud Anetdoten. lieber das The,na sprach er sv gut wie gar '.licht, es lvar blaß ein Anshängeschild gervesen. Was id) ader detvltuderu mußte tmd worum id) ü)11 deueidete, das war die formale Gabe ultd .Uium des kltedners, eilt prachtvolles Organ. das von Anfang dis Ende keine Spur voll Ermattung zeigte lln.d alle kltegister beherrschte: die flannnende Entriistung, den Brusttoll der Uederzellgllilg, des frommen Glaubens, des deuticheu Biedermannes, beu dllltigeu Hotpl, den leichten Plaudertou. Bislveiten ivechseite er plötzlich seine Stinune, so daß mau glaudte, ein anderer spräche. Ader ich hatte auch dald Heralls, daß dies alles mir die Künste eines Demagogen ivaren, der mit den plumpsten B!ittelll ardeitele. So hatte er unter anderen Tricks den, daß er nach einem Sah. der desou ders wirken sollte, den gewünschten Beifall uidjt nur öiird) eiueil bestinnnten Tolifalt Heralls forderte, sondern, gleichsam sich seldst delohneud, naä) dem Glas Wasser griff, um die erforderliche Beifallspallse zu verlängern, oder, wie er dei hald lässig hald herablassend zll wirken bestimmter kliede lllit denl Z,wicker am Bande spielte uud lvas dergleichen billige Künste waren. — Als er geendet, wollte der freiletische Beifall, das Händeklatschen mib akademische Fnßtrampeln keiil Ende nehmen, so daß der Borsitzende zur Beruhigung der l^emüter eine Pause von fünf Minuten eintreten ließ, obgleich es scholl 1 •>!- Uhr lvar. ")lls sich die Wogell der Erregung gelegt hatten, bestieg id) die Tribüne, stellte uud) dem Vorsitzenden förmlich vor und begann, mit dem Bücken gegen den Borstandstisch gelehnt, zlr sprechen.'Es herrschte lmltlose Stille. Tie aller meisten der Anwesenden Hallen sicherlich muh nie in ihrem Volum einen Rabbiner gesellen oder gehört und stellten sich vielleicht nach den vorherigen Andeutungen eine mittelalterliche hebräisch redende oder mauschelnde Figur in Kaftan und mit Ringellöckchen vor. Ich bezog mich sogleich auf diese.Andeutung, indem ich in absichtlich gewählter Rede versprach, daß ich mich bemühen wolle, mich, so gut es ginge, in deutscher Sprache verständlich zu »lachen, was mir vielleicht dadurch erleichtert würde, daß ich in Tnnschland geboren tmd erzogen sei, im deutschen H. re gedient habe, nur deutsche Schulen und Universitäten besucht hätte — wenn auch viel leicht nicht mit demselben Erfolge wie der Herr Abgeordnete - und nie eine andere Sprache gesprochen hätte. Wenn ich mauscheln wollte, ja müsse ich dies eigentlich erst von den Antisemiten lernen, denn wie das Beispiel gezeigt habe. seien sie es und keineslvegs die Juden, die sieh sietes interessanten Idioms so wirkungsvoll h< bienten. Hier ertönten einige Zrnufe. die ich für „Inden raus!" deutete, aber vielmehr „lauter?" geheißen hatten. Daraus erhalt sich Biedermann und bat die Versammlung in mitleidigem Tone, sie möchten doch mit demRediar Rmtzsicht haben: derselbe sei offenbar verlegen and ungeübt, bei einiger lGeduld und Aufmertsanneit werde es schon gehen. So! sagte ich. wenn man nur wünsche, daß ich lauter rede, so verspräche ich, daß jedes Wort im letzten Winkel verständlich sein sollte. Ich sei, fuhr ia) nun son. ohne Furcht in diese Bersannnlnug gekoininen stnst hätte vielleicht Bedenken gehabt, wenn es in >sner großen Stadt gewesen lväre. in der solche M rfammluugen von radanttlsrigem Pöbel angefüllk seien, aber in einer Stadt wie Göuingen, einer lluiversitats siadt, vor einem gebildeten Publikum, das siel, nur durch Gründe und saa.stchen lÄehall be stimmen lasse, brauchte iagar kein großer Redner zu sein, um rneirrer r ache sicher zu sein. «Beifällig anfgenominene t-enevoieniiue). Alle etwaigen Bedenken ltzit len übrigens schwinden lnüssen. als ich gestern Mergelt eine jöcmlhlio Einladung erhielt, die allerdings nur mit „beut scher Berein" unterzeichne, lvar. Solche Anonmnitüt zeuge freiliäj nicht von besonderem Mut und sei nichts weniger als deutsch. Ter Einladung hätte ferner eine kostenlose Eintritts karte beigelegen. Allein dieses Geschenk v o n anonnmer Seile (tnzuttelnnen, verbiete mir nreine T a l in n d m o rat. und so hätte ich mir am Eingang wie jeder alidere eto.'- Eintrittskarte für dreißig Pfennige gelöst mir» lege die mir übersandte hiermit ans den Tisch des Hauses nieder und in die Hände des anonymen deutschen Bereins zurück? Bon jetzt ab halle ich or Vacher auf meiner Seite. Feh tadelte, daß r, r Redner sich \o wenig an das Thenn, gelralten und ivollte dies meinerseits um so gewissenhafter tun. Ich setzte nun in Kürze auseinander, was der Talmud sei und enthalte, wie das Bekenntnis zum Judentum und die Wertschätzung des Talmuds als religiöser Erkenntnisquelle sich vollkommen mir

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