KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1911-1912
- Issue
- Heft 1 (1.10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
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aus, was sie waren, und machten nicht nur den Mann unmöglich. sondern diskreditierten auch die Sache des Antisemitismus aufs schwerste. Zunächst aber mar doch die Ahlwardtsche Enthüllungsära nebst obligater agitatorischer Verwertung Wind in die Segel der antisemitischen Bewegung, wie er kaum jemals kräftiger geweht hat. Wie stark damals die antisemitische Stimmung war. das kam auf dem T i v o l i p a r t e i r a g e der konservativen Partei zum überraschenden Ausdruck. Die Konservativen Hallen nur äußerst selten Parteitage ab. Ihre autoritäre Natur sträubt sich dagegeit. Wenn sie sich Ende 1892 dennoch dazu entschlossen, so war es. weil die „Jungen" in der Partei — anch’ io! — allzu stürmisch auf eine Moderiusierung des Programms drängten. Der Tag wird mir unvergeßlich bleiben, wo wir jungen Leute in dein Rieseusaale des Berliner Tivoli die ehrwürdigen altkouservativen Größen so glatt in den Sand streckten. Ich bin noch heute stolz darauf, daß es mir gelang, die Forderung eines Sozialistengesetzes aus dem Programm auszumerzen. Weniger stolz bin ich nachträglich auf nteine Befürwortung der Aufnahme des antisemitischen Passus. Aber, alter Junge, hast Du in deinem Leben nie eine Dumlnheit gemacht? Die Stimmung war übrigens so überwältigend antisemitisch, daß es dem einzigen Redner, der vor dem Antisemitismus sehr bescheidentlich warnte, ziemlich übel erging, während der stärkste Beifall erscholl, als der geschlagene Gegenkandidat Ahlwardts erklärte: „Lieber 10 Ahlwardts in dem Reichstag a l s e i n e tt Fre i s, n n i ge n!" Tie Aufnahme des Antisemitismus in dasProgramm der konservativen Parket war der größte moralische Erfolg, der für ihn denkbar war. Bisher offiziell nur vertreten von einzelnen Parteisplitlerchen, wurde er nunmehr legitimer Besitz einer der größten Parteien, der Partei vor allem, die dem Throne am nächsten steht, die die wichtigsten Stellen im Staate besetzt. Ter Antisemitismus war hart an die Grenze der Hoffähigkeil herangerückt. Unter dent Einfluß dieser gewaltigen antisemitischer: Strömung sandelt die Reichstagswahlen von 1893 statt. Sie brachten den Antisemiten 16 Sitze, d. h. endlich die ersehnte Möglichkeit, eine eigene Fraktion zu bilden. Eine ganze Anzahl von anderen Abgeordneten — Frh. v. Langen, Rorher u.w. — wurden nochTgewähit, die vorher als richtige Antisemiten gegolten hatten, aber es nach der Wahl vorzogcn. in dem größeren und von ihnen wohl für solider gehaltenen konservativem Hause ihre Unterkunft zu suchen. Hessen war noch stärker antisemitisch vertreten als 3 Jahre zuvor. Im Königreich Sachsen, wo es Juden kaum gab, siegte man mit einem Schlage in 5 Wahlkreisen. Hier schienen die breiten Schichten des Mittelstandes, geängstigt vorder roten Gefahr, ärgerlich über die gouverneinentaljunkerliche Haltung der Konservativen, in dem Antisemitismus ihre berufene Vertretung erkannt zu haben. Das Jahr 1893 bezeichnet die parlameulansche Sonnenhöhe des Antisemitismus, wie 1880 feine geistige dargestellt hat. Von da an geht es rapide abrvärts. Die wirtschaftlichen Verhältnisse besserten üch nicht nur, sondern Deutschland erlebte eine Blüte, wie es sie noch nicht zuvor gekannt hacke. Diese Blüte wurde wesentlich gefördert durch die Eaprivckchen Handelsverträge, die die Antisemiten, thren wirtschaftlich rückständigen Anschauungen getreu, fanatisch bekämpft hatten. Die Rolle, die die 16 Mann im Reichstag spielten, war die denkbar kläglichste. Soviel Köpfe, soviel Sinne. Bei den meisten wichtigen Abstimmungen fiel man auseinander! Die einen stimmten dafür, die anderen dagegen, dritte enthielten sich. Tae Partei schien nichts wichtigeres zu kennen, als sich selbst zu neutralisieren. Die künstliche Einigkeit, die man einen Augenblick geschaffen hatte, schwand sofort wieder vor der reellen Meinungsve.schiedenheir. Lieberuuum v. Sonnenberg. Paul Förster, Zimmermanu, Ahlwardt, Köhler. Bocket — jeder vertrat eine andere Nuance. Die llntersch ede führten zur Feindschaft. Die Führer intrig-nerlen gegeneinander, haßten einander z. T. bitterer, als sie je einen Juden gehaßt hauen. Die parlamentarischen Leistungen waren gleich Null. Natürlich, wie sollte eine Partei etwas schaffen, in der Aristokraten und Demokraten. Munchesterlente und soziale Idealisten. Arbeckersreunde und kleinliche Mittelstandsmänner friedlich oder vielmehr unfriedlich neben einander saßen? Teilweise war ja das Abgeordnetenmatenal außerordemllch minderwertig. Aber auch die fähigen Elemente fanden mehr Freude an einer gelegentlichen phrasenhaften Rede als an zäher parlamentarischer Arbeit. Manche betrieben das Schlvänzei: planmäßig. Die besseren Elemente, angewidert durch die Zustände in ihrem eigenen engsten Kreise zogen sich enttäuscht zurück. Nachdem sie vielleicht 20mal erschienen waren und 2rna! geredet hatten, stand bei ihnen der Entschluß fest, nicht mehr zu kandidieren. Bon einer parlamentarischeu Vertretung des spezifisch antisemitischen Teils des Programms an der pch im Ker., doch die Eristenzberechtigung der Partei knüpfte, wurde kaum gedacht. Ueber ein paar lächerliche Anträge kam man n chr hinaus. Es zeigte sich eben, daß der Anlisemittsmus sich zwar in Volksversammlungen zu Schlagern verwerten, aber niemals in haltbare Gesetzvorlagen umgießen läßt. So machte man den:: in Agrarismus und Zünftlerei. im Schimpfen auf die Börse und auf die Warenhäuser, und benützte die Judenfrage lediglich dazu, um rhetorische Wirkungen auf der Tribüne zu erzielen.