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KC-Blätter · 1911-10-01 · Heft 1 (1.10.1911) · p. Seite 21

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 1 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 21 (sequence 21)
Language
German
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21 gemurmeltert Gefühl heraus vermag die schöne Jüdin Sara nicht, einem geliebten, dach einer anderen Neligiou angehörigen Manne in ein fremdes Land mu folgen. Was ihr als Weib nicht möglich ist, als Mutter ist sie der höchsten Selbstverleugnung fähig, ihr Kind im Glauben an den anderer! Gatt erziehen zu lassen, und es sich selbst zu entsremdeu. Das ist alles schlicht und einfuil) geschrieben und wirkt gerade deswegen so schön und erhebend. Und was wohl die'grösste Wirkung eines Buches ist: es macht fremdes Schicksal zu eigen erlebtem. Bildung und Aistklärung werden luicf) und nach den Nahmen für unsere Weltanschauung passend zu gestalten suchen; trotz allein bleibt der „Kampf nur Gatt" bestehen, und mir können der Schriftstellerin G. Epstein dankbar sein, daß sie sich mit diesem Problem in ihren Erzählungen in künstlerisch schöner Form befaßt hat. Fanny Wiener (Stettin). Mar Dirod. Jüdinnen. Axel Junker, Verlag Berlin ckLharlattenbnrg. Blau diirfte wähnen, Arthur Schlüßler habe in feinem Vornan: „Der Weg ins Freie" das Problem des österreichischere Judentums irr all seinen Verästelungen und Nüaneen bis in die leiste Tiefe künstlerischen Darstellungsvermägens erschöpft. Aber im Leben — anders als irr der Viathematik — gibt es für ein Problenr verschiederre Läsrrngen. Äinr die Arrnen im Geist halten eine Frage jenmls für „erledigt". Daß Mar Brads Versuch neberr Schnitzlers wundervoller Sunt Hefe nicht als Vermessenheit erscheint, ist Beweis genug für die Intensität seines .Könnens. Freilich, Schnitzler zergliedert die wirren Dinge des Lebens wie der'vielerfahrene Meister künstleriche Uhren in buntbemalten Gehäusen zerlegt. Aber mit der behutsamen Geschicklichkeit des in seine Schütze verliebten Mäcens fügt er die zersprengten Splitter wieder zu ruhmvoller Einheit zusammen. Bei Brad hat man dach den Eindruck, daß der Autor die geheime Formel, die ans den Mosaiksteinchen feiner Einzelbeobachtilng erst das vollendete Gemälde schafft, vergessen hat. Deshalb ist sein Nomalt „Jüdinnen", in dem gar nichts geschieht. anfregeitder und aufwühlender als der Schnitzlers. Dort der köstlich kiihle Hauch reifer Erfüllung, hier der heiße Atem verhaltener Gier. Um das Stoffliche in einem Sah zu fassen: Die alternde Irene Popper aus Prag, die zur Kur in Teplitz;veilt, füllt - die leeren Stunden des Badeanfeuthaltes mit endlosen Monologen, zu deren Zuhörer sie sich den siebzehnjährigen Hugo erklärt. Nach de nt im Laboratorium nach helfender Familiendiplomatie die richtige Mischung von Liebe, Kanvenienz und Geld hergestellt ist, heiratet sie irgendein Exemplar robuster Männlichkeit. Um diesen dürftigen Tatbestand rankt sich die Fülle ausgiebiger Gestaltung. Gleich das erste Kapitel, die Begegnung zwischen Irene und Hltgo, dieses Zwiegespräch, wie es vielleicht wirklich nur unter Inden unserer Zeit möglich ist, zeigt Arod ans der Höhe seiner .Knust. Sie laboriert an den Nachwehen einer Entlobnng. er hat in der Schule Pech gehabt. Jeder hat ein „Geheimnis", und die Erinnerung qualvoller Tage scheint ein silbernes Band zu schmieden zwischen der weltgewandten Irene und dem knabenhaften Hugo. Sie glauben, daß der Adel des Unglücks sie und ihre Umgebung emporhebe. Hugo liebt Irene mit der vornehmen Inbrunst seines nnversnchten Empfindens; aber sein Intellekt erkennt erbarmungslos die Schwächen und Lügen Irenens. Sie beginnt für ihn lächerlich ,;u werden, aber seine ritterliche Liebe überwindet auch die stärkste aller Anfechtungen. Ihre Laune beglückt und demütigt ihn in wahllosem Wechsel. Wenn sie ihn quält, wenn sie ihre vergiftenden Haibwahrheiten auch gegen ihn schleudert, wenn sie sein junges Weltvertranen mit den ans Verbitterung und Erkennen geschöpften Meinungen zu erschüttern sucht, entschuldigt er ihre häßlichen Angriife mit ihrem Leid. Sein eigener Schmerz ist echt. Er ist so unglücklich, wie man es eben nur mit siebzehn Jahren sein fumt. „Herb ift der Frühling." Er fühlt die furchtbare Diskrepanz zwischen Wollen uitb Vermögen bis ins letzte Ende. Unb hier wird der sorgsam individualisierte Hugo mitm Typus. Denn wir alle haben einnml in verlorenen Sommernächten die Wucht der Weligeschicke auf die Wiu.-igkeit unseres Eigenerlebens bezogen und anfgeichlnchzt, wenn fern über den Wassern leiser Gegen klang wie der Schleier der erträumten Geliebten uns umweht. Einnml marett wir alle zarte Pagen, die zittern, wenn die Königin lächelt; voller Sehnsucht, aber ohne Begierde, wie der kleine tapfere Hugo Nosenthal. Die Seele der Inden hat im Lauf des letzten Jahrhunderts Wandlungen erlebt, die das Bereich psychologischer Wunder streifen. Aus betrieb}anteu Unternehmern wurden empfindsame Selbstbeobachter. Schon Ludwig Iakobowsky fand dafiir die Formel: „Werther der Jude." Irene die sich Hill und wieder dllrch Ohnmachtsanfälte interessant zu inachen sucht, wird der Schlagwortliebhaber „dekadent" nennen. Aber auch ihre mit Herrschsucht gepaarte Zerbrechlichkeit ist nur der Ausdruck eines Völkerschicksals. „Irr ihren Kleidern schiert sie wie in einem kalten Bade zu gittern, selbst wenn die heißeste Sonne schien." Während aus Jrerlens zersetzen-

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