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KC-Blätter · 1911-10-01 · Heft 1 (1.10.1911) · p. Seite 15

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 1 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 15 (sequence 15)
Language
German
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15 geströmt, Männer, Frauen nnd Kinder. Sprach er. so jauchzte ihm alles zu. und es kam wohl vor. daß Frauen ihre kleinen Kinder in die Hohe hielten und ihnen sagten: „Seht euch den Mann genau an. Das ist der 1)5. Böckel, unser Retter." Vieh freilich wurde auf diesen Märkten wenig umgesetzt. Ml* die anderen antisemitischen Führer sahen, wie fruchtbar der hessische Boden für ihre Ideen sei, unternahmen sie einen Wahlansturm darauf. Die konservativ-aristokratische Richtung Liebermanns übernahm die Bearbeitung Niederhessens. der Gegend um Kassel herum, während die antisemitischen Demokraten Bockelschen Schlages das preußische Oberhessen und das Großherzogtum Hessen beackerten. Die Reichslagswahlen von 1890 brachten 5 Siege. Beinahe halb Hessen war gewonnen. Die Oesfenllichkeit begann wieder, sich mehr mit dem Antisemitismus zu beschäftigen. Der Erfolg zeigt ja immer Gefolge. Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse begünstigten eine neue Blüte des Antisemitismus. Die Bismarcksche Schutzzollpolitik war an dem toten Punkt angelaugt. Eine Krisis erschütterte Deutschland, wie sie seit dem großen Krach md)t dagewesen war. Die Arbeitslosigkeit hatte unheimlich um sich gegriffen. Die wirtschaftliche Verzweiflung warf von neuem weite Schichten des Mittelstandes, denen das Verständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge abging, dem A 'itisemitismus in die Arme. Je plumpere Mittet dieser Wttnderdoktor aupries, tun so leichter fielen die Zünftler und andere Anhänger einer beschränkten Mmelstandspolitik darauf hinein. Ztir Gunst der Lage kaut das Glück hinzu, daß man eine Zugkraft ersten Ranges als anlisentitischen Agitator geivonnen hatte, den Rektor Ahlwardt. . Herr Ahlwerdt hatte in einem schuldeitreichen Schuldasein intime Kenntnis von einer kleinen jüdischen Wuchererklique Berlins erlangt. Die Beziehungen dieser Wucherer reichten sehr weit. bis an die Stufen des Thrones hinan. Höhere Beamtenkreise hatten sich in wenig schöne Geld- und noch weniger schöne Titel- und Ordensschachergeschichten eingelassen Alles das hatte Ahlwardt aus nächster Nähe kennen gelernt. Er veröffentlichte all diesen rnehr oder minder pikanten, mehr oder minder wahren Klatsch in einem Buch, das er bombastisch den „Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum" nannte. Was es an allgemeinen alttisemitischen Betrachtungen enthielt, war unglaublich konfus und albern. Was es an Tatsachenmaterial beibrachte, z. B. über die Schulden Kaiser Friedrichs oder über die Schwindeleien des Geheimen Hofrats Manchä. das war so sensationell, daß Ahlwardt mit einem Schlage ein berühmter Mann war. Er wurde in Prozesse verwickelt. Gerade durch sie stellte sich heraus, daß er in wesentlichen Punkten wirkich böse Mißstände enthüllt hatte. Das verschaffte ihm politischen Kredit. Als er mit neuen Enthüllungen über die „Judenflinten". d. h über das angeblich von der Firma Loewe an den Staat gelieferte schlechte Flintenmaterial. über den „Eid eines Juden", d. h. über einen angeblich straflos gebliebenen Meineid Bleichröders, über angebliche frühere finanzielle Schwindelmanöver Biquets usw. kam, da fand er vielfach Glauben. Tie Art seines Auftretens unterstützte seine Behauptungen. Er durchzog ganz Deutschland und hielt riesig besuchte Versammlungen ab. Ich wohnte eurer solchen Versammlung im Frühjahr 1892 in Magdeburg bei. Der größte Saal der Stadt war überfüllt. Unter den Anwesenden befanden sich höhere Beamte, viele Offiziere in Ziviel, kurz, ron? man ein „gutes" Publikum nennt. Ahlwardts Aeußeres heimelte an. Hinter seinem Vollmondsgesicht mit den munteren Aeuglein mochte man ebensowenig einen Schwindler vermuten, wie hinter seiner Redeweise, die eine Mischung von breitem pomnnn scheu Platt und unverfrorenem Berlinertnm darstVlte. Nonchalant stand er da und stellte mir gleichgültigster Mine die unerhörtesten Behauptungen auf. „Ich beschuldige hiermit den früheren Polizei Präsidenten v. Madai der Amtsverletzung, der Vernichtung von Urkunden, der Begünstigung eines Verbrechers. Ich klage den Minister v. Miguel an usw." Immer so fort im Zolaschen )'aceu-;a-Stil Das Publikum dachte bei sich: „Ist der Kerl frech." Nachdem Ahlrvardt eine Weile so weiter geredet hatte, schlug er plötzlich eine andere Tonart an und sagte: „Nun denkt gewiß jeder: da haben nur den richtigen Ahlwardt. Lügen und verleumden, ja, das kann er. Ja, meine Herrschaften, glauben Sie denn, daß der Herr Polizeilentnam, der hier neben mir sitzt, mich auch nur eine Sekunde hätte weiter reden lassen, wenn nicht jedes Wort wahr wäre? Er weiß genau so gut wie ich, daß ich die Wahrheit spreche. Sonst müßte er mich verhaften, müßte er die Versammlung anflösen. Er tut es nicht. Sein Schweigen ist -nein bester Zeuge." Viertausend Augen richteten sich auf den unglücklichen Polizeibeamten, der puterrot geworden war und nicht wußte, was er tun sollte. Schmunzelnd sah ihn Ahlwardt an, heimste tosenden Beifall ein und fuhr dann mit unerschütterlicher Seelenruhe fort. Er wußte, von nun an war er seines Publikums sicher. Offiziere und Beamte klatschten ihnt nicht nur Beifall, sondern beteiligten sich auch an der Nachversammlung, sangen dort die wüstesten Antisemirenlieder, brachten Hochs auf den „Rektor aller Deutschen" aus, subskribierten auf feine nächste Broschüre, kurz, verhalfen der „stimmungsvollen" Versammlung zu einem „stimmungsvollen" Ende. Natürlich stellten sich die Ahlwardtschen Schwirr- ' deleien nach nicht allzu langer Zett als das her-

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