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KC-Blätter · 1911-12-01 · Heft 3 (1.12.1911) · p. Seite 44

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 3 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 wir unfevu Kräfte weihen. Aber jene äußeren Zeichen allein hätten mi§ das Gefühl tiefer Befriedigung. mit dem wir die Tagung verließen, nicht erwecken können, wenn nicht auch das Ergebnis der Beratungen über die Tendenzfrage ein so erfreuliches gewesen wäre. Einstimmig wurde der Beschluß gefaßt: „Der K. E. lehnt die Bestrebungen zur Lösung der deutschen Judenfrage außerhalb Deutschlands ab". Dieser Beschluß muß jedem natürlich erscheinen, der den Entwicklungsgang unserer Tendenz verfolgt. Es ist ein gerader Weg von den Tagen des Jahres 18S(> zu denen des Jahres 1911. In ihrem Gründungsailfrufe legten die Viadrinen das Gelübde ab. sie würden tmid) ihr Verhalten den Beweis dafür liefern, daß sie Inden und zugleich Deutsche im wahren Sinne des des Wortes sein könnten. „Deutschland. Deutschland über alles" bot ihnen die Melodie für ihr Btmdeslied. Ein Jahr später verband Magen auf seiner Stiftungsfestrede mit dem Hinweis ans das Bild der Germania im Berbindungswappen Worte eines edlen und glühenden Patriotismus, der, rückschauend ans die großen Zeiten des Vaterlandes, sich hinatishob über die Niederungen des Augenblicks. Als dann die voll der Viadrina geschaffene Beivegung über Breslau hiuausgewachfen lvar und sich int K. E. organisierte, war es erforderlich, die Gemeinschaftlichkeit der Bestrebungen im Statut des neuen Verbandes zum Ausdruck zu bringen. Die ursprüngliche Fasstlng aus dem Jahre ls‘)S lautet: .Die Tcudcuz der Verbindmicicn im St E ist der snullps den AittiscinitiSilinS in der Stiidentensck>e.st, die Erzichinia ihrer Mitglieder zu seldstbcwußtcir Juden. die sich ihrer Pflichten geae« ihr dculscher Vaterland bewußt bleibe» und im bürgerliche!' Leben die (S; 1 eid)l»crcd»tiuuiider Juden zu verleidigeu imstande sind. Die Berbiiiduiigen im St bi. nehmen keine Stellung zu irgend welchen politischen und religiösen Sonderbestrebnirgeil innerhalb des Judentums." Ihr folgte im Jahre 1 UOii folgende Form: „Die Perbindmrgen im St. E. haben nun Zweck den Skamps gegetr den Aiitiseniitismus in der deutschen Studentenschasl Ntld die Erziehung ihrer Mitglieder zu selbnbuvnsuen Juden. die auf deutschvaterländischer «Grundlage im bürgerlicheu Leben die vvUsräudige palilischc und gesellschaftliche Gleichberecktiguug der deuticheir Juden erstreben- Die Perbittdungeu im K. E uchmeu keine Stellung zu irgend welchen politischen und religiösen Sondcrbeftrcbnngen inncrhnlb des IudeutnuiS'." Schließlich — im Jahre 19()S — wurde unsere Tendenz dahin festgestellt: „Die Verbindungen, im Sf IS., stehen ans dem Boden deutnbn'alerländischer (Siesinnung- Sie haben zum Zweck den Slawpf gegen ven Autiseu.itiömus in der Studenleuschaft und die Erziehung ihrer Mitglieder zu jclbslbemußtcn Juden, die im Bewußtsein, daß die deurschen Inden einen durch Geschickte, Kultur- und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Laterlande unlöslich verbundenen Volksckcil bilden, jederzeit bereit und imstande sind, für die politische und gesekkschaft- ' liche Glcichbercchtigtiug der Inden einzutreten- ' Zu politischen nnd^religilis-.-u Souderbcstrebuugen innerhalb des Judentums, sofern sie "ber Tendenz von Absaß 1 nicht widerstreben, nehmen die 5t- (£.* Verbindungen keine Stellung." Was war die Ursache für diese immer stärkere Betonung des deutschen Gedankens? Waren esetwa Konzessionen an die antisemitischen Gegner? Wollten wir durch Beteuerung unserer Vaterlandsliebe unsere Gesinnungstüchtlgkeil erweisen? Längst vorbei sind heute die Zeiten, in denen ein nach Motiven suchender Antisemitismus das Illdel'.tnln als goldette Internationale, seine Bekenner aber als vaterlandslose, staatsfeindliche Kosmopoliten verschrie. Schott in jenen Zeiten, in boucu die Massen sich tmt beu Schlagworten begnügten, die ihnen Stöcker z a schleuderte, war das akadelllische Publikum anspruchsvoller. Es tvill sich bei allem etwas deilken. Und wie ihm in unseren Tagen Ehamberlain die natnrrv l s s e lt s ch n s t l i ch e Erklärung seiner antisemitischen Ideen zu geben trachtet, so suchte in den Zeiten der Hochflut der von uns bekämpften Bewegt! ng T r e i t f ch k e sie in h i ft o r i sch e r Begrün« dmrg zrt rechtfertigen. Mit jener flammenden Beredsarnkeit, die seine Zuhörer hinriß und sie rveit über den Augenblick hinaus in den Bann seiner Gedanken ztvang. wandte er sich gegen den „internationalen Bund des europäischen Großkapitals", den Kosmopolitismus des Judentums: er tünchte sich in dem so oft uub so gern mißdeuteten Sinne Mommsens Wort, dle Juden seien ein „Element der nationalen Decomposition". zu eigen und stellt schließlich die „vollkommen billige und gerechte" Forderung auf. die Juden sollten sich entschließen, Deutsche, Franzosen, Englünder zu werden und. vorbehaltlich der alten Erinnerungen, anfzugehen in dein Volke, dem sie staatsrechtlich angehören, — eineDoppelnationalität könne den Juden kein Volk gestatten. Treitschke, der große Hlstoriker. zieht hier den logischen, an sich dttrchaus ver stündlichen Schluß aits den Tatsachen, die ihm Treitschke. der lückenlos subjeltive, konservative Parteipolitiker, dargelegt hat. 9htv der letztgenannte konnte die Anteilnahme der Juden an der Entwicklung des vaterländischen Lebens vergesstu, das Maß ihrer Nationalisierung in Deutschland unterschätzen. Dem Historiker Treitschke darf mail einen so s ch w ereil Irrt u m in der Geschichte seiner Zeit nicht nachsagen. Denn ein Irrtum war es m der Tat: wenn das Judentum wirklich kosmopolitisch. jener Vorwurf nicht völlig haltlos gewesen wäre, er wäre nicht so schleunig aus der Nüftkammer der antisemitischen Kämpen verschwunden. O nein, der deutsche Jude, der Moses

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