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KC-Blätter · 1911-12-01 · Heft 3 (1.12.1911) · p. Seite 49

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 3 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 49 (sequence 9)
Language
German
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4!) Kebrrimmii von Sonnenberg. Cvim* persönliche Ivriuuentuß tum B. I n c v b - Dortmund (Viadrinne». I)e mortuis nil nisi bene. „Von beit Toten soll man nur bmte$ fagou" ist ein Spruch von zweifelhaftem Riecht, und doppelt schwer mich e$ iiJi‘3 fallen, ihn gegenüber einem unserer erbitiersteu Feinde gelten zu lassen, wie es der kürzlich verstorbene Abgeordnete Tiebermann v. Sonnenberg allzeit gewesen ist. Denn er hat es als seine Lebensaufgabe betrachtet, uns mit allen Mitteln zu bekämpfen und zil verunglimpfen und ist bis ,;u seinem (Lude der Führer einer Partei gewesen, deren Hauptzweck es war, uik> unser Äecht zil rauben. Aber es wird jedenfalls gestattet sein, die ergöhliche Erinnerung au ein persönliches Zusammentreffen anfznfrischen, die freilich für ihn stets zu den unangenehmsten gehörte. Ich war seit reicht ganz zwei Jahren Aabbiner in Güttingen und lebte „still mit» friedlich" für mich dahin, als der kürzlich gegründete „deutsche Verein", dessen Vorsihender der Wirt der „alten Fink", einer antisenritischen Stndentenkneipe, Otto mit» der Orgelbauer Wiefefe waren, für Sonnabend derr H. Dezember 1802 eine öffentliche Verfammliurg ankündigte, in welcher der "Abgeordnete "Tiebermann v. Sonnenberg über das Thema sprechen werde: „Verträgt sich die Talmndmoral mit dem S t a a t s b i'r r g e r r e cl) t t" Obgleich ich noch niemals in eitler autifoniitifd>iMi Versammlung und kaum jemals in einer politischen Versammlung gewesen war, obgleich ich keine Ahnung hatte, was der "Aedner Vorbringen würde, und nicht das geringste literarische Material besah — das damals überhaupt noch spärlich war —, so stand es für mich doch vom ersten Augenblick fest, das; ich in diese Versammlung gehen und dem Vedner entgegentreten müsse. "Als ich mein Vorhaben mehreren Gemeindemitgliedern anvertraute, fand ich wenig Ermutigung, dem; uod) immer hielt mau es für das Klügste, zu schweigen und sie!; zu verbergen. Besonders Tiedermann sei einer der gefährlichsten Gegner, dem sich noch niemand gewachsen gezeigt hätte, und als ihm vor einigen Jahren ein Professor, der nationalliberale Historiker Weiland, entgegengetreten sei, babe er diesen derlllaheil „zngedeckt", das; seit dem niemand mehr Tust verspürte, sich eine ähnliche Niederlage zu holen. Die Dreistigkeit und Skrupellosigkeit seiner persönlichen Angriffs weise verbunden mit einer glänzenden rhetorischen Begabung und Schlagfertigkeit würde jeden Gegner totmachen und mir und der Gemeinde eine irichl wieder gutzumachende Blamage zuziehen. "Aber jedes Bedenken muhte schwinden, als ich am Freitag "Morgen vom „deutschen Verein" selbst eine persönliche schrif! tiche Einladung erhielt, in welcher ich mit höflichen Worten aufgefordert wurde, mich an der Debati. über das interessante Thema zu beteiligen. 'Ungleich war eine Ein trittskarte beigelegt. Es galt jetzt also nur noch, sich nach Möglichkeit zu dem bevorstehenden Kampse zu rüsten. In da fern «Zwecke telegraphierte ich an Dr. Hirsch Hildesheimer und einen Kollegen um sofortige llebersendung von Verteidignngsmaterial, besonders von T. Hofmann, „der Schntchan aruch und die Andersgläubigen" (gegen ein soeben verbreitetes infames Flugblatt» imb an den dtmtsch israelitischen Gemeindebnud um tausend Eremplare der „jüdischen Sitten lehre" in den bekannten grünen Heftchen. Ferner bestellte' ich mir ans der kgl. Bibliothek, und, um jedes "Aufsehen zu vermeiden, bei dem Ober bibliothekar selbst einem beliebigen Band des Talmuds. Die Bücher blieben leider ans, aber die Sittenlehren trafen, rechtzeitig am Sonnabend ein, und auch den Band des „Talmuds" erhielt ich. Darauf nahm rch mir zwei Dienstlente, die sich vor Beginn der Versammlung an die Eingangstüren stellen und jedem Eintreten den ein Eremplar der Sittenlehre in die Hand drücken muhten. Einen dritten Mann postierte ich neben die A'ednerbnhne. damit er mir ans einen Wink den „Talmud" znreiche. Der Saal des Stadtparks, der gröj.te der Stadt, der ca. KOO—1000 Personen sah.!, füllte sich bald bis ans t»eu leisten Plat; und zwar fast durchweg mit gebildetem Publikum, Studenten und andern Akademikern, aber auch einer Schar Sozialdemokraten, die sich ihren besl.-i: Aedner verschrieben hatten, tim mit Oieberm.inn ein Hühnchen zu pflücken. "Aach längerem Warten erschien der gefürchtete Held, begrüht von wildem Beifall, und nahm am Vorstandstisch neben den Herren Otto und Gieseke und einigen andern lokalen oder auswärtigen Parteigröhen Plag. Hierauf begann er seine Webe, die nicht weniger als zweiundeinebalbe Stunde dauerte. Sie war ein Meisterstück niedrigster Demagogie In der gemeinsten Weise wurde der Jude verhöhnt, lächerlich, verächtlich gemacht und irr den Kot gezogen. Die ordinärsten Wihe und Spähe wurden nicht verschmäht uut» prompt mit wieherndem Gelächter des Publikums bezahlt. Auch mich suchte er schon vorher lächerlich zn machen: vor vierzig Jahren habe man den Inden emanzipiert in der Hoffnung, das; er sein jüdisches Wesen, fein Gemanschel iifro. aOtun werde. Nun, die Zuhörer würden sich bald überzeugen, wie weit dies gelungen sei, denn wie er gehört habe, sei auch

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