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KC-Blätter · 1911-10-01 · Heft 1 (1.10.1911) · p. Seite 14

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Journal
KC-Blätter
Volume
1911-1912
Issue
Heft 1 (1.10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Moneten fehlten, hatte von Anfang an in der antisemitischen Bewegung gestanden. Nächst Stöcker war er ihr glänzendster Redner. Sein prallvolles Organ beherrschte die tosendste Volksversamrnlnng Ir nach Bedarf pathetisch oder witzig, immer aber schlagfertig, war er die gegebene Persönlichkeit, um etner oberflächlichen Bewegung zu dienen. Wissenschaftliche Kenntnisse gingen ihm völlig ab. Er tröstete sich damit, daß man eine poliusche Partei erst faktisch schaffen müsse. Die wissenschaftliche Begründung komme dann immer noch zurecht. Der erste Zusammenbruch der antisemitischen Bewegung zog ihn mit in den Strudel hinein. Schon stand er auf den: Sprunge, nach Amerika ausznwandern. Die Abschiedsfeier war bereits festgesetzt. Nur ein Zufall war es. der ihn dem Vaterland erhielt. Die Freundschaft mit Fritsch brachte ihm neue Arbeitsgelegenheit. Während Fritsch das Ressort des Innern verwaltete, übernahm er den Außendienst. Wissenschaftlich hatte er sich zwar inzwischen nicht vertieft. Das lag seiner Natur zu fern. Bts in seine heute recht gereiften Jahre hineilt ist er der Leutnant in der Politik geblieben. Aber er war klug gering^ um aus der ersten großen Niederlage seiner Sache die Lehre zu ziehen, dag man um Stimmungen keine Siege erficht, sondern nur durch planmäßige Kleincubeu. durch Organisation bis ins einzelne hinein tmd durch unablässige Agitation. Er blieb der zündende Bolksredner. Aber er wurde nebenbei einer der umsichtigsten Organisatoren, die Deutschland besitzt. In einem Wahlkreis, wo er die Wählleitung übernahm, konnte man mit 90 Proz. Wahrscheinlichkeit auf einen Sieg rechnen, selbst wenn die Verhältnisse noch so ungünstig lagen. Einen wichtigen Anstoß bekant die antisemitische Agitation durch einen Reichstagswahlsieg, der 1887 zur Ueberraschung der ganzen politischen Welt in Marburg erfochten wurde. Dort hatte in aller Stille ein begabter junger Blbliotheksbeamter, O. Bö ekel, ein antisemitisches Zentrum geschaffen. Studiert über das hessische Volkslied hatten ihn mit Dtu Bauern in enge Berührung gebracht. Er fand eine Bevölkerung vor, bei der ein Hauch genügte, um das antisemitische Feuer in hellen Flammen emporlodern zu lassen. Das Land hatte zunteist armen Boden. Die Verkehrsverhältnisse waren empörend schlecht. Für Regelung des Kredits ivar wenig geian. Viehhandel und Geldbesorgung ruhten fast ausschließlich in den Händen der Inden. Das Mißtrauen der Bauern gegen einander hatte sie groß machen helfen. Der Bruder verkaufte nicht dem Bruder die Kuh, ein Jude mußte dazwischen sein. Brauchte man Geld, so ging man nicht zur Sparkasse, aus Angst, die Geldverlegenheit könne bekannt werden, sondern zum Juden, auf dessen Diskretion man sich verlassen konnte. Man mußte sie freilich mit dem doppelten und dreifachen Zinssatz erkaufen. So hatte sich eine umfassende" wirthschaftliche Abhängigkeit der Bauern von den Juden herausgebildet. Viele Güterkamenzur Zwangsversteigerung, wurden, wie der technische Ausdruck lautet, von den Juden „ausgeschlachlet". Eine an sich tüchtige, spar- und arbeitsame, aber wirtschaftlich rückständige und vernachlässigte Bevölkerung seufzte unter einem unerhörten Druck, ohne zu wissen, w.e sie ihn abschütteln könne. Niemand hatte sich recht um sie gekümmert. Traditionsmäßig wühlte man irgend einen städtischen Konservativen, den ein städtisches Wahlkomnee präsentierte, ohne daß er sich selbst auf die Dörfer hinaus zu bemühen brauchte. Alles das sah Dr. Böckel. Und er entschloß sich, der Erlöser dieses armen Volkes zu werden. In der Tonart, die die Bauern verstunden, sprach er zu ihnen. Er war der erste, der auf den Dörfern Versammlungen abhielt. Zwei Leitmotive enthielten seine Reden. Das eine: der Jude ist der Feind. Das aktdere; der Bamr muß sich selber helfen. Das schlug ein. Alle Instinkte dieser schlummernden Bevölkerung verdichteten sich zu einem wilden Haß gegen den Juden. Und der praktische Bauernsinn fand daneben seine Befriedigung, indem auf den genessenschastlichen Zusammen chluß in Form von ländlichen Darlehnskassen und Konfumv.reinen als das einzige Mittel hingewiesen wurde, um wirklich aus der Judenknechtschaft herauszukommen. Bauern vereine wurden als das politische Rückgrat der Bewegung begründet. Selbst in der Stadt Marburg ahnte man kauln etwas von der Tiefe dieser Bewegung, als die Reichstagswahl!887 Herankain. Der konservative Mandalsinhaber, der sehr verdiente und' beliebte Justizrar Grnnm, der nach dazu eben erst einen des Mordes an einenr Juden angeklagten Schmied mit Erfolg verteidigt hatte, glaubte, ohne Mühe wie bisher wieder gewählt zu werden. Doch, siehe da, im ersten Wahlgang hob ihn der 27 jährige Vibliotheksafsiftent aus dem Sattel. Man war verblüfft. Aber vr. Böckel wußte seinen Sieg zu nützen. Zwar im Reichrag errang er sich teure Position. Aber in Hessen schuf er eine gewaltige Volksbewegung. Er gründete den Reichsherold und gewann ihm 14 0<>i) Leser, eine unerhörte Zahl für eine Landbevölkerung, die das Zeitungslesen kaum gekannt hatte. Die genossenschaftlichen und politischen Organisationen schossen wie die Pilze empor. Die judenfreien Viehmärkte wurden eingerichtet und zu wahren Volksfesten gestaltet. Natürlich mußte Böckel immer die Festrede halten. Berittene Bauernburschen ritten ihm entgegen. Ehrenjungfrauen empfingen ihn. Triumphbögen, Fahnen und Guirlanden zierten seinen Weg. Zu Tausenden war das Volk zusammen-

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