KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 2 (1.11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Greis mm 75 Jahren eine Ahnung. Mitten ( in der 9lacht mußten nur sie wecken, mit wenigen, dringlichen und tröstlichen Worten vorbereiten und den Totkranken, bou einzigen Sohn, dovontrngen. Zivei von nnS fuhren mit nach Berlin, um .tf raufen* woche zu halten, am Bahnhof schütteten wir unsere Beutel aus für das Reisegeld. 9,'ach acht Tagen wurden die beiden .Krankenwächter von zwei andern abgelösl. Aber alles half nichts. Und als die $ odesnachricht kam. fuhren wir acht Manu hoch hinüber. um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Ich hielt die Trauerrede. Tabei litten die meisten von uns an chronischem (Geldmangel und eine Reise nach Berlin war eine große Sache. Doch zurück zu unserer Berbindnng! Erster Chargierter wurde Krüger, ohne Zweifel der schneidigste Transgänger. zweiter ich, dritter der jüngere Ebrenfried. Biel Kopfzerbrechen machte uns der Raine der Berbindnng. schließlich fand P e r i tz's Borschlag „B i a d r i 11 a" Annahme. Ter Wahlsprmü: Nemo me irnpnne laccssit, „9tiemand reizt mich ungestraft" stammt von mir. Er atmet den Weift der „Rauhbeinigkeit", der die zornmütige junge Schar beseelte und sie bald bekannt und gefiirchtet machen sollte. Als ein Hauptgrnndsatz galt uns das Prinzip der u n b e d i n g t e n st n d e n t i s ch e n Satisfaktion. Darum hieß es sich gründlich einpauken, um von vornherein kampfgerüstet dazustehen. Mit hitzigem Eifer wurde diese Aufgabe betrieben. Tie erste E.-Mensur habe ich gefochten, auf Säbel mit einem Mediziner, der später Arzt im schlesischen Gebirge, wurde. Aber die Fechtverhältnisse wurden bald und dauernd der Gegenstand unserer schwersten Sorge. Tie Anzeige unserer Konstituierung schlug wie eine Bombe in die Studentenschaft ein. Wenn sich jetzt eine neue jüdische Berbindnng bildet, würde tue* schwerlich auf irgendeiner Seite eine Aufregung verursachen. Damals war es etwas Unerhörtes: eine Berbindnng, die nur Juden anfnahm und unbedingte Satisfaktion gab?! Aber die Berblüfftheit wich bald fast allgemeiner Ablehnung wenn nicht Feindseligkeit, und es folgte eine Zeit der aufreibendsten Kämpfe, deren Geschichte vielleicht einmal ein anderer schreibt. Aber mürbe konnten sie uns nicht machen. Oderint dum tnetuant. — Nemo me impune laeessit. Beides ging rascher in Erfüllung al* wir gehofft und manch frecher Wicht hat es gespürt. Daneben ging eine eifrige innere Arbeit: die Befestigung in unseren Grundsätzen, die Erziehung zu unseren Idealen. Das Fechten war nur ein Teil unserer Bestrebungen, jede männliche kraftstählende Hebung war in unser Programm ansgenommen: Schwimmen, Turnen, Rudern, Wandern, wissenschaftliche Borträge von allgemeinem oder speziell jüdischem Interesse wurden gehalten usw. Natürlich nahm die Kneipe einen breiten Raum in unserm Berbindungsleben ein, mancher tolle Streich ward verübt und ich gestehe zerknirsch:, daß ich nicht der letzte, oder vielmehr meist mit der letzte war. Einige „dichterische" Zeugnisse haben sich leider davon erhalten. Biel Zeit — viel zu viel! - nahmen die Konvente weg. Tinge, für deren Geringfügigkeit wir jetzt nur ein lächeln hätten, wurden mit der größten Hitze und Beredsamkeit und dem Aufwand aller parlamentarischen Formen und Künste behandelt, worüber ich dann bis in die Rächt hinein langatmige Protokolle verfaßte. Für besonders schädlich halte ich jetzt die gewissenhafte Nachahmung der sogenannten parlamentarischen Formen, die in jeder kleinen Bereinigung den Wahn nähren, als fei sie der deutsche Reichstag. und ihre „fulminanten" Redner berufen, die ganze Station zu führen. Später sieht man ein. das; größer die Knust ist, mit wenig Worten viel, als mit vielen Worten wenig zu sagen. Aber auch wichtige Beschlüsse wurden festgelegt, von denen ich nur zwei erwähnen will. Gleich zu Anfang wurde bestimmt, das: alles „Jüdeln" aufs Strengste verpönt sein sollte — scheinbar eine Aenßerlichkeit. aber weres weiß, wie demoralisierend gerade diese selbswei höhnende Witzelei auf die jüdische Gesellschaft nur kt, wird diese Haltung würdigen. In einem der ersten Semester kam uns von der nationaljüdnOen Berbindnng Kadimah in Wien der Antrag zu einem Kartell. Das nativnaljüdische Prinzip dicker Berbindnng war damals noch etwas Renes und forderte von uns eine grundsätzliche Stellungnahme. Nach unserem Programm konnte sie nur ablehnend ansfallen und ich erinnere mich noch lebhaft, wie Krüger mich nach einer entschieden abweisenden Rede in seiner enthusiastischen Art umarmte. Wir waren deutsche Studenten und wollten es bleiben. Daß dies intensive Berbinduugsleben unsere Studien förderte, kann ich nicht gerade behaupten, wenn ich selbst mich auch einer eisernen Konstitution erfreute — ich war der ..stärkste Mann" — und trotzdem ich die Arbeit, sogar in zwei Fakultäten, nicht völlig verumhlässigte, denn eigentlich war ich immer ein Bücherwurm; aber ich war schon hohes Semester und es war Zeit mich zurückznziehen, zumal ich mein Jahr zu dienen hatte sich trat bei den Zehnern ein). Bor allem aber legte mir mein Berns doch eine gewisse Zurückhaltung auf. Ich war, ein weißer Rade, der einzige Theologe in der Berbindnng und bin es als aktiver.U\ C.er bis auf den heutigen Tag gebliebei» Ob dies gegründet ist, will ich jetzt nicht untersuchen. Anstatt dessen will ich aber noch ein kleines Erlebnis erzählen. Wir